Verkehrspolitik:Münchens Rad-Routennetz besteht vor allem aus Löchern

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Protest gegen die Automobilausstellung in München (IAA)

Mit windschnittigen Blechfahrzeugen hat man es auf Münchens Straßen leichter. Auch das ist für viele ein Grund, am Anti-IAA-Straßenfest in der Maxvorstadt teilzunehmen.

(Foto: Robert Haas)

Auch sonst wirkt es so, als sei im Rathaus eher eine grün-rote Schnecke unterwegs. Mehr Sicherheit für Radler? Ausgebaute Wege? Die Politik ist bisher kaum über Ankündigungen hinaus gekommen.

Kommentar von Bernd Kastner

Glückwunsch! Während man den Anti-IAA-Aktivisten beim Warmreden zuhört, möchte man - soviel Zynismus sei erlaubt - München gratulieren. Die Stadt bewegt sich gen Zukunft, emissionsfrei! Genau genommen ist es die städtische Verkehrspolitik, die dem Ziel einer klimafreundlichen Mobilität nachläuft - so fix wie eine Schnecke. Und wer wollte einer Schnecke nachsagen, dass sie übermäßig CO₂ ausstoße?

Die Autoschau ist nach ein paar Tagen vorbei, was bleibt, ist die Politik in einem Rathaus, in dem die Grünen zahlenmäßig die Größten sind. Wo steht die Stadt der dicken Auspuffe? Vor zwei Jahren forderten viele Zehntausend Münchner im Rad-Entscheid mehr und bessere Radwege. Das Rathaus gelobte, rasch zu handeln. Und siehe, ein Anfang ist gemacht - es wurden neue Radwege in homöopathischen Dosen ausgewiesen. Die Velo-Globuli tun dem Autoverkehr nicht weh, und als Placebo beruhigen sie manche Radler. Alles gut? Es existieren durchgehende und gefahrlose Routen, sogar ein Radschnellweg - aber nur in den Albträumen der Autofahrer und so mancher Verwaltungsfachkräfte, die vor lauter Planen das Bauen vergessen.

Dass das Münchner Routennetz vor allem aus Löchern besteht, können Alltagsradler bestätigen. Wer zufällig auf einen ausreichend breiten Fahrradstreifen stößt, der muss sich im Slalom üben. Alle paar Meter ein Hindernis, ein Pkw, ein Lkw, gerne auch in Einmündungen, Ausfahrten, Ampelfurten. Hält das Menschen vom Umstieg aufs Radl ab? Ist es gar gefährlich, wenn man sich plötzlich auf einer Spur mit einem 40-Tonner findet? Ach wo! Sonst würden die Verantwortlichen doch was dagegen tun. Das grün-rote Rathaus toleriert die Radwegparker, in Eintracht mit der Polizei aus dem schwarzen Innenministerium. Radler, euer Streifchen ist für alle da!

Alles Polemik? Ja, gewiss. Alles Quatsch? Nicht wirklich. Im Verkehrssektor sinken die klimaschädlichen Emissionen bisher nicht, das aber wäre nötig, um das Klimaziel zu erreichen. Dafür bräuchte es eine Verkehrspolitik, die den Straßenraum umverteilt, zugunsten des emissionsfreien Fahrrads. Das allein würde nicht die Welt retten, aber einen Beitrag leisten, auch den Kindern der SUV-Fahrer zuliebe. Denn um nichts weniger geht es: um das Leben in der Zukunft.

Gegen die IAA sammeln sich die Demonstrierenden - willkommen! Bloß die Schnecke im grün-roten Rathaus kommt nur zentimeterweise voran. Alle, die eine nachhaltige Mobilität wollen, stehen vor einer großen Aufgabe. Sie muss endlich angepackt werden.

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