Süddeutsche Zeitung

München:U-Bahn-Chaos: Fahrgäste weisen Vorwürfe zurück

Hunderte befreiten sich aus zwei überhitzten Zügen, nachdem ungeduldige Passagiere an der Haltestelle Kieferngarten auf die Gleise gelaufen waren.

Nach dem von Fußballfans verursachten U-Bahn-Chaos am Mittwochabend in München ergehen sich Passagiere und die Verkehrsgesellschaft MVG in gegenseitigen Schuldzuweisungen. Mehrere Hundert Passagiere waren vor dem Spiel des FC Bayern gegen Manchester City aus zwei überhitzten Zügen geflüchtet, die zwischen den Stationen Studentenstadt und Kieferngarten auf freier Strecke stehen geblieben waren.

Begonnen hatte alles mit einem vergleichsweise harmlosen technischen Defekt an einem dritten Zug, wie MVG-Sprecher Matthias Korte berichtet. Wegen einer "Antriebsstörung" habe diese U-Bahn am Bahnhof Kieferngarten auf ein Abstellgleis fahren sollen. Die Fahrgäste seien zum Aussteigen aufgefordert worden und hätten eigentlich auf die folgende U-Bahn warten sollen.

In dieser Situation gingen aber offenbar mehreren Fußballfans die Nerven durch: Sie seien am Kieferngarten verbotenerweise vom Bahnsteig auf die Gleise gesprungen, um den Weg zum Stadion in Fröttmaning zu Fuß fortzusetzen, erklärten MVG und Polizei übereinstimmend. Dadurch brachten sie sich jedoch in Lebensgefahr. Anders als bei der S-Bahn verlaufen die Starkstromleitungen der U-Bahn am Boden parallel zum Gleis.

Der MVG blieb deshalb nichts anderes übrig als eine Notabschaltung des Stroms. Dies wiederum führte dazu, dass zwei andere Züge auf freier Strecke liegenblieben - und dass in diesen Zügen außerdem die Klimatisierung ausfiel.

Da die U-Bahn in diesem Bereich nicht im Tunnel, sondern oberirdisch fährt, wurde es in der prallen Sonne schnell sehr heiß in den beiden Zügen. Fahrgäste berichten auf Facebook und Twitter von "zwanzig Minuten Hardcore-Sauna", dass "einige Menschen kurz vor dem Kreiskaufkollaps standen" und dass "schlagartig die Scheiben beschlagen waren und der Sauerstoff fast aufgebraucht war".

"Ein Miteinander, kein Gegeneinander"

In Panik wurden zahlreiche Türen entriegelt, Passagiere kletterten ins Freie und marschierten auf den Schienen bis zur jeweils nächsten Haltestelle. Dadurch wurde die Lage "nochmal unübersichtlicher", wie MVG-Sprecher Korte sagte. Mehrere Augenzeugen berichteten der SZ von einer immerhin friedlichen Stimmung unter den Fahrgästen. Es habe trotz der schwierigen Situation "ein Miteinander, kein Gegeneinander" gegeben. Man sei ins Gespräch gekommen und habe sich gegenseitig geholfen, so gut es eben ging.

Die Polizei zählte "mehrere hundert Fahrgäste im Gleisbereich", einige mussten wegen Kreislaufproblemen behandelt werden, andere sollen sich leicht verletzt haben, als sie über eine Mauer kletterten. Die Feuerwehr berichtet von zwei Rollstuhlfahrern und einer Schwangeren, die versorgt werden mussten. Wegen der vielen "Personen im Gleis", wie es bei der Bahn in solchen Fällen heißt, kam es zu einer mehr als eineinhalbstündigen Streckensperrung zwischen den Haltestellen Studentenstadt und Kieferngarten.

Die MVG verteidigte die Fahrer der beiden auf freier Strecke gestoppten U-Bahnen. Diese dürften Passagiere nicht einfach aussteigen lassen, sondern müssten auf das Eintreffen von Feuerwehr und Polizei warten. "Ein Fahrer allein kann nicht mehrere hundert Fahrgäste evakuieren", stellte die MVG klar. "Als die Sicherheitskräfte vor Ort waren, wurde evakuiert."

Die Aktion Münchner Fahrgäste wirft der MVG dennoch "Mängel im Notfallkonzept oder in der operativen Umsetzung" vor. Ein U-Bahn-Zug "ohne ausreichende Belüftung und Klimatisierung" sei an sich schon "ein enormes Sicherheitsrisiko", argumentiert Sprecher Andreas Nagel. "Ein derartiges Chaos in überhitzten Zügen ist nicht hinnehmbar." Dass das Unternehmen die Schuld bei den ins Gleis springenden Passagieren sieht, will Nagel so nicht stehen lassen: "Auslöser war anscheinend wieder einmal eine Fahrzeugstörung."

Auch in den sozialen Netzwerken erntete die MVG Schelte - nicht nur für den technischen Zustand ihrer Züge ("Was habt ihr denn für Schrottkisten"), sondern auch für unzureichendes Krisenmanagement ("wieder mal etwas dürftig"). Einer der Fahrer habe lediglich durchgesagt, "dass er die Türen nicht aufmachen darf", aber auch keine genaueren Informationen habe. Ein Augenzeuge sagte der SZ, die Fahrer treffe sicher keine Schuld. "Die Leitstelle hätte klarer informieren müssen, was passiert ist, ob Helfer unterwegs sind und wie es weitergeht. Dann wäre es sicher anders gelaufen."

Die Münchner Polizei wertet das Verhalten der Passagiere indessen als gefährlichen Eingriff in den Schienenverkehr. Ob Ermittlungen eingeleitet werden, stand allerdings auch am Donnerstagnachmittag noch nicht fest.

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