Es sieht unscheinbar aus, vielleicht 20 auf zehn Zentimeter und zwei Zentimeter dick. Ein bisschen kommt das Brett aus Fichtenholz wie ein Schneidebrettchen daher – etwas, das so selbstverständlich wie wichtig in der Küche ist: Beinahe täglich hält es der scharfen Messerschneide beim Zerteilen von Obst, Gemüse oder Brot stand. Doch das Brettchen hat eigentlich eine ganz andere Funktion: Es wird eine haptische Erinnerung daran sein, wie viel Kraft in jeder einzelnen der sechs Frauen steckt, die an diesem Tag sechs Stunden miteinander verbringen.
Zum zweiten Mal veranstaltet der Münchner Verein Konnektiva einen Selbstverteidigungskurs nach der sogenannten Wendo-Methode. Kein bloßer Kampfsport, sondern eine Kombination aus körperlichen und verbalen Techniken, die im Falle einer bedrohlichen Situation für das nötige Selbstvertrauen sorgen, um sich verteidigen zu können. „Wir bieten immer wieder Maßnahmen an, die mit körperlicher Arbeit zu tun haben“, sagt Anni Veit, 40, Mitglied im Konnektiva-Vorstand. Seit fünf Jahren gibt es den Verein: Mittlerweile sind es 21 Mitglieder, die sich einsetzen für Kunst, Kultur und Bildung im Bereich der Gleichstellung und Vielfalt. Selbsthilfe und Selbstermächtigung, das Schaffen von geschützten Räumen für Flinta*-Personen, um ohne Druck zu lernen, sich ausprobieren und wachsen zu können – darum geht es im Kern. Flinta*, das ist ein Akronym für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht-binäre, trans und agender Personen.
Selbstverteidigung, die fange bereits im Kleinen an, sagt Wendo-Trainerin Maria Huber. In Ihrem Job arbeitet sie mit Frauen, die von körperlicher und sexualisierter Gewalt betroffen sind – um sie und sich selbst zu schützen, wird hier nicht ihr echter Name genannt. Wenn die eigenen Emotionen nicht ernst genommen werden, oder ein „Nein“ egal in welchem Kontext übergangen wird – wie reagiert man da? Selbstverteidigung müsse im Kopf ihren Ursprung nehmen, um wirksam zu sein. Um das zu erreichen, möchte sie den Teilnehmenden einen geschützten Raum garantieren, in dem sie frei und unbeobachtet sprechen können. Deshalb soll die Presse während des Kurses nicht anwesend sein.
Aber noch sind nicht alle Teilnehmenden eingetrudelt. Zeit, um mit den Konnektiva-Mitgliedern Anni Veit und Veronika Kürzinger, 36, zu sprechen. „Ich glaube, es braucht Vereine wie uns, um einen sicheren Raum für Flinta*s zu ermöglichen, denen die gleichen gesellschaftlichen Werte wichtig sind“, sagt Veit. Und noch etwas nennt sie: Kostenfreie Räume, auch die brauche es in Zeiten, in denen vieles immer teurer werde – deshalb der Anspruch von Konnektiva, alle Veranstaltungen kostenfrei anzubieten, so wie den Selbstverteidigungskurs an diesem Tag.

Möglich ist das vor allem durch die Förderung des Münchner Sozialreferats. Zehn Prozent der Kosten für Veranstaltungen und die Miete eines Containers im Atelierpark beim Bahnwärter Thiel, dem Vereinszuhause, trägt Konnektiva selbst.
„Wir sind ein buntes Potpourri aus Leuten mit sehr unterschiedlichen Interessen“, sagt Anni Veit. Mitte 20 bis Anfang 40 seien die Mitglieder, manche alleinerziehend mit Kindern, andere lebten in Partnerschaften mit oder ohne Kinder, manche seien queer, andere nicht. Viele aus sozialen Berufen oder Jobs mit Lehrtätigkeiten, aber auch aus der IT kämen ein paar, und wieder andere seien Kunstschaffende – die Münchner Rapperin Lenilicouz zum Beispiel.
Auch der Ursprung des Vereins hat viel mit Musik zu tun. Damals engagierten sich einige der heutigen Konnektivas in einem DJ-Kollektiv. Allerdings: „Ohne offizielle Struktur konnten wir keine Fördergelder beantragen, keine Räume anmieten und keine größeren Projekte umsetzen“, sagt Chiara Pröckl, 36, eines der Gründungsmitglieder.
Im Sommer feierte der Verein sein fünfjähriges Bestehen in der Glockenbachwerkstatt – fast nur mit Frauen auf der Bühne
Mit der Zeit kamen weitere Personen aus der Musikszene hinzu – genügend, um einen Verein zu gründen. Zunächst sollte es darum gehen, ein Soundsystem zu bauen und es für andere zugänglich zu machen, ein geschützter Raum, in dem sich weiblich gelesene und trans Personen einfach mal an DJ-ing, Technik und Sound ausprobieren konnten. Noch immer dreht sich viel um Musik und Kultur, so gab es in diesem Jahr wieder DJ-Workshops. Oder die Party zum fünfjährigen Bestehen des Vereins Anfang August in der Glockenbachwerkstatt, bei der neben den Rapperinnen Lenilicouz und Gündalein auf der Bühne die DJs Die_ley, Cosimoto, Kim Twiddle und Kamikatze für grandiose Stimmung sorgten.
Durch den Zuwachs an Mitgliedern hat sich das Repertoire an Themen erweitert: Workshops zu Anti-Rassismus, gleichberechtigter Elternschaft, gegen Selbstzweifel oder zum Lernen von Basics beim Fahrradreparieren und bei Social Media. Auch an Heiligabend hatte der Konnektiva-Container mal geöffnet, um denjenigen, die den Abend ansonsten allein verbracht hätten, eine Möglichkeit der Zusammenkunft zu bieten.
Als sechs Stunden Wendo-Kurs vorüber sind, zeigt Veronika Kürzinger nun ihr Fichten-Brettchen. Ein Spalt in der Mitte teilt es in zwei Hälften. Auf Instagram ist zu sehen, wie sie das Brett mit der Faust zum Brechen bringt. Alle Teilnehmenden haben das geschafft, gleich mit dem ersten Schlag, wie Kürzinger erzählt. Bei allen sei am Schluss die Erkenntnis da gewesen: Wenn ich in eine blöde Situation komme, dann muss mich die nicht unbedingt sofort überwältigen, sondern ich kann mit meinen eigenen Ressourcen für mich einstehen.

