Verkehr in München:So werden die Sommerstraßen angenommen

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Sommerstraßen

Auf der Südlichen Auffahrtsallee in Neuhausen nutzt die kleine Frida den neugewonnenen Platz zum Roller-Üben.

(Foto: Florian Peljak)

Die Stadt hat 14 Straßen vorübergehend zu Fußgängerzonen umfunktioniert. Doch nicht alle überzeugt dieses Sommer-Konzept.

Von Sabine Buchwald

Helm auf und los. Frida stellt ihren roten Kopfschutz nicht in Frage. Ein mutiges Mädchen scheint die Vierjährige zu sein, das nicht viele Worte macht. Frida probt ihren Roller - und wegen eines Helms keinen Aufstand. Wenn sie schnell anschiebt, dann blinken die kleinen Räder ihres Kunststoff-Gefährts so schön wie die Lichter an einem Kettenkarussell. Ihre Großmutter, mit der sie zu der sogenannten Sommerstraße an der Südlichen Auffahrtsallee gekommen ist, fragt: "Wäre es nicht cool, wenn das hier immer so wäre?" Frida antwortet mit einem Kunststück: Sie nimmt Schwung und dann die Hände vom Lenker.

Auf Autos muss das blonde Mädchen nicht achten, die wenigen Radfahrer, die hier durchkommen, fahren langsam und passen auf. Der Asphalt gehört Frida und den anderen, die hierhergekommen sind. Da sind etwa der kleine Liam, der seinem Ball nachsaust, die drei Freunde mit ihrem Hund, die sich zum Ratschen auf den harten Boden gesetzt haben, oder die Familie mit dem Federball-Set, die sich Sätze auf Deutsch und Spanisch zuwirft.

Deutliche Absperrungen am Anfang und Ende grenzen in allen anderen derzeit 14 Münchner Sommerstraßen das Straßenstück ein. Gelbe Schilder mit Verhaltensregeln und hier sogar mit Fächerpalmen bepflanzte Blumengefäße weisen darauf hin, dass etwas anders ist als sonst: Von der Ecke Waisenhausstraße an, zwischen dem Grünwald-Park und dem Nymphenburger Kanal, ist die Südliche Auffahrtsallee für Autos jeglicher Art bis 25. September gesperrt. Die Idee der Sommerstraßen vom vergangenen Jahr hat die Stadtverwaltung heuer noch erweitert. Sie soll den Anwohnern während der heißen Ferienwochen mehr Bewegungsraum verschaffen, ihnen Möglichkeiten zum ungestörten Spielen und Beisammensein eröffnen - ohne konsumieren zu müssen.

Um gegenseitige Rücksichtnahme bittet die Stadt auf den großen gelben Schildern, besonders nach 22 Uhr. Auch auf Müllvermeidung und gebührenden Abstand, um ein Infektionsrisiko zu vermeiden. Im Corona-Sommer 2020 sind einige dieser neuen Erholungsorte dazu gekommen, weil ferne Urlaubsziele weggefallen sind: etwa in der Innenstadt, in Aubing, Pasing, Laim, Ober- und Untergiesing, Schwabing, Sendling, in der Schwanthalerhöhe. Manche der Straßen sind nur verkehrsberuhigt. Das heißt, Anwohner dürfen ihr Auto noch vors Haus kutschieren, um beispielsweise etwas auszuladen, aber dauerhaft abstellen dürfen sie ihr Fahrzeug vorübergehend nicht mehr. Andere Straßen, wie in Nymphenburg, sind ganz für Pkw gesperrt.

Sommerstraßen

Autofreie Szenen in München: Die Westenriederstraße wurde auch in diesem Jahr wieder als "Sommerstraße" ausgewählt.

(Foto: Florian Peljak)

Nicht alle Bürger überzeugt dieses Sommer-Konzept. Besonders wohl diejenigen nicht, die auf ihre gewohnten Parkplätze verzichten müssen und nur schwer alternative Abstellplätze finden können oder gar eine Parklizenz erworben haben.

