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München:Wie sich die Hochschulen auf das Wintersemester vorbereiten

Andreas Fleischmann leitet ProLehre, seine Stellvertreterin Ellen Taraba ist dort Leiterin der Lernkompetenzförderung.

(Foto: Gino Dambrowski)

Auch in den kommenden Monaten werden die meisten Veranstaltungen wieder online stattfinden. Eine besonders schwierige Situation für die etwa 20 000 Erstsemester.

Von Sabine Buchwald

An den Hochschulen laufen bereits die Vorbereitungen für das anstehende Wintersemester, das wohl noch schwieriger werden wird als das Sommersemester. Klar ist schon jetzt, dass die meisten Veranstaltungen wieder online stattfinden werden. Doch die Situation wird wesentlich verschärft dadurch, dass diesen Herbst allein in München wieder um die 20 000 Erstsemester beginnen. Das sind Studierende, von denen viele frisch von den Schulen, aus anderen Städten oder gar aus dem Ausland nach München kommen. "Wie können wir in diesen schwierigen Zeiten die Erstsemester in das akademische Arbeiten und Leben einführen?" Diese Frage treibt den Hochschuldidaktiker Andreas Fleischmann an der Technischen Universität München (TUM) um.

Events zum Semesterbeginn im üblichen Format, bei denen die Neulinge persönlich mit vielen Flyern und Ratschlägen versorgt wurden, werden ausfallen. Kennenlern-Treffen oder Ersti-Partys wird es in der sonst üblichen Form nicht geben. Immerhin: Die Messe "Fit-for-TUM" wird von 5. bis 9. Oktober virtuell stattfinden. Und man überlegt, wie man die Studierenden in Tandems oder kleinen Gruppen zusammenbringt, wie und wo man Präsenz-Veranstaltungen mit geringer Teilnehmerzahl organisieren könnte, damit die Studierenden eine soziale Eingebundenheit spüren.

Andreas Fleischmann leitet ProLehre, seine Stellvertreterin Ellen Taraba ist dort Leiterin der Lernkompetenzförderung.

(Foto: Gino Dambrowski)

Knapp sechs Wochen bleiben noch bis zum Semesterstart an den Universitäten. Fleischmann und sein Team sind an der TUM in der Einrichtung ProLehre maßgeblich daran beteiligt, dass die digitale Lehre dort bestmöglich umgesetzt wird. "Aus einem Sprint ist nun ein Marathon geworden", sagt der 45-Jährige. Die Arbeitsbelastung im Sommersemester sei für die gesamte Uni enorm gewesen. In kurzer Zeit habe man die Lehre digitalisieren müssen. Manche der Kollegen hätten über Wochen 100 Prozent mehr gearbeitet, teilweise von zu Hause aus - inklusive Kinderbetreuung. Gut sei die klare Ansage von oben gewesen. Ein sogenanntes Nicht-Semester habe an der TU nie zur Diskussion gestanden. "Die Hochschulleitung hat uns den Raum und die finanziellen Mittel gegeben, Lösungen für die Online-Lehre zu finden."

Fleischmann, 45, leitet ein Team mit mehr als 30 Mitarbeitern. Er ist promovierter Informatiker, hat zudem Pädagogik studiert und sagt nicht ohne Stolz, es sei hilfreich, die "Sprache der Ingenieure" zu sprechen. Er arbeitet seit 2006 bei ProLehre, hat die Einrichtung wachsen sehen. 2017 verschmolzen die Hochschuldidaktik und das Medienzentrum unter Fleischmanns Leitung. Die Idee hinter der Zusammenlegung ist, wissenschaftliche Erkenntnisse international anerkannter Lehr- und Lernforschung mit neuen Lern-Technologien zu verbinden - und somit die Qualität der Lehre auszubauen. Zum Wohl der Studierenden, die an der Exzellenz-Universität maximale Leistungen erzielen sollen. Dieser grundsätzliche Ansatz der TUM war für die schnelle Umsetzung in den ersten Corona-Monaten sehr wesentlich. "Wir hatten genau zum richtigen Zeitpunkt die richtige Abteilung und auch noch das Ohr zum Vizepräsidenten", sagt Fleischmann.

