Eine schwarze Frau mit zwei Kindern und mit gelbem Kopftuch, die in Paris auf einem Wochenmarkt steht. Jörg Koopmann fand „diese Frau toll, eine Erscheinung, so präsent und souverän“. Weswegen er sie fotografiert, das Bild in seine Ausstellung „Der Telefant im Traum“ im Kunstpavillon im Alten Botanischen Garten in München integriert hat. Und er hat das Motiv auf ein vier Meter hohes Stoffbanner gezogen, das an der Westfassade des Gebäudes hing. Aber offenbar findet nicht jeder dieses Motiv gut. Denn am 8. Oktober war das Banner plötzlich verschwunden. Die Polizei hat es dann, erzählt der Fotograf, „in einer Mülltonne am Park gefunden“. Außerdem gibt es eine Videoaufzeichnung der Tat, die am helllichten Tag, zur Mittagszeit erfolgte.
Inzwischen ist auch der Täter polizeilich ermittelt. Nähere Details werden, so Koopmann, aber erst nach einer Anzeige bekanntgegeben, die bisher noch nicht erfolgt ist. So lässt sich aktuell nur spekulieren über die Hintergründe dieses Vorfalls, der, so Katharina Weishäupl vom Vorstand des Kunstpavillons, „als expliziter Angriff empfunden“ wurde. Weishäupl sagt aber auch: Sie seien auch deswegen so „alarmiert“ gewesen, weil erst eine Woche zuvor „eine E-Mail kam, die sich explizit an diesem Bild aufgehängt und rechtes Gedankengut beinhaltet hat“.
Gemeint ist damit die E-Mail eines Parkbesuchers, der darin fragt, wie dieses Bild zum „wunderschönen“ Park passe, „den wir gerade zurückgewonnen haben – zum Brunnen, zum Justizpalast, zum hübschen Park Café mit Biergarten und zum Kunstpavillon selbst?“. Auch auf den „Denkmalschutz“ des Alten Botanischen Gartens wird verwiesen und gefragt: „Wie bewahrt dieses Foto unsere Kultur für die kommenden Generationen?“ Das mit dem „zurückgewonnen“, das spielt offenkundig auf die Taskforce an, die seit Mai 2024 versucht, die Kriminalität im Alten Botanischen Garten einzudämmen. Das Bild, das nicht zum Park passt? Das lässt einen unweigerlich an die kürzliche, umstrittene Äußerung des Bundeskanzlers denken, dass „im Stadtbild noch dieses Problem“ sei.
Der Hinweis auf „unsere Kultur“, auch der klingt problematisch. Vor allem dann, wenn man die Geschichte des Botanischen Gartens kennt. Denn seine heutige Form als Park hat dieser in der NS-Zeit erhalten. Auch der Neptunbrunnen, das Park Café und der Kunstpavillon gehen auf NS-Architekten zurück. Ob das dem Mail-Schreiber bekannt ist? Auf diese Hintergründe wird im Park nicht hingewiesen. Nur im Jahr 2022 war das kurz der Fall. Da gab es mit „Maria Luiko, Trauernde, 1938“ eine Installation von Michaela Melián am Neptunbrunnen, die dessen Geschichte aufgriff. Auch damals gab es einen bis heute nicht aufgeklärten Fall von Vandalismus. Dabei wurde das Kunstwerk schwer beschädigt.
Am Kunstpavillon gab es, so Katharina Weishäupl, vor dem aktuellen Vorfall bisher keinen. Auch hätte man jetzt zum ersten Mal eine bedenkliche E-Mail erhalten. Auffällig ist jedenfalls, dass die Vorfälle mit NS-Bauwerken zu tun haben. Und mit Versuchen, deren dunkler Historie künstlerisch etwas entgegenzusetzen. Aber vielleicht steckt hinter den Fällen auch „nur“ reine Zerstörungswut. An einem Ort, der wegen der stark gestiegenen Kriminalität seit Langem in der Diskussion steht. Die Reaktion von Jörg Koopmann darauf war jedenfalls, das Motiv in den vergangenen Tagen erneut als Banner aufzuhängen. Und auf der Ostfassade das Bild von einem schwarzen Mann am Rande einer Demo in Marseille. Schon „aus Trotz“, wie er sagt. Seit Sonntag ist die Ausstellung beendet.

