Es ist eine fließende Bewegung, die Marko Mosterac bereits unzählige Male wiederholt hat. Auf dem Bahnsteig des Bahnhofs Garching-Forschungszentrum nimmt der Schüler im Rollstuhl leicht Anlauf, dann stoppt er sein Gefährt und hievt nur mit der Kraft seiner Arme die kleinen Vorderreifen in die Höhe. In dieser Position rollt Mosterac dann gekonnt auf den Hinterreifen in die U-Bahn hinein – ohne fremde Hilfe.
Und dennoch ist der nahezu alltägliche Akt für den jungen Mann einer, der ihn Überwindung kostet. Im doppelten Sinn. Immer schwingt für ihn die Angst mit, zwischen Bahnsteig und Zug mit seinen Rädern hängenzubleiben, nicht mehr voranzukommen, sich möglicherweise zu verletzen. Je nach Bahnhof sind es mal kleinere, mal größere Hürden, die Mosterac überwinden muss: Mehrere Zentimeter kann der Unterschied zwischen Bahnsteigkante und U-Bahn betragen.
Für Menschen mit Behinderung, aber auch Ältere, die auf den Rollator angewiesen sind, kann das zum Problem werden. Die „Infraboyz“, wie sich Marko Mosterac und sein Schulfreund Joy Akuonsemba genannt haben, wollen das ändern: Mit einer neuartigen, selbst entwickelten Rampe, die Menschen mit Mobilitätseinschränkungen und Behinderungen den Ein- und Ausstieg im öffentlichen Nahverkehr erleichtern soll. Und ihnen Selbstbestimmtheit und Selbstvertrauen schenken soll.

Entstanden ist die Idee nicht in einem Ingenieurbüro, beteiligt daran waren keine Verkehrsplaner. Ausgangspunkt des Projekts sind die Münchner Ernst-Barlach-Schulen der Pfennigparade; die Stiftung kümmert sich als Rehabilitationszentrum um Menschen mit Behinderungen. Auf dem Weg in die Schule nutzt Marko Mosterac oft die nahe U-Bahnstation Scheidplatz. „Eine der schlimmsten in München für Rollstuhlfahrer“, wie er an diesem Mittwochvormittag im Bahnhof Garching-Forschungszentrum berichtet. Erst einen Tag zuvor hätten ihm zwei Jugendliche am Scheidplatz beim Einsteigen in die U-Bahn helfen müssen, weil er allein die große Distanz zwischen Bahnsteig und U-Bahn nicht habe überwinden können, sagt der Schüler.
Dass Mosterac ausgerechnet in Münchens Norden, dem Hightech- und Start-up-Zentrum Süddeutschlands, über seine Erfahrungen und sein Projekt berichtet, hat einen Grund: Hier, im „Maker-Space“ der Technischen Universität München (TUM), soll er Realität werden. Der Traum von der Barrierefreiheit, der es von der Schule bis ins Gründerzentrum geschafft hat.