Die Maronstraße in Sendling etwa ist so ein Fall. Die Straße zwischen Kraelerstraße und Paul-Meisel-Weg hat durch die temporär aufgestellten Blumeninseln ein paar leuchtende Farbkleckse dazugewonnen. Vor jedem Pflanzentrog steht ein Gartenstuhl. Recht isoliert allerdings sitzt man dort, wenn man der Einladung zum Verweilen folgt. Am Samstagnachmittag hat ein älterer Herr mit Rollator dort Rast gemacht. Vielleicht hätte er gerne auf spielende Kinder und ein kühles Getränk geschaut. Aber nichts dergleichen ist vor seinen Augen zu sehen. "Sag der Bedienung, sie soll dir a Hoibe bringa", ruft ihm lachend ein vorbeifahrender Radfahrer zu. Ein Bier könnte er bestellen, hätte er es sich im nahen Wirtshaus "Tannengarten" bequem gemacht. Auch die immergrüne Stemmer-Wiese liegt nicht weit, und man darf sich schon fragen, warum ausgerechnet die Maronstraße ausgewählt wurde.

Ob der Sendlinger Sommerstraßen-Gast dann doch noch sein Bier bekommen hat, ist nicht bekannt. Auch nicht, was die Dame eines Pflegedienstes von der Verkehrsberuhigung hält. Sie stellt notgedrungen ihr Auto mit Warnblinkern halb auf dem Gehsteig ab und fährt eilig mit quietschenden Reifen davon.

Darf man in Sommerstraßen eigentlich grillen? Diese Frage bewegt zwei Familien, die in der Astallerstraße auf mitgebrachten Klappstühlen in der Runde sitzen. Diese Sommerstraßen sind doch eigentlich eine tolle Idee mit viel Potenzial, sagt eine der beiden Frauen. Die Männer wiegen je einen Säugling auf ihren Oberschenkeln und nicken dazu. "Wir fragen uns, wo die Leute sind?", sagt einer von ihnen.

Sommerstraßen

Am Hohenschwangauplatz kann man nun zum Beispiel Federball spielen.

(Foto: Florian Peljak)

Man könnte doch durchaus einiges veranstalten hier: Tische rausstellen, picknicken, eine Band proben lassen. Oder eben grillen. Die Astallerstraße liegt im dicht bebauten Stadtviertel Westend, sie ist allerdings nur verkehrsberuhigt und nicht gänzlich für die Durchfahrt gesperrt. Parken darf man derzeit hier nicht. Ob die anderen Anwohner hier die Einfälle der kleinen Runde gut fänden? Die Möglichkeiten müssen wohl erst in den Köpfen reifen, meinen die beiden Paare.

Dasselbe dürfte auch für die gesperrte Straße am Spielplatz am Glockenbach gelten. Die angrenzenden Altbauten haben zur Straße hin keine Balkone, höchstens den einen oder anderen Hinterhof. Gehweg und Fahrbahn davor könnte man prinzipiell zum grünen Vorderhof machen. Dann müssten Kinder nicht länger auf Gefahren achten, wenn ihnen ein Ball über die Straße rollt. Deren Belag könnte man dann im Zuge der Umgestaltung gleich etwas glätten. Denn der ist mit seinem alten Kopfsteinpflaster und den vielen Teerflecken für Rollschuhfahrer oder Stelzenläufer wie ein Hindernisparcours.

Zum Bemalen aber taugt er: Jemand hat hier mit Kreide mehrere große Regenbogen hingemalt: die Zeichen der Hoffnung, des Friedens, des Miteinanders.

Informationen über alle Sommerstraße in München gibt es unter: www.muenchen.de/aktuell/2020-08/temporaere-fussgaengerzonen-weitere-sommerstrassen-kommen.html

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