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Typisch deutsch:Was denken sich die Affen?

Ein junger Silbergibbon im Tierpark Hellabrunn.

(Foto: Robert Haas)

Unsere Autorin kommt aus einem Land, in dem Tiere frei in der Natur leben. In München musste sie sich erst daran gewöhnen, Schimpansen und Gorillas hinter Glasscheiben anzuschauen.

Kolumne von Lillian Ikulumet

Ich sitze hier auf meiner Couch und denke darüber nach, wie das Leben eine Wendung genommen und für viele Einsamkeit gebracht hat. Nicht nur den Menschen. Wenn ich an die Tiere im Tierpark denke, waren sie es gewohnt, viele Menschen zu sehen, die sie besuchten und anfeuerten. Sie waren es gewohnt, mit den Menschen ein Lunchdate zu haben, sich streicheln zu lassen oder gar mit ihren kleinen Gästen zu spielen.

Als ich vor sieben Jahren in Hellabrunn den Affen hinter den Glaswänden beim Kraxeln zusah, fühlte ich mich aufgeregt, mitfühlend, schuldbewusst und traurig zugleich. Obwohl sie fidel wirkten, dachte ich darüber nach, wie sie es wohl vermissen, sich in der Wildnis von Baum zu Baum zu schwingen.

Ich komme aus einem Land, in dem Affen vor allem in der Natur leben, frei, aber nicht unsichtbar. Nach meiner Begegnung mit Schimpansen und Gorillas in Uganda weiß ich, dass diese Tiere die Interaktion mit Menschen genießen. Die Gorillas, die ich getroffen habe, waren an Menschen gewöhnt. Wer ein bisschen Ahnung hat, weiß, dass sie mit Respekt behandelt werden wollen und gefährlich sein können, wenn sie provoziert werden. Ähnlich also wie der Mensch.

Umso schwerer fiel es mir, als ich vor vielen Jahren erstmals den Tierpark Hellabrunn betrat und sah, wie die Affen dort eingesperrt hinter Glas und Gittern leben. Wo sie doch in den afrikanischen Savannen uneingeschränkte Freiheit genießen könnten. Wann immer sie dort den Drang nach menschlicher Interaktion verspüren, gehen sie einfach in die umliegenden Dörfer, diese Freiheit fehlt den Artgenossen, die in Zoos leben.

Nun hat der Münchner Zoo wegen der Corona-Bestimmungen geschlossen. Wenn ich jetzt an die Affen in Uganda zurück denke, kommen Befürchtungen auf, dass den Tieren von Hellabrunn das Leben in Ruhe und Stille womöglich Schwierigkeiten bereitet. Sie fragen sich vielleicht, was mit den Menschen los ist und wohin sie gegangen sind. Sie können nicht aus ihren Bäumen kraxeln und Richtung Isarauen rennen, auf der Suche nach Abwechslung. Sie können nur Ausschau halten nach den Kindern, um ihnen endlich wieder Affentricks zu zeigen.

Ich hatte vor, meiner Tochter Taliah diesen Herbst ihre erste Begegnung mit den Tieren des Zoos zu ermöglichen. Mit Enten, Flamingos und Elefanten. Sie hätte sich sicher gefreut, die Affen herumtollen zu sehen - wie in ihrem Lieblingskinderlied "Fünf kleine Affen springen auf dem Bett". Wie es aussieht, muss sie auf diese Begegnung noch etwas warten.

© SZ vom 20.11.2020
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