Umwelt:"Fische sind doch keine Erfindungen"

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Umwelt: Der studierte Tierarzt Christoph Then hat sich tief ins Patentrecht eingearbeitet.

Der studierte Tierarzt Christoph Then hat sich tief ins Patentrecht eingearbeitet.

(Foto: Stephan Rumpf)

Christoph Then kämpft seit Jahrzehnten gegen Patente auf Saatgut oder Tiere und für mehr Kontrollen bei Gentechnik. Dafür legt er sich schon mal mit Giganten der Branche an. Aktuell geht es ums Bier.

Von Martina Scherf, München

Alles begann mit dem Brokkoli. Christoph Then war damals noch bei Greenpeace in Hamburg. Der Saatgut-Multi Monsanto hatte sich einen angeblich besonders gesunden "Super-Brokkoli" patentieren lassen, mit dem er den europäischen Markt erobern wollte. "Brokkoli ist per se gesund, da brauch' ich nicht Monsanto dafür", sagte sich Then. Und überhaupt: Patente auf Tiere und Pflanzen, das darf es nicht geben. Der studierte Tierarzt gründete den Verein "No Patents on Seeds", keine Patente auf Saatgut. Bis heute legt er sich mit Giganten der Branche an. Und hat dabei immer wieder Erfolg. So war es bei Melonen, Forellen oder Schimpansen. Der nächste Kampf ist noch nicht gewonnen. Diesmal geht es ums Bier.

Christoph Then, 60, kommt mit dem Fahrrad von Pasing, wo er wohnt, ins Büro nach Milbertshofen. Schwarzes Hemd, schwarze Jeans, schwarze Satteltasche. Er legt möglichst alle Fahrten in der Stadt mit dem Rad zurück. Als er vor 15 Jahren von Hamburg nach München zurückkehrte, fand er Unterschlupf im Kulturpark Zängl, einem liebevoll restaurierten Biotop mit Künstlerwerkstätten, Café und Weinhandlung. "Ich fühle mich hier wohl, unter den ganzen Alt-Linken", sagt er und grinst. Im Erdgeschoss ist das lokale Greenpeace-Büro, seine Nachbarn im Haus sind die Aktion Pro Regenwald, das Eine-Welt-Netzwerk, die Gesellschaft für Ökologische Forschung. Wolfgang Zängl hat sie in den Achtzigerjahren gegründet, und auf dem ehemaligen Firmengelände seiner Eltern den Kulturpark errichtet. Vulkanisiermaschinen wurden einst dort produziert.

Zängl hat das Gelände geerbt, er hätte alles abreißen und mit Luxuswohnungen Millionen verdienen können. Hat er nicht gemacht. Stattdessen arbeiten sie hier an der Rettung der Welt. Im Treppenhaus hängt noch eine Vitrine mit ein paar Erinnerungen an die Firma. Für ihre Hofbegrünung wurden sie von der Stadt München ausgezeichnet, das Hauptgebäude steht mittlerweile unter Denkmalschutz.

Sie schwimmen gegen den Strom, hier im Kulturpark Zängl

Zängl hat in den Achtzigerjahren Ausstellungen wie "Alptraum Auto" oder "Grün kaputt" organisiert. Er prangert das Waldsterben an und dokumentiert seit mehr als 20 Jahren das Schmelzen der Gletscher. Sie schwimmen hier gegen den Strom. "Stoppt G7" steht auf einem Plakat. "Wolfgang Zängl hat schon 2014, nach Putins Annexion der Krim, versucht, sich hier vom Gas unabhängig zu machen", erzählt Christoph Then, "und jetzt wollen das plötzlich alle." Atomkraft, Verbrennungsmotoren, Plastik, "all die Erfindungen wurden anfangs bejubelt, bis man nach Jahrzehnten merkte, welche Folgen sie haben. Und jetzt stehen wir mit den Gen-Kartoffeln vor der gleichen Frage."

Gentechnik und Patente auf Agrarprodukte, das sind Christoph Thens Lebensthemen. Vor Kurzem ging es zum Beispiel um Fische. Australische Züchter hatten sich Lachse und Forellen patentieren lassen, die sie dank einer speziellen Fütterung mit besonders viel Omega-3-Fettsäuren angereichert hatten. "Aber ein Fisch ist keine Erfindung", sagt Then, "und Landwirte wissen doch seit Jahrtausenden, dass die Qualität der Futtermittel die Qualität des Fleisches beeinflusst." Nach seinem Einspruch zog das Europäische Patentamt das Patent auf die Fische zurück. Jetzt ist nur noch die Fütterungsmethode patentiert.

In dieser Woche protestierte Then mit anderen wieder einmal vor der Zentrale des Europäischen Patentamts in München. Sie wollen verhindern, dass die Gesetze zur Risikoprüfung für gentechnisch veränderte Produkte aufgeweicht werden. Und sie wollen eine Änderung der Regularien: keine Patente auf Pflanzen und Tiere, generell. Then ist aber auch hinter den Mauern der Mega-Behörde regelmäßiger Gast, wenn eine Spruchkammer über seine Einsprüche entscheidet. Mit den Jahren hat er sich tief ins Patentrecht eingearbeitet.