Vor etwa zwei Jahren nahmen Mosterac und Akuonsemba erstmals beim Gründerprogramm der Initiative „Your Capabilities“ teil. Das Programm von Gründer Thomas Heymel richtet sich bewusst an junge Menschen mit Behinderung, geht in Schulen, die wie die Ernst-Barlach-Schulen speziell auf die Bedürfnisse dieser Schülerinnen und Schüler eingestellt sind. Mit der Unterstützung von ehrenamtlichen Mentoren – bei Mosterac und Akuonsemba sind es Marc Weingart und Simon Aumüller von der Unicredit, die das Vorhaben der beiden auch finanziell unterstützt – entwickeln die Schüler dann in Eigeninitiative sozial-unternehmerische Geschäftsideen. Your Capabilities hilft bei der Vernetzung mit Unternehmen, aber auch anderen Start-ups und Forschungseinrichtungen. Neben der TUM unterstützt etwa auch Siemens Mobility Mosterac und Akuonsemba.
Für die Mentoren, sagt Heymel, sei nicht die Aussicht auf ein gutes Geschäft der Antrieb für ihren – auch finanziellen – Einsatz. Vielmehr gehe es dabei um eine „Horizonterweiterung“. „Sie lernen im Kontakt mit den Jugendlichen selbst wahnsinnig viel dazu“, so der Projekt-Gründer. „Wie auch die Schüler, die sich selbst bewusst werden, was sie leisten können.“
„Das Ziel ist dabei nicht zwingend die Geschäftsgründung“, sagt Jadranka Darul von Your Capabilities. „Das kann am Ende des Prozesses stehen, muss aber nicht.“ Vielmehr gehe es um Selbstwirksamkeit, betont Darul, also vor allem um die persönliche Überzeugung, auch schwierige Aufgaben und Herausforderungen meistern zu können – aus eigener Kraft. Als eine Rampe in ein Leben mit Selbstvertrauen.
Michael Lorentschik vom Maker Space der TUM, der die 17- und 18-jährigen Schüler, die kurz vor dem Fachabitur stehen, begleitet hat und mit ihnen die ersten Prototypen fertigen wird, sagt: „Es ist wichtig, dass Menschen anfangen, an sich zu glauben.“ Auch deshalb könne die „Entrepreneurship inklusive“ für Menschen mit Behinderungen ein wichtiger Schritt nach vorn sein. Das könne eine Art Befreiung aus der Haltung sein, dass immer andere etwas erfinden sollten, damit es einem selbst besser gehe, sagt Lorentschik.

Auf ihrem Weg begleitet hat die beiden jungen Erfinder auch ihr Lehrer Thomas Wolf – wie schon viele andere an den Ernst-Barlach-Schulen. Seit vielen Jahren ermuntert Your Capabilities Schülerinnen und Schüler, neue Ideen zu entwickeln. „Ich bin sehr stolz, dass die beiden dran geblieben sind, sie haben das echt durchgezogen“, sagt Wolf. Auch Vorgänger von Mosterac und Akuonsemba hätten bereits mit eigenen Ideen gegründet, manche seien damit auch gescheitert – aber heute in der erfolgreichen Selbständigkeit, so Wolf.

Ihren Lösungsansatz für Barrierefreiheit in der Münchner U-Bahn haben die beiden Ideengeber Maulwurfshügel genannt: Eine extrem flache, halbrunde Rampe mit nur sechs Grad Steigung, die ohne Schwung und von allen Seiten nutzbar sein soll. Die Höhe zum Einstieg kann auf dem Bahnsteig vollständig gemeistert werden dank des Plateaus. Von der Rampe gehen Borsten aus, mit der die Lücke zwischen Bahnsteig und Zugkante geschlossen wird – eine sogenannte Zahnbürste. Und auch der Innenraum der U-Bahn soll aufgepolstert werden, um eine Angleichung der Höhe zwischen dem Maulwurfshügel und dem Fußboden der Bahn herzustellen. „Wir wollen, dass alle Menschen mit Behinderung bequem und komfortabel ein- und aussteigen können“, sagt Mosterac.
Angebracht werden sollen die Rampen dem Wunsch der beiden Gründer nach am Anfang, in der Mitte und am Ende jedes Zuges. Damit, so Joy Akuonsemba, ließe sich verhindern, dass – wie bisher in München an den meisten Bahnhöfen üblich – alle Rollstuhlfahrer ganz vorn über die bestehenden gelben Rampen ein- und aussteigen müssen.
Einen Prototyp im Maßstab 1:10 haben Lorentschik und sein Team mit den beiden Schülern im Maker Space bereits gebaut; derzeit wird an einem Modell in größerem Maßstab gearbeitet und die Infraboyz werkeln beständig an der Weiterentwicklung. Und Mosterac hat auch schon sehr klare Vorstellungen, wann und insbesondere wo die erste Rampe zum Einsatz kommen soll: bis Ende dieses Jahres - am U-Bahnhof Scheidplatz.

