Auf den ersten Blick erinnert an der Trambahnhaltestelle an der Donnersbergerstraße nichts mehr an die Katastrophe, die sich am 7. Mai dieses Jahres hier ereignet hat. Zur Mittagszeit kollidiert ein SUV-Fahrer auf der Arnulfstraße mit einem Kleintransporter, verliert die Kontrolle über sein Fahrzeug, kommt von der Fahrbahn ab und kracht mit hoher Geschwindigkeit frontal in das Wartehäuschen der Tramhaltestelle. Mehrere Menschen werden teils schwer verletzt, eine 22-jährige Studentin und eine 79-jährige Münchnerin erliegen wenige Tage nach dem tragischen Unfall ihren schweren Verletzungen. Seitdem tobt eine breite Debatte darüber, wie sich solche Katastrophen verhindern lassen – und wie Wartende an Tram- und Bushaltestellen besser geschützt werden können.
Immer wieder kommt es in Deutschland zu Unfällen an Bus- und Straßenbahnhaltestellen – häufig an viel befahrenen Straßen und immer wieder wegen überhöhter Geschwindigkeit, Unaufmerksamkeiten oder auch gesundheitlicher Probleme der Autofahrer. Einer der schlimmsten Unfälle an Haltestellen ereignet sich im März 2021 in Leipzig: Auf der Prager Straße an der Haltestelle Franzosenallee missachtet ein 50-Jähriger mit seinem Smart offenbar eine rote Ampel, rast über den Rechtsabbiegestreifen und erfasst vier Passanten, die gerade die Straße überqueren. Der Wagen stößt anschließend mit einer Fußgängerampel zusammen und gerät ins Gleisbett der Tram. Drei Menschen sterben bei dem Unfall.
Am 9. Juli 2023 rast ein 22-jähriger Fahrer mit 144 Kilometern pro Stunde durch die Münchner Innenstadt, um einer Polizeikontrolle zu entkommen. An der Kreuzung der Dachauer Straße mit der Schwere-Reiter-Straße kollidiert er mit einem anderen Fahrzeug; sein Auto schleudert daraufhin in die Tramhaltestelle am Leonrodplatz. Zwei junge Männer werden von dem Auto erfasst, einer der beiden – ein 18-Jähriger – stirbt noch am Unfallort.
Eigentlich zählt die Straßenbahn mit der U-Bahn zu den sichersten und zuverlässigsten Verkehrsmittel im öffentlichen Personennahverkehr. Unfälle auf offener Strecke sind eher selten – auch im Münchner Tramnetz mit seinen etwas mehr als 80 Kilometern Strecke, das von der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) betrieben wird. Die Gefahr lauert eher auf der Straße.

„Die gefährlichsten Stellen sind die, an denen Autofahrer direkt auf Haltestellen zufahren“, sagt ein Sprecher des Fahrgastverbands Pro Bahn. „Und das potenziert sich in München. Es gilt noch viel zu oft Tempo 50, an das sich viele Autofahrer nicht halten, und die Autos selbst werden auch immer schwerer und so zur Bedrohung.“ Besonders gefährdet, so der Pro-Bahn-Sprecher, seien dabei die sogenannten Inselbahnsteige; also Haltestellen, die sich – wie auf der Arnulfstraße – inmitten der Straße zwischen den Fahrbahnen befinden. Und diese Inselbahnsteige machen den Großteil der Haltestellen im Münchner Tramnetz aus.
Darüber, ob sich der Unfall an der Haltestelle Donnersbergerstraße hätte verhindern lassen können, will Münchens Zweiter Bürgermeister Dominik Krause (Grüne) nicht spekulieren. Der Vorsitzende des Mobilitätsausschusses im Rathaus verweist darauf, dass die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in diesem Fall bisher nicht abgeschlossen seien: „Aber natürlich sind mehr Sicherungsmaßnahmen besser als keine.“ Maßnahmen wie etwa Geschwindigkeitsreduzierungen und bauliche Veränderungen seien für ihn daher eine Option, um mehr Sicherheit für Wartende gewährleisten zu können. Das Mobilitätsreferat der Stadt, so Krause, prüfe daher derzeit auf seine Bitte, was an Haltestellen rechtlich überhaupt umsetzbar sei; zugleich schränkt der Zweite Bürgermeister aber auch ein: „Die Straßenverkehrsordnung gibt den Kommunen leider nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten.“

Was möglich ist, lässt sich indes am umgestalteten Romanplatz in Nymphenburg bestaunen. Dieser ist eine der wichtigsten Verkehrsdrehscheiben im Münchner Westen. Drei Trambahnlinien – die 12er, 16er und 17er – sowie mehrere Buslinien laufen hier zusammen. Von 2028 soll zudem die über die Westtangente verlängerte Tram 12 Schwabing und Obersendling über den Romanplatz miteinander verbinden. Wuselig geht es aber bereits gegenwärtig auf den Bahnsteigen inmitten des Platzes zu. Seit dem Umbau schützen mehrere Meter hohe Glasdächer am Rand der Haltestellen die Wartenden vor schlechter Witterung, daneben stehen massive Stelen, die den Wartebereich von der Straße abgrenzen.
Zudem ist der architektonisch ansprechende Bereich mittlerweile komplett barrierefrei, obwohl die Bahnsteige – auch aus Sicherheitsgründen – auf eine Höhe von 30 bis 35 Zentimeter angehoben wurden. Für Krause ist der Romanplatz daher „ein gelungenes Beispiel für sichere Haltestellen“. Ein Umrüsten wie am Romanplatz sei aber bei vielen Haltestellen in Mittellage von Straßen nicht möglich. Wohl aber etwa an der Haltestelle am Isartor. Auch dort wurden die Bahnsteige erhöht und der gesamte Bereich auch für Menschen mit Einschränkungen zugänglich gemacht.

Seitens der MVG heißt es, im Rahmen des barrierefreien Ausbaus der Haltestellen würden Bahnsteige angehoben und zusätzlich sogenannte Spritzschutzgeländer angebracht. „Die Geländer sollen Fahrgäste davor schützen, unabsichtlich auf die Fahrbahn zu geraten“, so ein MVG-Sprecher, der aber auch einräumt: „Es handelt sich dabei nicht um eine Maßnahme, die ein Auto stoppen kann.“ Aus Sicht des Trambetreibers ist aber auch klar: „Das in der Diskussion stehende Risiko geht nicht von der Haltestelle oder den wartenden Fahrgästen aus, sondern wird durch den Kfz-Verkehr verursacht.“ Daher müsse die Landeshauptstadt dafür Sorge tragen, dass der Straßenverkehr nicht zur Gefahr für wartende Fahrgäste werde.
In den Geländern erkennt indes der Fahrgastverband Pro Bahn mehr eine Bedrohung als einen Schutz, weil diese Fluchtwege versperren würden. „Sinnvoller wären an Haltestellen Poller“, sagt der Pro-Bahn-Sprecher. Dass nun eine Diskussion über die Sicherheitslage für Wartende an Haltestellen in Gang gekommen ist, sei einerseits angesichts der tragischen Unfälle der jüngeren Vergangenheit bitter. „Aber wir brauchen diesen Bewusstseinswandel. Wir haben viel zu lange gesagt: Es gibt nun mal Verkehrstote“, so der Sprecher. „Wir sind aber auch erst am Anfang dieser Diskussion.“

