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Ungererbad:Schön kaputt

Architektursprache der Fünfzigerjahre: Schlanke Säulen gliedern die Südfassade am Eingangsgebäude. Doch es gibt Statik-Probleme.

(Foto: Lederer-Piloty Architekten/oh)

Das Eingangsgebäude des Ungererbads ist marode. Die Lokalpolitiker wollen es als Denkmal erhalten, die Stadtwerke prüfen den Abriss.

Von Stefan Mühleisen, Schwabing

Das markante Eingangsgebäude des städtischen Ungererbades in Schwabing wird womöglich in den nächsten Jahren abgerissen. Wie die Bäderchefin der Stadtwerke München (SWM), Christine Kugler, bestätigt, sei die Bausubstanz des Stahlbetonskelettbaus derart gravierend angegriffen, dass der Betreiber einen Neubau erwäge, "schweren Herzens", wie Kugler betont. "Das Gebäude ist wunderschön in seiner Schlichtheit und Grazie. Doch aus unserer Sicht ist das Gebäude so gut wie nicht sanierungsfähig." Im Bezirksausschuss Schwabing-Freimann regt sich allerdings dagegen Widerstand. Das Gremium hat das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) um eine Expertise gebeten. Das Verschwinden des Gebäudes, so heißt es in einem zugehörigen Antrag an die Stadt, wäre ein großer Verlust.

Der Standort als Freibad hat eine lange Geschichte. Bereits 1850 war an dieser Stelle eine Badehütte eingerichtet worden; der Ingenieur August Ungerer legte ein Naturbad an, mit Wiesen, Teichen, Grotten und Wasserspielen und schenkte der Stadt das Bad, das seinen Namen trug und immer noch trägt - ebenso wie die Straße, die daran vorbei führt. Beliebt war das Freibad überdies, weil man dorthin mit der "Ungererbahn" fahren konnte, einer elektrischen Schienenbahn. Das alte Bad wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und 1952 nach den Plänen von Architekt Albert Heichlinger neu errichtet - eben mit dem heute noch erhaltenen 100 Meter langen Eingangsbauwerk mit den schlanken Säulen an der Südseite.

Auch nächsten Sommer rein ins Vergnügen: Die Stadtwerke wollen eine langwierige Sanierung des Ungererbads vermeiden.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Neben Kassenhäuschen, WCs und Duschen beherbergt das Gebäude im Obergeschoss noch einen Anachronismus aus jenen Zeiten, als noch Garderobenfrauen vor 96 Wechselkabinen sowie zweigeschossig konstruierten Kleider-Aufbewahrungsräumen bereit standen, um die Badegäste zum Umkleiden zu geleiten und für die sichere Verwahrung der Garderobe Sorge zu tragen. "Dieser Bereich kann schon lange wegen der Statik-Probleme nicht mehr genutzt werden", berichtet die Bäderchefin.

Nach ihren Angaben wurde das Bauwerk 2006 im größeren Stil saniert, danach alle zwei Jahre von einem Statiker geprüft; 2015 und 2018/2019 sei jeweils auf Anraten eines Statikers nachgearbeitet worden, um den Betrieb sicherzustellen. Wobei, betont Kugler, die Decke im Eingangsbereich zeitweise aus Sicherheitsgründen mit Netzen abgehängt worden sei. "Wir doktern seit 20 Jahren an dem Gebäude herum. Wir brauchen eine grundlegende Lösung." Dafür haben die SWM bereits beim Baureferat vorgefühlt, was die Eingriffe im Vorfeld angeht, also Baumfällungen und Umbauten an den Zugängen. Der Bezirksausschuss nahm dies zum Anlass, sich grundsätzlich gegen die Abriss-Erwägungen zu stellen. "Moderne Technik würde es erlauben, der Betonstruktur trotz der geringen Überdeckung mittels Karbonbewehrung wieder die erforderliche Standfestigkeit zu verliehen", formuliert Petra Piloty (SPD) in einem jüngst beschlossenen Antrag, der eine Denkmal-Prüfung des Gebäudes fordert. Das Bauwerk sei ein typisches Beispiel für die Architektursprache der Fünfzigerjahre, heißt es darin.

Bäderchefin Kugler mag das nicht ausschließen und betont, wie sehr sie den Impuls verstehen könne, das Gebäude zu retten. "Aber unser Bestreben ist vor allem ein nahtloser Badebetrieb und keine jahrelange und sehr wahrscheinlich kostspielige Sanierung." Sie spielt dabei auf den strukturellen Defizit-Betrieb des SWM-Bädersegments an. Die sozial verträglich gestalteten Eintrittspreise in den Freibädern decken weniger als die Hälfte der tatsächlich anfallenden Kosten; das Minus gleicht die städtische Tochtergesellschaft SWM unternehmensintern aus. Zuletzt gewährte der Stadtrat einen Zuschuss von knapp 1,8 Millionen Euro, um das Projekt mit freiem Eintritt für Kinder und Jugendliche zu subventionieren. So darf man es wohl als prophylaktische Adresse an die Stadträte auffassen, wenn Kugler sagt: "Sollte das Ungererbad Denkmaleigenschaft haben, muss diskutiert werden, ob man sich das leisten kann und will. Für uns hat jedenfalls Priorität, dass die Schwabinger nicht jahrelang vor verschlossener Tür stehen."

© SZ vom 27.10.2020

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