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Verkehr in München:Die Tram soll's richten

Die grün-rote Rathauskoalition will das Münchner Tramnetz deutlich ausbauen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Grüne und SPD wollen sechs neue Trassen prüfen lassen, die den Nahverkehr entlasten und neue Wohngebiete erschließen sollen. Doch auch wenn der Stadtrat dem bald zustimmt, dürfte es noch Jahre bis zur Verwirklichung dauern.

Von Andreas Schubert

München erstickt im Verkehr. Weil der Bau neuer U-Bahnlinien sehr lange dauert, soll's jetzt die Tram richten. Sechs neue Verbindungen wollen SPD und Grüne in einer Machbarkeitsstudie prüfen lassen. Die sollen neue Wohngebiete erschließen und das bestehende Nahverkehrsnetz entlasten und ergänzen.

Konkret schweben der Rathauskoalition eine direkte Tramverbindung vom Hauptbahnhof in den Münchner Norden zur Erschließung der Bayernkaserne und der Städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme (SEM) Nord vor, eine Tram vom Deutschen Museum nach Neuperlach-Zentrum, die eventuell über Waldperlach bis nach Putzbrunn verlängert werden kann, dann eine Südtangente zwischen Waldfriedhof und Ostbahnhof, eine Linie von der Kreillerstraße über die Wasserburger Landstraße nach Haar, eine Tram in die Parkstadt Solln und schließlich eine Linie zur Erschließung des Gebiets der SEM Nordost: Hier soll ein Ringschluss zwischen der von Norden kommenden Tram 17 und der von Süden kommenden Tram 20 geprüft werden.

Mit den neuen Linien soll auch das alte radial auf das Zentrum ausgelegte Verkehrsnetz eine neue Ausrichtung bekommen. Der Münchner Nahverkehr sei stark auf Umsteigebeziehungen in der Innenstadt ausgelegt, sagt Nikolaus Gradl, der verkehrspolitische Sprecher der SPD. Deshalb brauche es dringend Trambahn-Tangenten. Man wolle nun die Weichen stellen für einen Trambahnring und schnellere Verbindungen. Grünen-Verkehrsexperte Paul Bickelbacher erklärt den Bau neuer Tramstrecken zu einer "dringenden Aufgabe" der Münchner Verkehrspolitik, gerade um rasch wachsende Gebiete am Stadtrand besser an den öffentlichen Nahverkehr anzuschließen.

Die nun eingebrachten Ideen sind nach Auskunft der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) nicht "nagelneu", wie es MVG-Sprecher Matthias Korte ausdrückt. Sie würden schon länger diskutiert, die Tramplaner der MVG hielten besagte Strecken für vielversprechend.

Die Tram hat gegenüber dem Bus vielerlei Vorteile: Die aktuellen vierspännigen Züge fassen 220 Fahrgäste, künftige Tram-Generationen würden noch deutlich mehr fassen. Zum Vergleich: In einen normalen Gelenkbus passen maximal 100 Personen, in die langen Busse mit Anhänger 130. Weil die Tram zudem weitgehend auf eigenen Trassen fährt, ist sie schneller unterwegs. Nicht zuletzt ist sie bei den Münchnern beliebt.

Von heute auf morgen ließen sich neue Strecken aber nicht realisieren. Allein eine Machbarkeitsstudie dauert mindestens ein Jahr, dann folgen Planungs- und Planfeststellungsphase, dann der Bau. Schaut man sich die bereits relativ weit gediehene Tram-Westtangente an, so sind seit einem ersten Stadtratsbeschluss bereits fast 30 Jahre vergangen. Vor vier Jahren fiel dann endgültig die Entscheidung für die Trasse. Gerade läuft noch das Planfeststellungsverfahren, in dem 39 Einwendungen zu bearbeiten sind. Baubeginn könnte laut MVG im Idealfall 2023 sein, dann dauert es etwa drei weitere Jahre bis die 8,4 Kilometer lange Strecke fertig ist.

Weil sie kürzer ist, könnte die Nord-Tangente durch den Englischen Garten schon 2025 befahrbar sein, sofern im Stadtrat nächstes Jahr der Trassierungsbeschluss fällt. Die Verlängerung der Tram von Schwabing Nord bis Kieferngarten soll ebenfalls Anfang 2021 beschlossen werden und könnte dann frühestens Ende 2026 in Betrieb gehen. Zum Vergleich: Die Verlängerung der U 5 nach Pasing wird wohl nicht vor 2029 vollendet sein, bis sie nach Freiham weiterfährt, dauert es voraussichtlich bis Ende der 2030er-Jahre - in etwa so lange wie die geplante U 9 durch die Innenstadt.

Weil aber auch eine neue Straßenbahntrasse kein kurzfristig umsetzbares Infrastruktur-Projekt ist, stößt der Antrag der Rathauskoalition zwar auf Zustimmung, aber auch auf Skepsis. Während sowohl der Arbeitskreis Attraktiver Nahverkehr und der Fahrgastverband Pro Bahn am Freitag ihr uneingeschränktes Wohlwollen bekundeten, kamen aus dem Rathaus auch kritische Stimmen. Man begrüße die Pläne grundsätzlich, ließ ÖDP-Fraktionschef Tobias Ruff wissen. Er verweist allerdings auf die lange Realisierungsdauer. "Der Zeitplan, den Grün/Rot vorstellt, dass bis 2025 mit diesen Maßnahmen 80 Prozent des Verkehrs umweltfreundlich abgewickelt werden können, ist Augenwischerei", so Ruff, der dann auch noch ganz grundsätzlich wird: Wenn weiterhin auf maximale Bebauung und Nachverdichtung aller Flächen gesetzt werde und die Bevölkerungsdichte immer weiter zunehme, könne das auch nicht durch einzelne Tram-Linien aufgefangen werden.

CSU-Fraktionschef Manuel Pretzl teilte auf Nachfrage mit: "Der grün-rote Antrag ist erst mal nur ein sehr teurer Wunschzettel. Das reicht vielleicht für den Weihnachtsmann, aber nicht für eine seriöse Verkehrsplanung." Dass die Tram ausgebaut werden soll, sei längst Konsens im Stadtrat. Eine Entlastung des Verkehrsnetzes müsse möglichst schnell geschehen. Wo es sinnvoll sei, wolle man bestehende Tramlinien verlängern und auch auf neue Buslinien setzen. Fritz Roth von der FDP dagegen sagte, der Antrag sei ein "konstruktiver Beitrag" zur Verkehrspolitik, auch bei der aktuell knappen Haushaltslage. Die Machbarkeitsstudie werde man auf jeden Fall mittragen.

© SZ vom 28.11.2020/van/lfr
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