"Wir sind regelmäßig mit Herrn Then und den von ihm vertretenen Interessengruppen im Gespräch, zumal er die Entwicklung unserer Patentpraxis bei biotechnologischen Erfindungen sehr genau verfolgt", sagt ein Sprecher des Europäischen Patentamts. In der Regel erheben nur Konkurrenten aus der Industrie Einspruch gegen ein Patent, wenn sie das eigene Geschäft gefährdet sehen. Aber prinzipiell kann jeder Bürger, jede Bürgerin Einspruch erheben. Then wisse, wovon er spreche, heißt es sogar von seinen Gegnern, seine Vorträge hätten Substanz. Er selbst sagt: "Wir sind nicht grundsätzlich gegen jede neue Entwicklung. Aber wir wollen, dass die Technik im Dienst der Menschen steht und nicht umgekehrt."

Eine US-Firma wollte sich Menschenaffen patentieren lassen

Weltweit werden täglich neue Patente angemeldet. Vor zehn Jahren baute die US-Firma Intrexon (Werbeslogan "We're working to create a better world") Gene von Insekten in Säugetiere ein, um deren Erbanlagen zu beeinflussen und beantragte gleich Patente für alle möglichen Tiere, inklusive Schimpansen. Then und seine Mitstreiter legten auch hier Einspruch ein, mit Erfolg. Begründung: Zum Zeitpunkt der Patentanmeldung sei "kein erheblicher medizinischer Nutzen" erkennbar. Das wäre die rechtliche Voraussetzung gewesen.

Tomaten, die nicht faulen, Mais, der gegen Glyphosat resistent ist, Reis mit höherem Ertrag - die sogenannte grüne Gentechnik macht vieles möglich. Männliche Schweine mit weiblichen Geschlechtsorganen, die keinen Ebergeruch ausdünsten und damit die Kastration ersparen. Hühner, aus deren Eiern keine männlichen Küken mehr schlüpfen, und das Schreddern unnötig wird. Wird alles schon gemacht, im Sinne einer hochindustrialisierten Landwirtschaft.

Doch während in der Pharmaindustrie langwierige Prüfprozesse erforderlich sind, bis ein neues Medikament auf den Markt kommt, geht es im Agrarsektor oft recht schnell. Then sagt, es bräuchte mehr unabhängige Institute zur Technikfolgenabschätzung. "Wir lernen erst allmählich, wie kompliziert ökologische Zusammenhänge sind, wie Tiere und Pflanzen interagieren." Die Bienen mit den Blüten, die Pilze mit den Bäumen, die Käfer mit den Blattläusen und diese mit Früchten. "Leider ist aber auch universitäre Forschung immer öfter interessengeleitet", fährt er fort. Und der Verwaltungsrat des Europäischen Patentamts, der über dessen Regularien entscheidet, werde hinter verschlossenen Türen von Vertretern der Industrie beraten. Deshalb brauche es einen wie ihn. Einen, der dagegenhält.

Züchter fürchten, von Konzernen abhängig zu werden

Er weiß Naturschützer auf seiner Seite, aber auch Bauern, denen die Abhängigkeit von Weltmarktführern Sorgen macht. Weiterentwicklungen, wie sie Landwirte seit Jahrhunderten betreiben, etwa durch Kreuzungen von Sorten, würden durch Patente blockiert. Kleine Züchter können sich teure Prozesse nicht leisten. "Wie sollen Kleinbauern überleben, wenn Saatmultis bestimmen, was sie noch anbauen dürfen und zu welchem Preis?", fragt Then.

An diesem Punkt kommt er zum Bier. Die Konzerne Carlsberg und Heineken ließen sich eine Gerste patentieren, die Bier länger haltbar macht. "Es handelt sich dabei um eine zufällig entdeckte Genmutation", sagt Then. Naturschützer, Bauern und kleine Brauereien aus Deutschland und Österreich gingen auf die Barrikaden, der Streit dauert schon einige Jahre. "Jedes Jahr werden fünf bis sechs neue Sorten Braugerste zugelassen", sagt Walter König, Geschäftsführer der Braugersten-Gemeinschaft in einem BR-Filmbeitrag über den Gersten-Konflikt. "Weil sie beispielsweise ertragreicher sind, robuster gegen Schädlinge oder andere Vorteile haben." Bisher konnte solche Züchtungsergebnisse jeder nutzen. "Durch ein Patent würde der Wettbewerb eingeschränkt", klagt König, "die Vielfalt der Braugerste ist aber entscheidend für die Vielfalt der deutschen Biere."

Then wird also weitermachen. Geboren in Niederbayern, studierte er in den Achtzigerjahren Veterinärmedizin in München. Damals ging das Foto der ersten "Gen-Maus" um die Welt. Und Then fand sein Thema. Nach der Promotion kam er zur Landtagsfraktion der Grünen und lernte dort Sepp Daxenberger kennen. Daxenberger, Biolandwirt aus Waging am See, war der erste grüne Bürgermeister in Bayern. Then ging dann zu Greenpeace nach Hamburg. Nach zehn Jahren kehrte er nach München zurück, wo die Familie wartete, und gründete einen neuen Verein, Testbiotech, der sich mit Spenden finanziert.

Sie sammeln wissenschaftliche Studien, machen Öffentlichkeitsarbeit, lassen Produkte im Labor untersuchen, schreiben an Politiker. "Da muss man manchmal mit dem Erklären ganz von vorn anfangen", sagt er, "was ist eine Zufallsmutation, was ist die Genschere?" Wenn man Then einen Ökolobbyisten nennt, stört ihn das nicht. "Unsere Arbeit ist transparent", sagt er, "wir arbeiten nur mit allgemein zugänglichen Daten." Und: "Die andere Seite hat viel mehr Lobbyisten." Er wird sich demnächst wieder mit den Anwälten von Carlsberg und Heineken vor der Spruchkammer treffen. "Das bleibt spannend", sagt er, "da geht es um Grundsätzliches."

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