bedeckt München 23°
vgwortpixel

München:Verbunden mit der Erde

Trisha Kanellopoulos malt großformatige Bilder. Die wichtigste Zutat für ihre Farben findet die Künstlerin im Boden, in Flussbetten, Sandgruben und Wäldern, ob am Giesinger Berg oder in Abu Dhabi

Manchmal bekommt Trisha Kanellopoulos von Freunden ein wenig fremde Erde in einer Plastikflasche als Urlaubsmitbringsel. Doch das ist nicht dasselbe. Sie wühlt auf ihren Spaziergängen mit Hund Chilli, auf Ausflügen und Reisen mit ihrem Mann Dedalos lieber selbst mit den Händen im Boden, spürt den Humus mitsamt den Steinchen, Tannennadeln oder kleinen Aststückchen zwischen ihren Fingern und birgt den Schatz dann in einem ihrer vielen Weckgläser. Die Künstlerin will ihren Werkstoff am liebsten selbst finden. So kann sie sich beim Auftragen der aus der Erde gewonnenen Farbe an die Fundstelle erinnern.

In ihrer Erden-Sammlung im Atelier steht Giesinger Berg neben Santorin, Ebersberger Forst gleich neben Abu Dhabi. Norddeutsche Erde ist weich. Für Vulkanerde aus Santorin braucht sie einen Hammer. Manche schimmert fast orange, die kaolinhaltigen Erden, geeignet für Porzellan, schimmern fast weiß. Jede Probe habe ihren eigenen Charakter und ihre eigene Qualität, da sei der Boden vergleichbar mit Wein, sagt sie.

Am Werktisch liegen Dinge aus der Küche: Mit einem Mörser wird die Erde zerstampft. Dann durch ein Teesieb gerieben. Das gewonnene Pulver verrührt sie in einer Schüssel mit ein wenig Wasser aus einem alten Joghurtbecher, ehe sie ein acrylhaltiges Bindemittel hinzufügt. "Authentisch", das ist das Wort, mit dem Trisha Kanellopoulos ihre Erdfarben am liebsten beschreibt, "authentisch und ehrlich". Schicht für Schicht trägt sie sie auf ihre meist großformatigen Leinwände auf, die sie teilweise selbst aus Streifen oder Quadraten zusammengenäht hat, und komponiert sie mit feinen Linien zu sehr ruhigen, tiefgründigen Bildern.

Trisha Kanellopoulos in ihrem Atelier.

(Foto: Catherina Hess)

Bilder, die man "live" gesehen haben muss: Fotografiert wirken die monochromen Werke lange nicht so "sinnlich" wie real an der Wand - wo der Betrachter jedes Körnchen sieht, wo jede Unebenheit und Farbnuance zur Lebendigkeit beiträgt, wo man die feinen Schattierungen und Kontraste wahrnehmen kann. Derzeit, in der Ausstellung ihrer "Erdbilder" im Ökologischen Bildungszentrum in Bogenhausen, beobachtet Leiter Marc Haug, dass die meisten Besucher ihre Hände kaum im Zaum halten können: Man hat einfach Lust, ein Bild zu berühren und zart und vorsichtig über die Oberfläche zu streichen - die sich überraschenderweise manchmal so rau anfühlt wie Schmirgelpapier.

Genauso wie an ihren Bildern und der positiven Resonanz freut sich die 67-jährige Künstlerin jeden Tag aufs Neue an ihrem lichtdurchfluteten Atelier im Gewächshaus einer früheren Gärtnerei in Untergiesing, wo sie seit 30 Jahren arbeitet. Schon immer habe sie ein Faible für schöne Dinge, hat sie erzählt. Man sieht es. Die Geranien drinnen und die schönen Stühle draußen lassen die Grenzen verschwimmen. Die Erden und Pinsel sind zu feinen Stillleben auf Tischen und in Regalen komponiert, als wolle sie sie gleich mit ihrer Nikon fotografieren.

Vergleichbar mit Wein: Jede Bodenprobe habe ihren eigenen Charakter, sagt Trisha Kanellopoulos.

