Schon seit knapp zwei Wochen gilt für eine Handvoll Kioske im Uni-Viertel nun ein Bierverkaufsverbot nach 22 Uhr. Weniger später folgte, was gemeinhin unter Chips-Verbot ab 20 Uhr firmiert. Wobei für Letzteres gilt: Es handelt sich tatsächlich weniger um ein neues Verbot als vielmehr um eine bestehende Regel im Sinne des Gaststättengesetzes, das nun mit Nachdruck vom zuständigen Kreisverwaltungsreferat durchgesetzt wird, Rollos vor einigen Chipsregalen inklusive. Über den Sinn und Unsinn solcher Maßnahmen wird trefflich gestritten. Auch die Politik hat längst erkannt, dass sich das Thema für die eigenen Zwecke nutzen lässt. So nun auch „Die Partei“.
Nachdem sich die CSU rund um OB-Kandidat Clemens Baumgärtner in den vergangenen Wochen vor allem an die Seite der Anwohnerinnen und Anwohner, die sich über zu viel Müll und Lärm beklagen, gestellt hatte, stellt sich die Satirepartei nun an die Seite der Kioskbetreiber und jungen Feiernden. Das Motto der angemeldeten Demo ist dabei gewohnt provokativ: „Anwohner nerven“.
Als es kurz vor 20 Uhr am Samstagabend noch so aussieht, als würden die wenigen Parteimitglieder alleine mit etwa genauso vielen Polizisten die Schellingstraße zum Professor-Huber-Platz hinuntermarschieren müssen, ist daraus spätestens ab Höhe der Amalienstraße eine Menschentraube von immerhin gut 60 Demonstrierenden geworden. Unter ihnen sind neben Parteimitgliedern auch mehrere Kioskbetreiber, daneben mehr oder weniger junge Feiernde, viele davon mit Bier und Chipstüten in der Hand. Immer wieder rufen sie im Chor: „Chips und Bier, das lob’ ich mir.“
Stefan Weißenberger zählt zwar selbst nicht mehr zu denen, die regelmäßig im Uni-Viertel feiern gehen. Der 32-Jährige hätte sich aber Spätis, wie man die Kioske gemeinhin auch nennt, selbst wenn solche laut dem Bayerisches Ladenschlussgesetz nicht vorgesehen sind, zu seiner Studienzeit gewünscht. Ähnlich sehen das auch Finn Heine, 18, und seine Freunde. Sie könnten es sich nicht leisten, nur in Bars zu gehen, überall sonst aber werde man vertrieben. Und überhaupt, die Leute, die in den Schanigärten säßen, seien doch auch nicht schon um 22 Uhr leise. Das Gefühl, dass man vor allem die mit weniger Geld nicht haben will, das schleicht sich bei Heine und vielen anderen Teilnehmenden der Demo zunehmend ein.
Da ist es den meisten auch egal, dass so eine Parole wie „Spätis denen, die davor saufen“ nicht unbedingt befriedend klingt. Für die meisten noch nachvollziehbarer sein dürfte da schon die wohl auch ernster gemeinte Forderung, sich den öffentlichen Raum nicht nehmen zu lassen. Denn auch unabhängig von der Demo geht es in den Diskussionen rund ums Thema ja darum, was man in dieser Stadt überhaupt noch darf. Und wer.
Bei Asti Beseh, deren Bruder den „Sina Kiosk“ in der Schellingstraße 36 betreibt, kommt neben den finanziellen Einbußen als Nichtdeutsche zunehmend das Gefühl auf, anders behandelt zu werden, als die Betreiber der umliegenden Bars. Das Wort Rassismus nimmt sie nicht in den Mund, aber das Gefühl, dass man anders behandelt werde, weil man keine Ur-Münchner sei, das schwingt mit. Statt über einen Anwalt versucht Beseh sich jetzt nun trotzdem über die Politik Gehör zu verschaffen. Die Antworten kämen schleppend, wohl wegen der Sommerferien; Marie Burneleit, die für „Die Partei“ im Stadtrat sitzt, habe mit der Demo am schnellsten reagiert.
Bei Thomas Schmid, der wiederum für die CSU im Stadtrat sitzt und selbst gegenüber vom „Schall und Rauch“ wohnt, dürfte Beseh mit ihren Forderungen allerdings ohnehin wenig Gehör finden. Der sagt zwar schon auch, dass einige Bars – vor allem die an der Ecke zur Amalienstraße – eine Mitschuld an den „unfassbaren Zuständen“ tragen, und das Feiern will er den jungen Leuten nicht gänzlich verbieten. Für die Kioskbetreiber aber hat er wenig Verständnis. Wenn die ihr Geschäft auf dem Verkauf von Flaschenbier aufbauten, dann sei das ein völlig falsches Geschäftsmodell.
Ein Anwohner, der versucht, es differenzierter zu sehen, ist Abdullah Alfa. Der 24-Jährige wohnt seit zwei Jahren direkt an der Ecke zwischen Schelling- und Amalienstraße und sagt: Klar ist es laut, aber die Lautstärke regulieren, das sei unmöglich. Stattdessen appelliert er an die Feiernden, ihren Müll nicht liegenzulassen. Dafür brauche es wiederum mehr oder größere Mülleimer. Und obwohl er selbst gar keinen Alkohol trinkt, hält er nichts vom Bierverkaufsverbot, „da hängen ja auch irgendwo Existenzen dran“.
Fraglich bleibt, wie es nun weitergehen wird. Während Partei-Stadträtin Burneleit klamaukig „Kartoffelchips auf die eins“ fordert, können sich Politiker wie Schmid, aber auch Felix Lang von der SPD nämlich durchaus vorstellen, noch weitere Schritte zu unternehmen, um Lärm und Müll im Uni-Viertel in den Griff zu bekommen.

