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Vermisstenfall:"Wir gehen aktuell davon aus, dass Mutter und Tochter tot sind"

Die Polizei sucht unter anderem nach diesem VW Tiguan.

(Foto: Polizei München)
  • Die Polizei verdächtigt den Ehemann der verschwundenen 41-Jährigen, sie und ihre Tochter ermordet zu haben.
  • Die Beamten fahnden zudem nach zwei Autos, mit denen der Verdächtige Mutter und Tochter weggeschafft haben könnte.
  • Der vorläufig Festgenommene schweigt zu den Vorwürfen.

Zwei Frauen sind verschwunden, die Polizei hat einen schrecklichen Verdacht - aber der Beschuldigte schweigt. Im Fall der Vermissten Maria Gertsuski aus Ramersdorf und ihrer Tochter Tatiana verdächtigt die Polizei den 44-jährigen Roman H., die beiden getötet zu haben. "Wir gehen aktuell davon aus, dass Mutter und Tochter tot sind", sagte Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins am Montag. Der Tatverdächtige wurde am selben Tag dem Haftrichter vorgeführt, die Staatsanwaltschaft verdächtigt ihn dringend des Mordes.

Die Polizei hatte den Deutschrussen bereits am Sonntagabend festgenommen. Der Angestellte eines Logistikunternehmens stammt aus Sankt Petersburg, lebt aber schon lange in Deutschland. Vor einem Jahr hatte er die heute 41 Jahre alte Maria Gertsuski geheiratet, gemeinsam waren sie in die Neubauwohnung in der Ottobrunner Straße gezogen, aus der die Mutter und ihre 16 Jahre alte Tochter am Freitag oder Samstag vor einer Woche verschwanden. Seitdem wurden sie nicht mehr gesehen. Die Telefone sind aus.

Kurz erklärt: Tatmehrheit

Im vorliegenden Fall ermittelt die Polizei wegen des Verdachts auf "Totschlag in Tatmehrheit mit Mord". Im Gegensatz zum geläufigeren juristischen Fachbegriff der "Tateinheit" handelt es sich um "Tatmehrheit", wenn einer Person verschiedene Straftaten zur Last gelegt werden, die im juristischen Sinne getrennt voneinander zu bewerten sind, etwa weil sie zu verschiedenen Zeitpunkten stattgefunden haben oder weil man von sich nicht überschneidenden Motiven für die einzelnen Taten ausgeht. Kommt es zu einer Verurteilung "in Tatmehrheit", bekommt der Täter eine Strafe, die sich ausgehend von der schwersten Einzeltat erhöht.

Trotz intensiver Ermittlungsarbeit über das Wochenende hat die Polizei derzeit weder einen Anhaltspunkt darüber, wo sich die Frauen lebendig aufhalten, noch darüber, wo der Täter ihre Leichen versteckt haben könnte. Der inzwischen tatverdächtige Ehemann hatte sie am vorigen Montag als vermisst gemeldet und erklärt, sie seien am Samstagmittag von ihrer Wohnung in der Ottobrunner Straße aufgebrochen, um ins Neuperlacher Einkaufszentrum Pep zu fahren. Mit dem Bus der Linie 55 wären das etwa 15 Minuten Fahrt. Aber ob die beiden je dort angekommen sind, ist ungewiss. Die Polizei zweifelt an den Angaben des Ehemannes, wonach seine Frau und deren Tochter gegen 14 Uhr das Haus verlassen hätten. In den Angaben bei der Vermisstenmeldung gebe es "erhebliche Lücken und Widersprüche" erklärte Polizeisprecher da Gloria Martins.

Nachdem am Donnerstag die Experten der Spurensicherung die Wohnung der Familie abgesucht hatten, wurde der Fall an die Mordkommission übergeben, wo seitdem 20 Beamte in der Einsatzgruppe "Duo" mit Hochdruck an dem Fall arbeiten. Unter anderem wurden Aufzeichnungen aus Videokameras in der Umgebung sowie aus Bussen und Bahnen ausgewertet. Die Wohnung ist versiegelt und wird als erweiterter Tatort behandelt.

Hat der Täter seine Opfer möglicherweise mit dem Auto fortgeschafft? Die Polizei veröffentlichte am Montag Bilder des Tatverdächtigen sowie der beiden Autos der Familie: eines roten Hyundai i30 mit Kennzeichen M-TG-1720 und eines dunkelgrauen VW Tiguan mit Kennzeichen A-Q-9717. Polizeisprecher da Gloria Martins bat die Bewohner des Viertels im Münchner Osten, sich an die Polizei zu wenden, wenn ihnen etwas aufgefallen ist: "Wer hat in der Zeit von Freitag, dem 12.7., bis Sonntag, dem 14.7., Wahrnehmungen zum 44-jährigen Tatverdächtigen gemacht beziehungsweise wem sind diese Fahrzeuge aufgefallen?". Vielleicht habe sich ein Taxi- oder Busfahrer oder jemand, der mit dem Hund spazieren geht, mal kurz gefragt: "Warum ist der in dem Auto da so nervös?". Außerdem appellierte die Polizei an Freunden, Bekannten oder Kollegen der Familie, Beobachtungen zu melden, "selbst wenn diese banal erscheinen mögen". Hinweise können unter 089/2910-0 an die Mordkommission oder an jede andere Polizeidienststelle gerichtet werden.

Die 41 Jahre alte Maria Gertsuski stammt aus Moskau und war vor etwa 20 Jahren mit ihrem ersten Mann nach Deutschland gekommen, der in München als Facharbeiter eine Stelle fand. Sie hatte in Moskau Französisch studiert und lernte in München schnell Deutsch. Zuletzt arbeitete sie bei einem Unternehmen für Chemie- und Laborbedarf im Kundendienst. Ihre Tochter Tatiana wurde hier geboren, sie besuchte ein Münchner Gymnasium. Vor einigen Jahren ging die Ehe mit Tatianas leiblichem Vater in die Brüche. Maria Gertsuski heiratete Roman H.

Die Frau hatte täglich mit ihrem verwitweten Vater telefoniert, der alleine in Moskau lebt. Alle zwei Monate hatte sie ihn besucht. Dass der Kontakt vor einer Woche unvermittelt abbrach, war einer der Gründe, weshalb schnell der Verdacht aufkam, dass Mutter und Tochter nicht aus freien Stücken untergetaucht waren. Das Telefon in Moskau ist seitdem stumm.