Noch ist rund um den Münchner Südring das beständige Rauschen und Rattern von tonnenschweren Zügen zu hören, die auf der wichtigen West-Ost-Verbindung Güter wahlweise nach Südeuropa oder in Richtung der norddeutschen Häfen transportieren. In einer nicht allzu fernen Zukunft soll der Güterverkehr nach Vorstellungen der Deutschen Bahn (DB) aber nicht mehr südlich der Altstadt die Landeshauptstadt durchqueren, sondern über den Nordring verlaufen. Mehr noch: Der Südring soll dann wieder für den Personenverkehr freigegeben werden, der in den Achtzigerjahren eingestellt worden war. Samt der neuen Regionalzughaltestelle Poccistraße. Doch das Projekt stockt.
Seit Dezember 2023 befindet sich das Vorhaben Regionalzughalt Poccistraße beim Eisenbahnbundesamt in der sogenannten Planfeststellung; die entsprechenden Unterlagen hatte die Bahn-Tochter DB Infrago im Dezember 2023 bei der Behörde eingereicht. Seitdem aber ist es still geworden um das Projekt, das eigentlich Anfang der Dreißigerjahre zum Abschluss gebracht werden sollte.
Ob dieser ohnehin vage Zeitplan noch eingehalten werden kann, erscheint derzeit unsicher. Die DB lässt auf SZ-Nachfrage verlauten, es könne aktuell nicht abgeschätzt werden, wann „Baurecht und Finanzierungsvertrag“ erreicht werden können. Dies, so ein DB Infrago-Sprecher, liege „nur bedingt im Einflussbereich“ der Bahn-Tochter. Zudem müsse nach Erlangen des Baurechts, also dem Abschluss des Planfeststellungsverfahrens, noch ein Finanzierungsvertrag mit dem Freistaat Bayern geschlossen werden. Aktuell geht die DB Infrago im Anschluss von einer dreijährigen Bauzeit für den neuen Mittelbahnhof Poccistraße aus.

Doch es sind darüber hinaus noch weitere, wichtige Details nicht geklärt. Unter anderem, wie Fahrgäste künftig den neuen Regionalzughalt erreichen können. Bereits im Juli 2022 wurde das Mobilitätsreferat der Landeshauptstadt gemäß einem Beschluss der Vollversammlung des Stadtrats damit beauftragt, die Planung eines Zugangs zum Regionalzughalt von der Nordseite her zu veranlassen. Im Auftrag des Referats plant die DB derzeit diesen Zugang über die Fleischerstraße zwischen dem Kreisverwaltungsreferat und der städtischen Berufsschule – laut Referat soll dieser für „eine barrierefreie Ausgestaltung vorbereitet werden“. Wenn die Planungen für diesen Zugang zum neuen Regionalzughalt abschlossen sind, werde sich der Stadtrat noch einmal damit befassen. Die DB geht zudem fix von einem zweiten – barrierefreien – Zugang von der Lindwurmstraße her aus.
Was der neue Bahnhof samt der beiden Zugänge kosten wird, ist ebenfalls nicht endgültig geklärt. Bisher ging die Bahn eigenen Angaben zufolge von einem Investitionsvolumen von etwa 60 Millionen Euro aus. Allerdings, so der Konzern, seien in die Schätzung die Kosten für den Zugang von der Nordseite her nicht eingerechnet worden. „Die Kostenermittlung dazu liegt aktuell in der Prüfung“, heißt es seitens der Bahn.
Kritik wurde während des Planungsprozesses in den Stadtbezirken Sendling und Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt zudem daran laut, dass rund um den neuen Regionalzughalt Poccistraße kaum Radabstellplätze vorgesehen waren. Vor allem die beengten Verhältnisse an der Lindwurmstraße stellen die Planer dabei vor Herausforderungen. Nun teilt das Mobilitätsreferat mit, dass am neuen Zugang nahe dem Kreisverwaltungsreferat Flächen für Radabstellanlagen gesucht werden sollen. Sobald die Planungen für den Zugang abgeschlossen seien, könnten diese genau geprüft werden.
Der Teufel liegt also manchmal im Detail, gleichwohl dem Projekt Regionalzughalt Poccistraße Bedeutung weit über Sendling und Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt hinaus beigemessen wird. Mit der Schaffung des neuen Bahnhofs soll der Raum Rosenheim/Mühldorf mit Regionalzügen deutlich besser an die Landeshauptstadt angebunden werden. Dies soll insbesondere dadurch gelingen, dass ein Großteil des Güterverkehrs im Bahnknoten München auf den Nordring verlagert wird – dann, so die DB Infrago, würde am Südring wieder Platz für den Personenverkehr frei. Und dieser könnte dann auch die hoch frequentierten Umsteigebahnhöfe Marienplatz, Hauptbahnhof und Ostbahnhof entlang der Stammstrecke entlasten.

