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Verkehrspolitik:Heimatlos auf Münchens Straßen

Grundschule an der Lerchenauer Straße, 2010

Für Tretrollerfahrer sind keine eigenen Spuren vorgesehen. Im Münchner Straßenverkehr kann es für sie oft gefährlich werden.

(Foto: Robert Haas)

Politiker denken nur an Autos, Radfahrer und Fußgänger - und geben ihnen jeweils eigene Spuren. Andere Verkehrsteilnehmer hingegen werden offen diskriminiert: Tretrollerfahrer zum Beispiel, um nur mal eins zu nennen.

Glosse von Max Ferstl

Wie offen manche Verkehrsteilnehmer auf Münchens Straßen diskriminiert werden, konnte man vor einigen Tagen in der Fraunhoferstraße beobachten. Es ist kein Zufall, dass es gerade dort geschah, denn in der Fraunhofer liegen die Nerven blank, seit die Stadt den Autofahrern einen Teil ihres Territoriums geraubt und in Radwege umgewandelt hat. Prinzipiell keine schlechte Idee - wenn in München ausschließlich Fahrräder und Autos herumfahren würden.

An besagtem Tag jedoch war auf dem roten Radstreifen ein Junge auf seinem Tretroller unterwegs. Das an sich wäre schon schlimm genug gewesen, denn ein Radweg ist eindeutig ein Radweg. Weil der Junge zudem in die falsche Richtung fuhr, sah sich ein Autofahrer dazu veranlasst, laut zu hupen und mahnend den Zeigefinger zu heben (jedenfalls hofft man für ihn, dass es der Zeigefinger war). Verschreckt wechselte der Geisterroller auf den Gehweg zu den Fußgängern, die den Eindringling missgünstig beäugten.

Ein Einzelfall? Eher nicht. Das Unrecht der Straße ist systemisch. Die gängigen Verkehrskonzepte konzentrieren sich auf wenige, privilegierte Gruppen: Autos, Busse, Fußgänger, sie alle haben eigene Spuren. Vor allem Radfahrer bekommen gerade immer mehr Platz - und das sogar in hip, Stichwort: Pop-up-Bikelanes. An Tretrollerfahrer denkt mal wieder keiner. Die Straßenverkehrsordnung bannt sie auf die Gehsteige, auf dass sie zwischen Fußgängern Slalom fahren. Die Kollision ist programmiert. Trösten mag einzig der Gedanke, dass es E-Scooter-Fahrern und Skateboardern nicht besser ergeht, was die Abwesenheit einer eigenen Spur betrifft: Sie sind Heimatlose der Straße. Sie gehören nirgends dazu und keiner will sie haben. Wann immer sie die Pfade der Etablierten kreuzen, werden sie angehupt oder beschimpft.

Was sie eigentlich verdienen, wäre Mitleid. Oder eine eigene, nach ihnen benannte Spur. In einer besseren Welt gäbe es zum Beispiel eine Inliner-Line für Rollschuhfahrer. Segways würden sich auf einem Seg-Way nur noch gegenseitig über den Haufen fahren. Und Tretrollerfahrer hätten ein Recht auf einen Trettoir. Klar, man bräuchte etwas Platz für geschätzt 40 verschiedene Spuren. Aber es könnte ein Tritt in die richtige Richtung sein.

© SZ vom 13.07.2020/kafe

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