Ukraine-KriegHilfe für Münchens Partnerstadt

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Kinder mit Behinderungen in der Tagespflege des Samariterbunds in Kiew: Dort gibt es auch einen Luftschutzkeller.
Kinder mit Behinderungen in der Tagespflege des Samariterbunds in Kiew: Dort gibt es auch einen Luftschutzkeller. (Foto: Brücke nach Kyiv)

Unternehmer Michael Binner hilft mit dem Verein „Brücke nach Kyiv“ den Schwächsten der Schwachen: Kindern mit Behinderungen. Filmemacherin Daria Onyshchenko sammelt Geld für Luftabwehr-Drohnen – und erzählt, wie sie selbst Bombennächte im Luftschutzkeller erlebt.

Von Martina Scherf

Hundert Drohnen waren es zuletzt, in einer einzigen Nacht. Sie schlagen in Wohnhäuser ein, in Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser: Russland hat seine Angriffe auf Kiew massiv verstärkt. Der Unternehmer Michael Binner ist vor Kurzem aus Münchens Partnerstadt zurückgekehrt. Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn war er dort – und tief berührt von der Not vieler Menschen, aber auch von ihrem Überlebenswillen. Sein Verein „Brücke nach Kyiv“ unterstützt den dortigen Samariterbund schon seit 25 Jahren und hilft vor allem Kindern mit Behinderungen und deren Familien, den Schwächsten der Schwachen.

Michael Binner (rechts) bei seinem Besuch in Kiew: Er spürte die große Dankbarkeit der Familien für die Hilfe aus Deutschland.
Michael Binner (rechts) bei seinem Besuch in Kiew: Er spürte die große Dankbarkeit der Familien für die Hilfe aus Deutschland. (Foto: Brücke nach Kyiv)

„Sie können bei einem Luftangriff nicht so schnell einen Schutzraum erreichen“, sagt Binner. Auch alte Menschen werden versorgt. Alle seien unendlich dankbar für die Hilfe aus Deutschland, erzählt er. Eine Mutter sei ihm besonders in Erinnerung geblieben. Sie brachte ihren Sohn schon seit längerer Zeit zur Tagespflege, die die Brücke nach Kyiv unterstützt. Doch an diesem Tag konnten sie nicht in ihr Haus zurückkehren – eine Rakete hatte es in der Nacht zerstört. „Sie hat geweint und war so froh, dass sie erstmal in unserer Notunterkunft bleiben können, und dass es dort einen Luftschutzkeller für die Kinder gibt.“ Denn viele öffentliche Räume seien nicht barrierefrei.

Das Haus einer Familie nach einem Raketeneinschlag. Der Samariterbund hat eine Notunterkunft eingerichtet, in der die Menschen nach so einem Angriff erstmal unterkommen können.
Das Haus einer Familie nach einem Raketeneinschlag. Der Samariterbund hat eine Notunterkunft eingerichtet, in der die Menschen nach so einem Angriff erstmal unterkommen können. (Foto: Brücke nach Kyiv)

Seit fünfzehn Jahren engagiert sich der Unternehmer und Vater für Hilfsprojekte in Münchens Partnerstadt. Seit zwei Jahren ist er Vorsitzender der Brücke nach Kyiv, und mittlerweile, sagt er, habe er seinen Hauptberuf reduziert, widme einen Großteil seiner Zeit dem Ehrenamt. Der Verein sammelt vor allem Geldspenden, die er zu hundert Prozent an den Kiewer Samariterbund weiterleitet. Vor einiger Zeit konnten sie auch eine große Lieferung an medizinischer Schutzausrüstung in die Ukraine bringen.

„Trotz täglicher Luftangriffe, Stromausfällen und Internetunterbrechungen haben die Helfer vom Samariterbund die Verteilung an Kliniken, Arztpraxen und Pflegeeinrichtungen übernommen.“ Die Hilfe habe aber auch noch einen anderen Aspekt, sagt Binner: „München könnte von Kiews Erfahrungen im Bereich Zivilschutz und Krisenvorsorge viel lernen – jetzt, da diese Themen auch hierzulande zunehmend relevant werden.“

Den Menschen steht ein harter Winter bevor, ohne ausreichenden Schutz vor Luftangriffen

Einen anderen Fokus haben Daria Onyshchenko und ihre Helfer: Sie sammeln Geld für Luftabwehr-Drohnen. Die in München lebende Filmemacherin unterstützt die Community des ukrainischen Aktivisten Serhii Sternenko. „Mit den Spenden stellen ukrainische Firmen reine Verteidigungsdrohnen her, sie können nicht für Angriffe verwendet werden“, sagt Onyshchenko. „Die Menschen stehen vor einem harten Winter – ohne ausreichenden Schutz vor den Luftangriffen.“ Doch jede dieser Abwehrdrohnen könne Leben retten.

Daria Onyshchenko ist Filmemacherin und lebt in München. Doch jetzt verbringt sie sehr viel Zeit in ihrer alten Heimat, der Ukraine.
Daria Onyshchenko ist Filmemacherin und lebt in München. Doch jetzt verbringt sie sehr viel Zeit in ihrer alten Heimat, der Ukraine. (Foto: Privat)

Die 42-Jährige ist zurzeit alle zwei Wochen in Kiew und verbringt wie alle anderen viele Nächte in Luftschutzkellern. „Die Angriffe werden immer intensiver“, berichtet sie, „erst kommen Drohnen, und danach, wenn man schon von den vielen Alarmen erschöpft ist, die Raketen.“ Mit einer App verfolgten die Menschen die Angriffe – sind sie nah? Im eigenen Viertel? Drohne oder Rakete? Sie flüchteten dann in die Keller, Tiefgaragen oder in die U-Bahn-Stationen, manche mit Matratze und Schlafsack, mit Kindern, Alten, Hund und Katze. „Aber man kann das nicht jede Nacht machen, sie müssen ja am nächsten Tag wieder arbeiten oder in die Schule.“

Das Schlimmste sei, am nächsten Morgen die Zerstörung zu sehen und die Helfer zu beobachten, wie sie Menschen aus den Trümmern bergen, auch tote Kinder. „Jeder von uns hat Freunde oder Verwandte an der Front. Und jeder kennt jemanden, der gestorben ist.“

Onyshchenko, die immer wieder in der Ukraine dreht (aber unter anderem auch Regie für die ZDF-Erfolgsserie „Bettys Diagnose“ führte), fährt auch in den umkämpften Osten der Ukraine und zeigt dort ihre Filme. „Die Menschen haben eine Sehnsucht nach Kultur“, berichtet sie. „An vielen Tagen gibt es weder Strom noch Wasser, dann wird das Kino mit einem Generator versorgt und die Menschen strömen herbei.“ Auch in einem Hilfszentrum für Kriegsveteranen führte sie einen Film vor. „Da kommen Männer ohne Arme oder Beine“, erzählt sie, „aber mit so viel Dankbarkeit und Zärtlichkeit, das hat mich sehr beeindruckt.“

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