Der Verkehr auf der Münchner Lindwurmstraße rollt wieder reibungslos. Zumindest auf dem breiten, rot markierten Radweg, der seit dem ersten Wiesnsamstag wieder ganz den Fahrradfahrern gehört – aber weiterhin ein Politikum bleibt. Denn seit Monaten wird darum gerungen, wie der Verkehr auf dem Abschnitt der Lindwurmstraße stadteinwärts zwischen Reisingerstraße und Sendlinger Tor angeordnet und der Raum aufgeteilt werden soll. Nun gibt es eine vorläufige Entscheidung. Die aber gefällt nicht jedem.
Alles, was oben auf der Lindwurmstraße passiert, hängt mit dem zusammen, was im Untergrund geschieht. Denn dort saniert die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) in mehreren Abschnitten bis Anfang August 2027 die U-Bahnhöfe Goetheplatz und Poccistraße. Und das bedeutete während der ersten Bauphase von Mai dieses Jahres bis kurz vor Beginn des Oktoberfestes: Es fahren zwischen der Implerstraße und dem Sendlinger Tor keine U-Bahnen der Linie U3 und U6.
Als Lösung bot die MVG einen Schienenersatzverkehr (SEV) mit Bussen zwischen diesen Haltestellen an. Weil diese aber immer wieder im Stau festhingen, traf die MVG auf Anordnung von Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) im Juli eine Entscheidung, um den Busverkehr zu beschleunigen: Sie wandelte kurzerhand den erst ein Jahr zuvor neu angelegten Radweg zwischen Reisingerstraße und Sendlinger Tor in eine Busspur um und verlegte den Radverkehr auf die alte Spur neben dem Gehweg zwischen den Häuserfronten und den Pappeln. Der Aufschrei unter den Interessenvertretern der Fahrradfahrer war groß – doch Pendler in den Bussen atmeten angesichts eines Zeitgewinns von etwa zwei Minuten spürbar auf.
Während des Oktoberfestes aber ist wieder alles anders. Die Linien der U3 und U6 können kurzzeitig regulär fahren, der Schienenersatzverkehr ist dementsprechend ausgesetzt – und die Radler sind stadteinwärts wieder auf dem deutlich breiteren Radweg neben der nur noch einspurigen Straße unterwegs. Und geht es nach dem Mobilitätsreferat der Landeshauptstadt, soll dies auch nach der Wiesn erst einmal so bleiben, wenn im Untergrund der zweite Bauabschnitt an den U-Bahnhöfen beginnt.
Die Busspur werde „vorerst“ nicht wieder eingerichtet, teilt eine Sprecherin des Referats mit. Zu dieser Entscheidung hätten mehrere Faktoren beigetragen. Eine temporäre Busspur sei auch für die erste Bauphase nicht vorgesehen gewesen, allerdings sei es beim SEV zu erheblichen Verspätungen und Staus gekommen, sodass nachgesteuert werden musste. „Dabei war von Anfang an vorgesehen, die Verkehrsführung für die zweite Phase neu zu bewerten“, so die Sprecherin. Und diese unterscheide sich deutlich von der ersten, da neben dem wiederkehrenden Schienenersatzverkehr dann auch eine Pendel-U-Bahn zwischen Implerstraße und Goetheplatz zur Verfügung stehen werde.
Zudem habe sich gezeigt, dass in der ersten Bauphase auch deutlich mehr Fußgänger und Radfahrer stadteinwärts unterwegs waren als etwa Autos. Daher bedürfe es einer „gewissenhaften Abwägung“ der Interessen aller Verkehrsteilnehmer. All das, so die Sprecherin, habe letztlich zu der Entscheidung geführt, die Busspur nach der Wiesn nicht wieder einzurichten.

