Einsiedelei von Väterchen TimofejEin Schwarzbau wird zum Denkmal

Lesezeit: 3 Min.

Der Erhalt der Gebäude von Timofej liegt jetzt im Interesse der Allgemeinheit.
Der Erhalt der Gebäude von Timofej liegt jetzt im Interesse der Allgemeinheit. Stephan Rumpf

Aus Kriegstrümmern erbaute Väterchen Timofej einst sein Reich im Olympiapark. Er trotzte bei Olympia 1972 auf fast wundersame Weise dem Abriss, nun steht das Gelände unter Schutz.

Von Patrik Stäbler

SZ bei Google bevorzugen

Die Kirche – eine der bekanntesten überhaupt in München – ist wieder da. Und das am originalen Standort, wo sie vor drei Jahren komplett abgebrannt ist. Also inmitten einer grünen Oase aus Obstbäumen, Gemüsebeeten und Bienenstöcken sowie einer Wohnhütte und einer Kapelle, die dem Erzengel Michael gewidmet ist.

Gemeint ist die Einsiedelei von Väterchen Timofej im Münchner Olympiapark, wo bis zu dem verheerenden Feuer im Juni 2023 auch jene Ost-West-Friedenskirche stand, die heute zurückgekehrt ist. Allerdings nur als zigarettenschachtelhohes Modell, das Mathias Pfeil mitgebracht hat.

Der neue OB Krause (rechts), Alt-OB Ude (Mitte) und Generalkonservator Pfeil zeigen, wie die Kirche nach dem Wiederaufbau aussehen soll.
Der neue OB Krause (rechts), Alt-OB Ude (Mitte) und Generalkonservator Pfeil zeigen, wie die Kirche nach dem Wiederaufbau aussehen soll. Stephan Rumpf

Anlass für den Besuch des Generalkonservators des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege ist die Aufnahme dieses „gallischen Dorfs im Herzen unserer Landeshauptstadt“ in die bayerische Denkmalliste. Die Einsiedelei und der Garten des 2004 verstorbenen russischen Eremiten, der mit vollem Namen Timofej Wassiljewitsch Prochorow hieß, „zeugen von der Wohnraumnot in der Nachkriegszeit und willensstarken Menschen, die darauf inmitten einer mit Trümmerschutt bedeckten Landschaft eine Antwort fanden“, sagt Mathias Pfeil. Die einst illegal errichtete Anlage sei ein „einzigartiges Zeitzeugnis“, dessen Erhalt mit der Eintragung als Baudenkmal nunmehr im Interesse der Allgemeinheit liege.

Hierfür hat sich nicht zuletzt ein Mann stark gemacht, der an diesem Nachmittag neben dem Generalkonservator steht – und der seit Langem dafür kämpft, dass die Ost-West-Friedenskirche nicht nur als Modell zurückkehrt, sondern in ihrer originalen Gestalt demnächst wiederaufgebaut wird. Gemeint ist Alt-Oberbürgermeister Christian Ude, der mit Blick auf die Aufnahme in die Denkmalliste von einem „wunderbaren Happy End für Münchens liebenswürdigsten Schwarzbau“ spricht. „Heute feiert die Einsiedelei ihre offizielle Anerkennung als einmaliges historisches Kleinod.“

Er selbst habe die Heimstatt von Väterchen Timofej erstmals vor 70 Jahren besucht – „als Schwabinger Bub mit dem Tretroller“. Seinerzeit sei dort alles noch kahl und rot gewesen, erzählt Ude. Letzteres lag an den ungezählten Ziegelsteinen von im Krieg zerstörten Häusern, die hier auf dem Oberwiesenfeld zu Schuttbergen gehäuft wurden. Inmitten dieser Trümmerhügel ließ sich Timofej Prochorow 1952 zusammen mit seiner Partnerin Natascha nieder – angeleitet von einer göttlichen Vision, die ihn mit der Errichtung einer „Friedenskirche von Ost und West“ an dem Ort beauftragt hatte.

Und so begann das Paar zu bauen: zunächst eine „Hütte in russischer Bauweise“, wie es in den Unterlagen der Lokalbaukommission hieß. Später kamen dann ein Wohnhaus hinzu, das inzwischen ein kleines Museum beherbergt, sowie jene Michaelskapelle, die bis heute mit ihrer mit Silberpapier ausgekleideten Decke erhalten ist.