Tatsächlich sieht Gerhard Müller, Geschäftsführender Vizepräsident für Studium und Lehre, die Einführung digitaler Formate schon seit Längerem als eines der zentralen Projekte der Universität. Die TUM investiere nicht nur in personelle und technische Kapazitäten, sondern habe auch einen Wettbewerb aufgelegt, in dem jährlich mit einem "deutlich sechsstelligen Betrag" neue Lehr- und Prüfungsprojekte gefördert würden. Man werde auch in den nächsten Jahren Millionen in die Entwicklung der Lehre investieren, sagt Müller. Am 24. April verkündete die TUM auf ihrer Webseite: "Die Zukunft der digitalen Zukunft hat begonnen." Geld dafür sammelt man eifrig bei privaten Sponsoren. Keine andere Münchner Hochschule investiert vergleichbar viel Ressourcen in Didaktik und Lehre.

Lizenzen für digitale Konferenzen und Tools wie Camtasia zum Erstellen von Lernvideos wurden gekauft. Die Studierenden seien technisch bereit gewesen für das E-Learning, erzählt Fleischmann. Nur drei hätten nach einem Leih-Laptop gefragt. Manchen Dozenten aber musste man Mut zusprechen, sich etwa bei einer Power-Point-Präsentation zu filmen und das Ergebnis online zu stellen. Die Professoren hätten ihre Comfort-Zone verlassen müssen und dabei Anfangsschwierigkeiten gehabt, sagt Fleischmann. Anders aber als etwa Lehrkräfte an den Schulen, wurde und wird ihnen auch in Zukunft intensiv geholfen, digitalen Unterricht zu gestalten.

Die TUM hat 500 studentische Hilfskräfte zu sogenannten E-Scouts ausgebildet, die den Dozenten zur Seite stehen. Auf der Webseite von ProLehre ist nach und nach eine gut 40-seitige, detaillierte Handreichung mit Tipps für die digitale Lehre entstanden, die sich nicht nur auf universitäres Lernen bezieht. "Das Gefühl 'alle helfen mit', hat sicher viele Leute mitgerissen", meint Fleischmann. Eine Befragung von Studierenden und Lehrenden, durchgeführt vom TU-Center for Study and Teaching noch während des Semesters, verlief durchaus positiv. An der Umfrage nahmen knapp 1000 Lehrende (etwa 20 Prozent) und gut 5000 Studierende (etwa zwölf Prozent) teil. Für Fleischmann eine sehr gute Rücklaufquote. Daraus ergab sich, dass sich 77 Prozent der Lehrenden gut unterstützt fühlten. 60 Prozent der Lehrenden zeigten sich zufrieden bis sehr zufrieden mit der Umstellung auf digitale Lehre. Weitere 25 Prozent waren teils/teils zufrieden. Bei den Studierenden waren die Zahlen noch positiver, dort waren 71 Prozent zufrieden bis sehr zufrieden mit der Umstellung auf digitale Lehre, weitere 17 Prozent waren teils/teils zufrieden.

Für das neue Semester nimmt man nun die Erfahrungen aus den ersten Corona-Monaten mit. Studierende brauchten eine "Rückkopplung", so eine Art Lagerfeuer-Gefühl, sagt Fleischmann. "Wir müssen den sozialen Raum online nachbilden." Gelernt habe man, dass Online-Lehre oder auch Online-Zusammenkünfte mehr Disziplin und Struktur erforderten; zudem, dass E-Learning wenig Sinn ohne Prüfungen mache. Teils online, aber auch in großen Zelten wurden die Ende des Sommersemesters an der TUM abgehalten.

Ellen Taraba ist Leiterin der Lernkompetenzförderung bei ProLehre. Sie hinterfragt in diesen Tagen, was die Erstsemester nun brauchen. Daraus soll ein Web-Kurs entstehen. Der Arbeitstitel lautet im Moment "How survive online-lernen". Dabei geht es freilich nicht nur ums "Überleben". Die Studierenden sollen ganz praktische Hilfe bekommen. Taraba rät, den Arbeitsplatz so zu gestalten, dass alles griffbereit ist; die Woche gut zu planen, sich mit Kommilitonen zu vernetzen und trotz Corona zu versuchen, gemeinschaftlich zu arbeiten. Etwa über Gruppen-Gespräche am Telefon oder Rechner.

Es brauche eine große Portion Flexibilität und Reflexion, so Taraba, um den Einstieg in ein Studium in diesen Zeiten zu meistern.

© SZ vom 21.09.2020/vewo
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