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Verkehr:So will München künftig Abbiegeunfälle verhindern

Rote Farbe soll den Radweg an der Kreuzung Corneliusbrücke/Erhardtstraße, an der im Mai ein Kind bei einem Unfall starb, sichtbarer machen.

(Foto: Robert Haas)
  • Nach mehreren Unfällen beim Rechtsabbiegen von Lkws will die Stadt künftig nur noch Baufirmen beauftragen, deren Fahrzeuge über Abbiegehilfen verfügen.
  • Der Stadtrat begrüßte einen entsprechenden Antrag der ÖDP, über den allerdings noch offiziell abgestimmt werden muss.
  • Zudem will die Stadt weitere Maßnahmen ergreifen, um Unfälle beim Abbiegen zu verhindern und das Radfahren sicherer zu machen.

Noch immer liegen Blumen und Kuscheltiere an der Ecke Corneliusbrücke/Erhardtstraße. An dieser Stelle wurde im Mai ein Kind von einem rechtsabbiegenden Lastwagen getötet - die Debatte über die Sicherheit von Radfahrern ist seitdem noch einmal intensiver geworden. Kreisverwaltungsreferent Thomas Böhle ist an der Unfallkreuzung bereits tätig geworden: Teile des Radwegs wurden rot eingefärbt, die Haltelinie für Autos zurückversetzt. Damit die Radler besser zu sehen sind. Die Stelle wird jedoch demnächst zur Baustelle. Die Stadtwerke verlegen eine Erdgasleitung, der Baubeginn wurde wegen des Unfalls bereits verschoben. Sobald die Arbeiter fertig sind, wird die Kreuzung dann insgesamt fahrradfreundlicher umgestaltet.

Das aber reicht nicht aus, findet der Kreisverwaltungsausschuss des Stadtrats, der am Dienstag gleich mehrere Maßnahmen beschlossen hat, um die berüchtigten Rechtsabbiege-Unfälle künftig zu verhindern. Als bestes Mittel gelten Abbiegeassistenzsysteme, die in den Lastwagen eingebaut werden - die Stadt will künftig nur noch Firmen beauftragen, deren Fuhrpark mit der elektronischen Sichthilfe ausgestattet sind.

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Diesen Vorstoß der ÖDP fanden sämtliche Stadträte im Ausschuss gut, er muss aber noch vom Plenum bestätigt werden. Zwar haben einige Politiker, darunter Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD), durchaus Sorge, dass das Angebot auf dem ohnehin leergefischten Markt der Bauunternehmen dann noch kleiner wird. Parteikollege Helmut Schmid mahnte aber "weniger Angst" an. Die Baufirmen würden sich schnell umstellen, wenn ein Großinvestor wie die Stadt München derartige Vorgaben mache. Auf Initiative der Grünen sollen zudem möglichst bis Ende 2019 an sämtlichen Lastwagen der Stadt sowie ihrer Unternehmen Assistenzsysteme nachgerüstet werden.

Was darunter zu verstehen ist, ist für Kreisverwaltungsreferent Böhle unstrittig: die bestmögliche Variante, also Radarsensoren, die eine automatische Bremsung auslösen. Bislang ist die Ausstattung der Fahrzeuge deutlich bescheidener - wenn überhaupt eine vorhanden ist. Die städtischen Müllfahrzeuge etwa, von denen eines kürzlich am Sendlinger Tor in einen Rechtsabbiege-Unfall mit einem Radfahrer verwickelt war, sind mit einem 180-Grad-Kamerasystem ausgerüstet, das die gesamte rechte Fahrzeugseite abdeckt, aber nicht über eine Bremsautomatik verfügt. Das wäre, so ein Vertreter des Abfallwirtschaftsbetriebs, zu gefährlich für die Müllleute, die ja oft außen auf einem Podest stehen. Ein spezielles Abbiegesystem für Müllautos sei derzeit am Markt noch nicht erhältlich. Man werde aber so bald wie möglich beim Neukauf ein System mit akustischem und optischem Warnsignal mit beschaffen.

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Die favorisierte Idee der Grünen, Lkw ohne Assistenzsysteme aus der gesamten Stadt oder zumindest aus weiten Teilen davon auszusperren, sei rechtlich nicht möglich, so Böhle. Zwar plädierte Grünen-Fraktionschef Florian Roth dafür, hundertprozentige Verkehrssicherheit höher einzustufen als hundertprozentige Rechtssicherheit. Böhle zufolge ist es aber allenfalls denkbar, einzelne, besonders gefahrenträchtige Kreuzungen für Lkw ohne Abbiegehilfe zu sperren. Ein großräumiges Verbot sei ausgeschlossen.

Dafür will das Kreisverwaltungsreferat weiter prüfen, an welchen Kreuzungen es sinnvoll wäre, den Radweg für eine bessere Sichtbarkeit rot einzufärben - wie etwa vor einigen Monaten an der Kreuzung Lindwurm-/Kapuzinerstraße geschehen. Besonders gefährliche Kreuzungen sollen umgebaut werden. Der Stadtrat beauftragte die Behörde zudem, bis Jahresende mindestens 100 Trixispiegel zu montieren - also Spiegel auf der gegenüberliegenden Straßenseite, die einen besseren Blick auf den Radweg gewährleisten.

Mehr Sicherheit können allerdings auch neue Radwege bieten, und die beschloss der Kreisverwaltungsausschuss ebenfalls: So wird der lückenhafte Radweg in der Herzog-Heinrich-Straße komplettiert - von der Lindwurm- bis zur Pettenkoferstraße. Die Schwanthalerstraße erhält auf einem Teilstück ebenso neue Radspuren wie die Lindwurmstraße an zwei Stellen.

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