Der Haken daran: Der DB Infrago liegt bislang kein Auftrag für einen Ausbau des Nordrings vor – diesen müsste der Freistaat Bayern erteilen, heißt es von der Bahn. Die Staatsregierung aber teilt diese Auffassung nicht: Laut Grundgesetz, teilte das Staatsministerium für Wohnen, Bauen und Verkehr auf SZ-Nachfrage mit, sei „der Bund für den Aus- und Neubau der Schieneninfrastruktur in der Verantwortung“. Anders sieht es mit dem Ausbau des Personennahverkehrs auf dem Nordring aus. Für diesen liegt der DB Infrago ein Auftrag vor. Geplant werden soll ein Pendelverkehr zwischen Karlsfeld und den Haltepunkten BMW Forschungs- und Innovationszentrum und Euroindustriepark.
Der mögliche künftige Südbahnhof indes ist also Teil einer ganzen ÖPNV-Drehscheibe in Sendling. Parallel plant die Stadt dort im Untergrund einen neuen doppelstöckigen U-Bahnhof. Dieser soll einerseits die Linie U3/U6 bedienen und die bisherigen Stationen Poccistraße und Implerstraße verschmelzen. Zudem soll hier, unterhalb des Südbahnhofs, ein Halt für die Entlastungsstrecke U 9 entstehen, die eines Tages über den Hauptbahnhof, die Pinakotheken, den Elisabethplatz zur Münchner Freiheit führen soll.
Bis es so weit kommt, braucht es eine Baugenehmigung, die am Ende eines jahrelangen Planfeststellungsverfahrens steht – und eine Finanzierung des Projekts, das einen zweistelligen Milliardenbetrag kosten dürfte. Möglicherweise hilft dabei die Perspektive Olympischer Sommerspiele 2040 oder 2044.

Im Vorgriff auf diese Prozesse hat der Planungsausschuss des Stadtrats vergangenen Mittwoch einen wichtigen Beschluss gefasst, die einzige Gegenstimme kam von der Linken. Er billigte einen Bebauungsplan für eine zwei Hektar große Fläche zwischen Implerstraße, Kapellenweg und Bahngleisen. Derzeit befinden sich auf dem Grundstück vor allem ein Edeka, ein Aldi und ober- wie unterirdische Parkplätze.
Auslöser der städtischen Aktivität war ein Antrag für den Neubau einer Tiefgarage an der Implerstraße 17, eingereicht im März 2022 von einem Tochterunternehmen des Edeka-Konzerns, dem das Grundstück gehört. Diese Tiefgarage, so führt das Planungsreferat im Entwurf für den Bebauungsplan aus, hätte den Bau des U-Bahnhofs unmöglich gemacht und damit die gesamte U9 gefährdet.
Die aber spiele „für die Weiterentwicklung des Personennahverkehrs eine entscheidende Rolle“, heißt es in dem Dokument. „Da in den dicht bebauten innerstädtischen Gebieten der Platz für die Schaffung zusätzlicher Verkehrsinfrastruktur im Straßenraum fehlt, sollen notwendigerweise neue U-Bahnlinien Abhilfe schaffen (da die alten derzeit an der Kapazitätsgrenze operieren).“
Schon 2022 hatte der Stadtrat deshalb eine Veränderungssperre für das Areal veranlasst (woraufhin Edeka seinen Bauantrag zurückzog). Mit dem Bebauungsplan will die Stadt die Flächen nun dauerhaft dafür sichern, dass dort eines Tages der U-Bahnhof entstehen kann. Gebaut werden soll er in offener Bauweise, also von der Oberfläche aus nach unten. Eine sogenannte „bergmännische“ Bauweise sei nach aktuellem Stand technisch „nicht möglich“. Ein Abriss der bestehenden Gebäude steht derzeit offenbar nicht zur Debatte: Sie könnten „weiterhin genutzt und betrieben werden“.
Dennoch könnte das Grundstück durch die Festlegungen im Bebauungsplan an Wert verlieren, möglicherweise muss die Stadt den Eigentümern dafür eine Entschädigung zahlen. Details dazu bleiben offen, es bedürfe einer Einzelfallprüfung. Für das Gesamtprojekt U9 wäre so eine Entschädigung vermutlich ein eher kleiner Ausgabenposten.
Edeka hält sich bedeckt. Zwar hat das Unternehmen im Verfahren zahlreiche Einwände vorgebracht, mit dem Tenor, dass der Bebauungsplan unzulässig sei. Ob der Konzern deswegen klagen wird, bleibt offen. Auf Anfrage teilt ein Edeka-Sprecher mit, „dass wir uns zu laufenden Verfahren grundsätzlich nicht äußern“.
Sollte der neue U-Bahnhof an dieser Stelle entstehen, soll er laut Mobilitätsreferat möglicherweise mit dem neuen Regionalzughalt verbunden werden – über das Sperrengeschoss des U-Bahn-Halts bis zum Zugang der Haltestelle an der Lindwurmstraße. Dazu gebe es „Planungsüberlegungen“, so das Referat. Bis all das realisiert sein wird, rattern aber weiter die Güterzüge über den Südring.