(Foto: Catherina Hess)

Trisha Kanellopoulos ist in Princeton, New Jersey, aufgewachsen, ein Ort, den sie als kleinbürgerlich und konservativ beschreibt. "Sehr Elite", sagt sie. Das habe zwar nicht für ihre Familie gegolten, dennoch wusste sie bald: "Ich gehöre irgendwo anders hin." Auf dem College belegt sie Wirtschaft und Psychologie, doch bald zieht es sie nach New York. Sie lernt fotografieren, wird Assistenten eines Fotografen. Schnell aber ist ihr klar: "Ich muss auf Reisen gehen." Sie erinnert sich: "Rucksack, langer Rock und Hut. Es waren die wilden Siebzigerjahre." 1974 landet sie in Europa: London, Paris, die Kanaren, immer mit ihrer Kamera. Dann München. Dort trifft sie die Liebe zu einem "griechischen Bayern" wie ein Blitz. Sechs Monate später haben sie geheiratet. Sie bekommen zwei Söhne und vier Enkel: "Ich hab ein Glück", sagt sie mit ihrem charmanten leichten amerikanischen Akzent und ihre Augen strahlen. Ihr Mann habe sie immer unterstützt, nie gebremst. Sie lacht: "Er hatte aber auch keine andere Wahl."

Trisha Kanellopulos hat viele Jobs gemacht, sie hat gekellnert und in einer orthopädischen Praxis gearbeitet, "als Fangofee". Sie führte mit einer Freundin eine Innenarchitektur-Firma, wo sie "für die Farben zuständig" war. Sie hat professionell geschneidert, obwohl sie nie eine Schneiderlehre absolvierte. Auch das Malen hat sie sich großteils selbst beigebracht: All die Kurse fand sie am Ende doch immer eher "trocken". Viele Jahre lang hat sie selbst Mal- und Zeichenkurse gegeben - bis sie erschrocken feststellen musste, dass ihre Schüler anfingen, so zu malen wie sie selbst. Und immer wieder fotografiert sie. "Ich kann sagen, ich bin ein Profi", fasst sie selbstbewusst zusammen. Ein buntes Leben habe sie, alles hatte seinen Sinn: "Nothing happens for nothing."

Ihre großformatigen Erdbilder malt die Künstlerin im Gewächshaus einer früheren Gärtnerei in Untergiesing, wo sie seit 30 Jahren ihr Atelier hat.

(Foto: Catherina Hess)

Am Anfang stand für die Künstlerin Trisha Kanellopoulos das Malen und Zeichnen, vor allem von Aktbildern. Nach und nach habe sie ihre Motive immer mehr reduziert, erzählt sie: Erst Gruppen, dann Paare. Dann steht meist auf ihren Werken ein Einzelner in der Landschaft. Später zeigen sie Torsi. "Und dann nur noch Linien, gelöst von der Figur." Daneben gibt es in ihrem Atelier auch Skulpturen aus Draht.

Seit mehr als zehn Jahren experimentiert sie nun mit ihren Erden und auch mit Asche. Aus dem Urlaub schickt sie Erde mit der Post nach Hause oder sie steckt sie in ihren Koffer, auch wenn der dann mal ein wenig nach Schwefel riecht, egal. Für viele Werke hat sie Erden gemischt, auf jedem einzelnen hat sie hinten akribisch die Herkunft der Bestandteile notiert. Esoterisch sei sie überhaupt nicht, versichert Kanellopoulos: "Aber sehr naturverbunden. Wenn es mir schlecht geht, muss ich nur in meinem Garten die Erde fühlen." Noch immer sei sie "auf der Suche nach der ultimativen Farbe und der perfekten Oberfläche". Ans Aufhören denkt die 67-Jährige noch lange nicht: "Ich hab das Gefühl, ich fange jetzt erst an", sagt sie.

Die Ausstellung "Erdbilder" mit Bildern und Fotografien von Trisha Kanellopoulos ist zu sehen bis zum 9. August im Ökologischen Bildungszentrum an der Englschalkinger Straße 166: Montag bis Donnerstag von 9 bis 16, Freitag von 9 bis 13 Uhr und an Wochenenden während des Kursbetriebs. Der Eintritt ist frei.