Timofej Wassiljewitsch Prochorow posiert Anfang der Achtziger vor seiner Kirche.
Timofej Wassiljewitsch Prochorow posiert Anfang der Achtziger vor seiner Kirche. imago/Horstmüller

Da das Grundstück eigentlich als Erholungs- und Grünfläche ausgewiesen war und für die Bauten auf städtischem Grund keine Genehmigung vorlag, pochten die Behörden anfangs auf einen Abriss. Doch alle Bemühungen in diese Richtung scheiterten – auch wegen der Beharrlichkeit von Väterchen Timofej, dessen Einsiedelei das Rathaus von 1957 an duldete. In diesem Jahr begannen der Eremit und seine Begleiterin mit dem Bau der Ost-West-Friedenskirche, die entgegen ihrer Pläne nie geweiht wurde. Der Grund: Den Katholiken war das Gebäude zu orthodox, während sich die Orthodoxen an zu vielen katholischen Elementen störten.

Zu großer Bekanntheit gelangte die Kirche spätestens im Zuge von Olympia 1972 in München. Denn nach den ursprünglichen Plänen sollte an der Stelle, an der sich Väterchen Timofej niedergelassen hatte, die olympische Reitsportanlage entstehen. Doch auch aufgrund von Protesten aus der Bevölkerung wurde jene Sportstätte letztlich in Riem gebaut – und die Einsiedelei samt Kirche durfte im neu geschaffenen Olympiapark bleiben.

Kirche von Väterchen Timofej
:Ein Münchner Märchen

Das schlitzohrige Väterchen Timofej schuf im Olympiapark ein Reich, in dem allerhand Wundersames geschah. Nun ereignet sich dort erneut ein Wunder. Über einen besonderen Ort im sonst meist konformen München.

SZ PlusVon Lisa Sonnabend

Dort wurde sie zu einem Treffpunkt, einer Sehenswürdigkeit und einem Anziehungspunkt für Besucherinnen und Besucher aus aller Welt – auch über Timofej Prochorows Tod im Jahr 2004 hinaus. „Viele Menschen, die hier zum ersten Mal herkommen, sehen aus wie Kinder, die zum ersten Mal einen Weihnachtsbaum sehen“, sagt Elena Keck, die stellvertretende Vorsitzende des Vereins Ost-West-Friedensgarten. Dieser kümmert sich um die Anlage und setzt sich zusammen mit Christian Ude für den Wiederaufbau von Väterchen Timofejs Kirche ein, der laut dem Altoberbürgermeister im kommenden Frühjahr beginnen soll. Dank der Eintragung in die Denkmalliste könne man jetzt mit dem Spendensammeln so richtig loslegen, sagt Ude. Eine „Anschubfinanzierung“ gebe es schon – bestehend aus den Versicherungsgeldern in Höhe von 66 000 Euro sowie einem unerwarteten Schatz in Form von D-Mark-Scheinen und alten Münzen im Wert von 6000 Euro, die nach dem Brand in einem Geheimversteck im Boden unter der Kirchenruine gefunden wurden. Die Gesamtkosten für den Wiederaufbau dürften laut dem Alt-OB bei etwa 200 000 Euro liegen.

„Mit der Eintragung als Baudenkmal würdigen wir nicht nur die architektonische und historische Bedeutung dieses Orts, sondern auch die Menschen, die ihn über viele Jahre mit großem Einsatz bewahrt haben und die sich nach dem verheerenden Brand weiterhin für seinen Erhalt und eine mögliche Wiederherstellung einsetzen“, sagt Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne), der an diesem Tag ebenfalls in die Einsiedelei gekommen ist. Er betont: „Es ist wichtig, dass solche besonderen Zeugnisse der Stadtgeschichte erhalten bleiben und auch kommenden Generationen zugänglich sind.“

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Das Flaucher-Gefühl
:Wo München flimmert wie keine andere Stadt

Berlin hat das Tempelhofer Feld, Hamburg den Hafen, aber München den Flaucher. Das Leben ist hier leichter als anderswo. Über einen Ort, der eigentlich mehr ein Gefühl ist.

SZ PlusVon Lisa Sonnabend und Johannes Simon

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: