Die Sonne brennt an diesem Mittwochvormittag wie schon die vergangenen Tage unerbittlich vom Himmel. Das Thermometer hat längst die 30-Grad-Marke übersprungen. Auf der Fahrbahn der Giesinger Autobahn, die offiziell A995 heißt, in Richtung Salzburg aber dürften sich die Bauarbeiter nach Temperaturen in diesem Bereich sehnen. Es ist ein mehr als schweißtreibender Job, den die ganz in Orange gekleideten Männer während dieser Sommerferien zu erledigen haben: die Komplettsanierung der Lebensader aus Giesing in den Münchner Süden auf etwa zehn Kilometern Länge, die auch Nachbarn und Pendlern einiges abverlangt.
Die Giesinger Autobahn stammt aus einer Zeit, in der Landeshauptstadt und Umland ihr Gesicht radikal verändert haben und die von einem Ereignis maßgeblich geprägt wurde: den Olympischen Sommerspielen im Jahr 1972. Und der durch die Spiele ausgelöste Sprung in die Moderne wird sichtbar an einer Vielzahl prägender Infrastrukturvorhaben, die auch gegenwärtig noch ihren Beitrag leisten, um sowohl Wirtschaft als auch Verkehr am Laufen zu halten. Aber viele haben mittlerweile das Ende ihrer Lebensdauer erreicht. Darunter etwa die Donnersbergerbrücke auf dem Mittleren Ring, deren Betrieb mit laufenden Sanierungsarbeiten aufrechterhalten wird; die aber spätestens in zehn bis 15 Jahren komplett neu gebaut werden muss.
Wie die Brücke ging auch der etwa elf Kilometer lange Abschnitt der Giesinger Autobahn, die zu den kürzesten Highways der Republik gehört, im Jahr 1972 in Betrieb. Mit mittlerweile 60 000 bis 70 000 Fahrzeugen am Tag aber ist sie eine der wichtigsten Verbindungsstrecken vom Mittleren Ring ins Münchner Umland. Die A995 hat jedoch mittlerweile aufgrund der hohen Belastung einen Zustand erreicht, der massive bauliche Eingriffe unerlässlich macht.


In wenigen Jahren, so macht Michael Kordon, Direktor der Autobahn GmbH des Bundes Südbayern, bei einem Termin am Mittwoch an der Autobahn bei Taufkirchen deutlich, sei eine Komplettsperrung mit weitreichenden Folgen unumgänglich gewesen. Deshalb habe sich die Autobahn GmbH dafür entschieden, den kompletten Fahrbahnbelag auf einer Länge von etwa 10,5 Kilometern von der Anschlussstelle Giesing bis zum Autobahnkreuz Süd in diesem Jahr während der Sommerferien zu erneuern.
Seit Ende Juli laufen die Arbeiten auf der Giesinger Autobahn, deren Zweck es ist, insbesondere den regionalen Verkehr aufzunehmen. Darunter Pendler aus dem Süden Münchens in die Stadt, Lieferdienste oder Handwerker. Der überregionale Verkehr soll über die weitaus besser ausgebauten Autobahnen A8 und A99 abgewickelt werden. Dennoch sind die Auswirkungen im Münchner Süden durch die Bauarbeiten deutlich zu spüren, insbesondere in der Gemeinde Taufkirchen, deren drei Autobahnausfahrten während der drei Bauphasen in weiten Teilen gesperrt sind. Dass in beide Fahrtrichtungen jeweils nur eine Spur bleibt, führt zudem zu massiven Einschränkungen und Staus – und zu Ausweichverkehr in den angrenzenden Kommunen.
Dennoch seien „ganz bewusst“ die Sommerferien für die „gigantische Baumaßnahme“ ausgewählt worden, so Kordon von der Autobahn GmbH. „In dieser Zeit besteht deutlich weniger Pendelverkehr nach München“, sagt er. „Und im Winter wäre uns der Belag um die Ohren geflogen.“ Soll heißen: Bei niedrigeren Temperaturen ist es deutlich schwieriger, den neuen Belag vor Rissen und Schäden zu bewahren.


In den kommenden Wochen werden die Bauarbeiter, die unter extremen Bedingungen arbeiten müssen, gigantische Massen an Material bewegen. Insgesamt werden auf der Trasse 100 000 Tonnen etwa zehn Jahre alter Fahrbahnbelag gefräst und abgetragen. Neuer Asphalt in demselben Volumen wird anschließend neu aufgebracht – insgesamt entspricht dies etwa 8000 Lkw-Ladungen. Um den Verkehr auf den nur noch zwei Fahrbahnen – zunächst auf der Seite in Richtung München, anschließend nach dem Wechsel der Spuren in Richtung Salzburg – lenken zu können, werden 70 Kilometer Fahrbahnmarkierungen neu aufgebracht.
Dass Mensch und Maschinen angesichts der hochsommerlichen Temperaturen auf der Baustelle enormen Belastungen ausgesetzt sind, bestätigt auch Bauleiter Jens Gärtner. „Diese Leistung verdient den allergrößten Respekt. Man kann es auch niemandem übel nehmen, wenn er bei diesen Temperaturen mal ausfällt“, sagt der Bauleiter. Das gelte auch für die Baumaschinen, die von den Firmen ständig gewartet würden. Aber diese könnten unter solchen Bedingungen kaputtgehen. „Dann stehen die Firmen mit Ersatzteilen bereit.“ Denn gearbeitet wird auf der Giesinger Autobahn im 24-Stunden-Betrieb, um den Abschlusstermin am 4. Oktober einhalten zu können.
Die Hauptarbeiten aber sollen bereits am 6. September enden. Dass die Giesinger Autobahn schon in diesem Sommer saniert wird, hängt auch mit der besseren finanziellen Lage der Autobahn GmbH zusammen. „Uns steht in diesem Jahr mehr Geld zur Verfügung als noch im vergangenen“, sagt Niederlassungsleiter Kordon. Die Kosten für die Instandsetzung der A995 beziffert er auf etwa 25 Millionen Euro.
Mit dem endgültigen Abschluss auf der Giesinger Autobahn im Oktober – der neue lärmmindernde Belag soll etwa zehn bis 15 Jahre halten – ist die Erneuerung der Autobahn-Infrastruktur im Münchner Süden aber nicht abgeschlossen. Bereits 2028 steht die nächste große Baustelle an: Dann wird das Autobahnkreuz München-Süd erneuert. Insbesondere die lang gezogenen Rampen, die tagtäglich von weit mehr als 100 000 Autos befahrenen werden, haben wie so viele andere Bauwerke in und um München das Ende ihrer Lebensdauer erreicht.

