Ukraine-Flüchtlinge in München:Von der Wohnungsfrage hängt alles andere ab

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Alla Shelapova und ihre Tochter Diana leben seit drei Monaten in München. Im September müssen sie aus ihrer Wohnung raus. (Foto: Stephan Rumpf)

Alla Shelapova floh vor drei Monaten mit ihrer Tochter aus der Ukraine nach München und sucht nun schon die dritte Bleibe. Dass es vielen Geflüchteten ähnlich ergeht, zeigt der Helfermarkt in der Kongresshalle - und auch, wie schwer das Problem zu lösen ist.

Von Anna Hoben

Alla Shelapova steht an der Bushaltestelle Harras und schaut sich suchend um. Ob hier der Bus 134 zur Theresienhöhe fahre? Das tut er und ein paar Minuten später können sie einsteigen, Shelapova, 35, und ihre Tochter Diana, die bald drei Jahre alt wird. Die beiden sind auf dem Weg zur Alten Kongresshalle, wo an diesem Sonntag der Helfermarkt stattfindet. Eine Art Messe und Vernetzungstreffen für Menschen, die Geflüchtete aus der Ukraine unterstützen wollen; vor allem aber für die Geflüchteten selbst, die Hilfe brauchen.

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Zwei von ihnen sind Alla Shelapova und die kleine Diana. Seit drei Monaten lebten sie in München, erzählt die Mutter. Zunächst nahm eine Familie sie für drei Wochen auf; über diese fanden sie dann eine Wohnung, deren eigentlicher Bewohner beruflich für ein halbes Jahr nach Irland musste. Ende September müssen sie raus aus der Wohnung - und sind nun wieder auf der Suche nach einer Bleibe. Von der Wohnungsfrage, sagt Shelapova, hänge bei ihr alles andere ab: Integrationskurs, Jobsuche. In Kiew habe sie im Verkauf eines Unternehmens für Medizinprodukte gearbeitet. Ihr Mann sei in der ukrainischen Hauptstadt geblieben. Diana besuche nun täglich für fünf Stunden eine Kita, das gefalle ihr gut.

Um elf Uhr hat der Helfermarkt geöffnet, kurz darauf herrscht schon Gedränge an den Ständen. Hilfsorganisationen, soziale Institutionen, Vereine, städtische Referate - das Angebot ist groß. Alla Shelapova steuert zunächst den Stand der Volkshochschule (VHS) an, die über Integrationskurse informiert. Diana ist vor allem an den Gummibärchen interessiert, die sie gerade geschenkt bekommen hat. Vom VHS-Stand geht es dann nach hinten in die Halle. Dort ist die Schlange am längsten, nämlich vor dem Stand des Sozialreferats, zu dem auch das Amt für Wohnen und Migration gehört. Alla Shelapova stellt sich hinten an und beginnt ein Gespräch mit zwei älteren Frauen, während Diana zwischen den Tischen umhertigert.

Um elf Uhr öffnet der Helfermarkt in der Alten Kongresshalle, kurz darauf herrscht schon Gedränge an den Ständen. (Foto: Stephan Rumpf)

Und dann: Strategie-Änderung. Mutter und Tochter gehen nach vorne, Shelapova will aus erster Hand wissen, ob sich das Anstehen lohnt. Sie habe den Rat bekommen, sich in Sachen Wohnungssuche an das Sozialbürgerhaus zu wenden, sagt eine Frau, die gerade von dem Stand kommt. Enttäuschter Blick bei Shelapova. Solche Informationen kenne sie bereits aus dem Internet, sagt sie - so richtig weitergebracht hat sie der Besuch des Helfermarkts bisher nicht. Naja, geht sie eben mit Diana noch eine Runde spielen, draußen auf einem Parcours für Kinder.

Die allermeisten Geflüchteten seien bereits sehr gut informiert, bestätigt Thomas Offermann von der Eventagentur Gral, die die Veranstaltung zusammen mit dem Verein Civil Relief Munich organisiert hat. Sechs bis acht Wochen hätten sie vorbereitet, überlegt, wie sie die Menschen am besten zusammenbringen könnten, wer alles dabei sein sollte auf einer solchen Helfermesse. Vorbild sei das Projekt "Leuchtturm Ukraine" in Berlin gewesen, das bereits im April stattgefunden hat. Sie hätten schon befürchtet, dass so eine Veranstaltung jetzt im Juli gar nicht mehr unbedingt nötig sei, so Offermann.

Doch der Andrang zeige, dass sie auch jetzt noch gebraucht werde. "Ich bin überwältigt, wie voll es ist." Schon jetzt dächten sie über eine Neuauflage nach. Die Besucher mussten sich vorher online registrieren, entweder für den Vormittag und Mittag oder für den Nachmittag. Alle insgesamt 1600 Tickets gingen weg. Wer keines hat, werde trotzdem nicht abgewiesen, sagt Offermann. Gekommen sind seiner Beobachtung nach vor allem Menschen aus der Ukraine; ein paar Mal hätten sich aber auch Menschen erkundigt, die sich gern für Geflüchtete engagieren wollen.

Ein Spender hat eine Garage voller Schulranzen besorgt. (Foto: Stephan Rumpf)

Vor dem Stand der Organisation Mad2Help sind bunte Schulranzen aufgereiht. Ein Spender habe 50 oder 60 Exemplare zur Verfügung gestellt, eine ganze Autogarage voll, sagt Tim Kreter. Zusammen mit seinen Mitstreitern ist er gerade dabei, Mad2Help als Verein eintragen zu lassen und ein Netzwerk aufzubauen. Hervorgegangen ist die Gruppe aus dem Verein Civil Relief, der Spenden und Lebensmittel an die ukrainische Grenze brachte. Bei Mad2Help gehe es nun darum, nachhaltig bei der Integration zu helfen, wie Kreter sagt. So böten sie etwa Bewerbungstrainings an.

Wer ein paar Meter weiter geht, kann sich bei der Ukrainischen Freien Universität, beim Kulturzentrum Gorod oder beim Netzwerk Munich Kyiv Queer zur Unterstützung von Menschen aus der LGBTIQ-Gemeinschaft informieren. Refugio München bietet Beratung für Geflüchtete an, auch die Caritas ist vertreten. Und dann gibt es noch einen Stand, an dem es um die Covid-Impfung geht. Für Alla Shelapova ist das kein Thema - ihr Schwiegervater sei Arzt, sagt sie, er habe die Impfung von Anfang an empfohlen. Und so habe sie den Piks schon dreimal bekommen.

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