Am Ende der Apianstraße in Schwabing, wo die lärmende Belgradstraße bereits in Hörweite ist, gibt es einen dreieckigen Platz, der – freundlich ausgedrückt – nicht eben zum Verweilen einlädt. Zwar stehen dort einige Bäume, doch darunter sind die Grünflächen von Metallbügeln umzingelt; drumherum prägen wild abgestellte Fahrräder, geparkte Autos und mehrere Müllcontainer das trostlose Bild. Doch just hier soll im kommenden Sommer vorübergehend eine „Begegnungsoase“ entstehen – mit Palettenmöbeln, Hochbeeten, Pflanzkübeln und einer Wand für Kunstwerke. So sieht es zumindest einer von sechs Ideenvorschlägen vor, die im Rahmen des Projekts Mosaiq in Schwabing-West und in Moosach umgesetzt werden sollen.
Aus Grau wird Grün, mobile Sitzmöbel steigern die Aufenthaltsqualität und Hochbeete laden zum gemeinsamen Gärtnern ein: All das erinnert frappierend an einen Verkehrsversuch, dem 2023 erst münchen- und später sogar bundesweite Aufmerksamkeit zuteilwurde. Gemeint ist das Projekt „Autoreduzierte Quartiere für eine lebenswerte Stadt“ (AQT), für das unter anderem die Kolumbusstraße in der Au für einige Monate gesperrt wurde, um dort Rollrasen zu verlegen sowie Sitzmöglichkeiten, Hochbeete und einen Sandkasten aufzustellen. All das sorgte seinerzeit für einige Begeisterung im Viertel – aber auch für harsche Kritik, öffentliche Auseinandersetzungen und sogar eine Klage, die das vorzeitige Ende des Verkehrsexperiments erzwang.
Hinter jenem Projekt stand das Forschungsnetzwerk MCube. Dieses will unter Federführung der Technischen Universität München (TUM) und gefördert vom Bundesforschungsministerium untersuchen, wie die Zukunft der Mobilität aussehen kann. Nach einer ersten Phase mit AQT und zehn weiteren Projekten von 2021 bis 2024 hat MCube nun eine zweite Runde mit Untersuchungen eingeläutet. So laufen seit dem vergangenen Jahr insgesamt neun Forschungsprojekte, etwa zu Carsharing-Modellen, autonomem Fahren sowie „Mobilität und Stadtklima im Zukunfts-Quartier“ – kurz: Mosaiq.
„Wir wollen Ansätze finden, wie die Mobilität in einem Viertel verbessert und zugleich die Aufenthaltsqualität gesteigert werden kann – unter Berücksichtigung des Stadtklimas“, sagt Gebhard Wulfhorst. Er leitet an der TUM den Lehrstuhl für Siedlungsstruktur und Verkehrsplanung und ist einer von vier Direktoren bei MCube. Beim Mosaiq-Projekt gehe es vor allem darum, „konkrete Lösungen zu erarbeiten, die dann temporär erprobt werden“, sagt Wulfhorst. Auch diese Umschreibung erinnert stark an den Verkehrsversuch in der Kolumbusstraße, wo die Forschenden stets von einem „Reallabor“ gesprochen hatten. Anders als bei AQT, wo man „wertvolle Erfahrungen gesammelt hat mit der Umsetzung von Straßenraumexperimenten“, so Wulfhorst, würden die Projektideen bei Mosaiq jedoch weit weniger einschneidend ausfallen.
Zudem setze man hier auf eine noch umfassendere Bürgerbeteiligung, die „sehr intensiv, sehr frühzeitig und sehr offen“ erfolge, sagt der TUM-Professor. Tatsächlich hatte es in der Kolumbusstraße lautstarke Klagen von Anwohnern gegeben, die sich durch den Verkehrsversuch überrumpelt und übergangen gefühlt hatten. Wohl auch wegen dieser Erfahrung setzt Mosaiq auf ein enges Einbinden der Menschen vor Ort. „Das wirklich Innovative bei dem Projekt ist der Beteiligungsprozess“, betont Gebhard Wulfhorst. So konnten die Anwohner in den Quartieren Schwabing-West und Moosach im vergangenen Sommer Vorschläge für eine temporäre Umgestaltung des öffentlichen Raums einreichen. Sie wurden danach bei einer „Projektschmiede“ von den Bürgerinnen und Bürgern selbst – und unterstützt durch Fachleute – zu Konzepten ausgearbeitet. Aus diesen wählte eine Jury dann jeweils drei Ideen pro Quartier aus, die nun ab diesem Sommer zeitlich befristet erprobt werden sollen.
„Alle Projektvorschläge stammen aus der Bürgerschaft selbst“, betont Gebhard Wulfhorst. Dies sei auch insofern wichtig, als „eine gute Beteiligung nicht nur für die Akzeptanz eine Rolle spielt, sondern auch für den Erfolg des Projekts“. In Schwabing-West gibt es neben den Plänen für eine Begegnungsoase in der Apianstraße noch zwei weitere Vorhaben. Zum einen sollen in der Fallmerayerstraße temporär aufgestellte Bäume, Parklets und neue Querungsstellen für mehr Grün und mehr Sicherheit sorgen. Zum anderen will Mosaiq es Fußgängern und Radfahrern erleichtern, die Hohenzollernstraße auf Höhe der Fallmerayer- und Isabellastraße zu überqueren.
Im Weiteren hat die Jury auch in Moosach drei Projektideen herausgepickt. Die erste sieht eine Umgestaltung der Kreuzung von Nanga-Parbat-, Hugo-Troendle- und Karlingerstraße in einen „Begegnungsort im Viertel“ vor. Zweitens sollen mithilfe von Parklets sichere Fußwege geschaffen werden. Und drittens ist das Aufstellen von begrünten Sitzmöglichkeiten im Quartier geplant, um „auch bei Hitze einen angenehmen Aufenthalt im Freien zu ermöglichen“.
Diese sechs Projektideen sollen laut Gebhard Wulfhorst nach der Kommunalwahl den beteiligten Bezirksausschüssen zur Genehmigung vorgelegt werden. Im Falle eines Plazets würden sie dann von kommendem Sommer an für mehrere Monate bis zu einem Jahr erprobt – stets unter wissenschaftlicher Begleitung. Eine Verstetigung der Ideenvorschläge sei im Rahmen von Mosaiq nicht vorgesehen, heißt seitens MCube. Jedoch könnten nach Abschluss der Projekte Empfehlungen für eine dauerhafte Umsetzung ausgesprochen werden.