Bedeutet diese Entscheidung auch, dass der neue Radweg nun dauerhaft bleibt und nicht wieder verlegt wird? Andreas Schön, Sprecher des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs München (ADFC), der die Verlegung stark kritisiert hatte, hofft darauf. „Es geht uns nicht darum, den ÖPNV auszubremsen, sondern um einen sicheren Radverkehr“, sagt Schön, der ebenfalls sagt, dieser habe auf der Lindwurmstraße enorm zugenommen. „Und dafür war der alte Radweg nicht mehr ausgelegt.“
Es gibt aber auch Stimmen, die sich eine Rückkehr der Busspur gewünscht haben. Dazu gehört unter anderem die MVG, die den Schienenersatzverkehr organisiert. „Wir haben dem Mobilitätsreferat empfohlen, die Spur wieder einzurichten“, sagt ein MVG-Sprecher. „Es wurde jetzt anders entschieden. Wir werden uns genau ansehen, wie sich die Situation entwickeln wird. Dabei sind wir mit der Stadt auch in engem Austausch.“ Grundsätzlich sei davon auszugehen, dass die Kapazitäten mit dem Schienenersatzverkehr an der Oberfläche und den Pendelzügen im Untergrund ausreichend seien, so der Sprecher der Verkehrsgesellschaft.
Münchens Zweite Bürgermeisterin Mona Fuchs (Grüne), die auch Vorsitzende des Mobilitätsausschusses des Stadtrats ist, plädiert ebenfalls für Gelassenheit. „Es ist wichtig, die Situation vor Ort im Blick zu behalten.“ Genau deshalb werde der Verkehr wie bei anderen größeren Baustellen in München auch ständig evaluiert. Sollte sich zeigen, dass beim Busverkehr nachgesteuert werden muss, werde die Stadt das auch selbstverständlich tun – dies sei ein sinnvoller und pragmatischer Weg, so die Bürgermeisterin.
Und genau dies könnte in der dritten Bauphase an den U-Bahnhöfen Poccistraße und Goetheplatz passieren. Diese beginnt im April kommenden Jahres – nach dem Ende der zweiten Bauphase und einer anschließenden Baupause vom 28. November bis zum 11. April. Bis August 2027 wird der U-Bahnverkehr zwischen Implerstraße und Sendlinger Tor dann wieder ausgesetzt und ein Schienenersatzverkehr mit Bussen eingesetzt.
Um dann nicht erneut den Radweg an den Rand drängen zu müssen, fordert ADFC-Sprecher Schön, bereits jetzt über mögliche andere Lösungen zu sprechen. „Wir haben selbst gezählt und sind auf bis zu 1400 Radfahrer in den Spitzenstunden gekommen. Diese müssen sicher unterwegs sein“, sagt Schön. Denn auch die U-Bahn-Sperrung trage dazu bei, dass immer mehr Menschen auf das Fahrrad umstiegen. Er wünsche sich, sagt er, endlich mit der Stadt und dem Mobilitätsreferat ins Gespräch zu kommen, denn etwaige Umbauten oder eine Umplanung des Schienenersatzverkehrs benötigten entsprechenden zeitlichen Vorlauf.
Dies sagt Bürgermeisterin Fuchs auch zu. In den kommenden Wochen werde die Stadt mit zahlreichen Akteuren – etwa dem ADFC – sprechen. Dabei werde es darum gehen „eine gute und verträgliche Lösung für alle Verkehrsteilnehmenden zu finden“. Ob diese in einer erneuten Verlegung des Radwegs und der Einrichtung einer Busspur liegen könnte? Das Mobilitätsreferat will das nicht kategorisch ausschließen. Der gerade erst erfolgte Rückbau der Busspur bedeute nicht, dass künftig keine Maßnahmen für ein leichteres Durchkommen des SEV oder Erleichterungen für die Fahrgäste ergriffen werden könnten und sollten. Die Lindwurmstraße bleibt also ein Politikum.
Hinweis: In einer vorherigen Version des Artikels hieß es, in der zweiten Bauphase verkehre eine Pendel-U-Bahn zwischen Implerstraße und Poccistraße. Korrekt ist, dass sie zwischen Implerstraße und Goetheplatz fährt.

