bedeckt München 18°
vgwortpixel

Typisch deutsch:Shoppen, bis das Konto streikt

Marktwächter: Dispozinsen für Verbraucher oft intransparent

Wenn das Konto ohnehin nicht üppig gefüllt ist, können Ratenkäufe schnell zum Problem werden.

(Foto: dpa)

Unsere Autorin hat in ihrer Heimat immer bar gezahlt. In München lernte sie schnell die Gefahren der Ratenzahlung kennen.

Eine neue Waschmaschine? Ein Fahrrad? Ein neues Handy? In München alles kein Problem, da kann der Geldbeutel noch so leer sein. Ratenzahlung ist das Zauberwort. Raten machen das scheinbar Unmögliche möglich. In München machen es einem die Händler mit Formulierungen wie "bequem bezahlen" schmackhaft. Sehr schmackhaft sogar. Oder wie in meinem Fall: zu sehr.

Ich komme aus einem Land, in dem man fast nur Bargeld verwendet, um etwas zu kaufen. Ob ein Haus, ein neues Auto oder das neueste iPhone. Man legt das Geld auf den Tisch und bekommt die Ware oder die Immobilie. Nachteil von diesem Prozedere ist, dass nur etwas kaufen kann, wer auch das Geld dafür hat. Der Vorteil wiederum ist, das der Bezahlakt damit erledigt ist und somit keinerlei Fallstricke mehr lauern.

Ich war fast ein bisschen aufgeregt, als ich zum ersten Mal eine Ratenzahlung unterschrieben habe, das war während meiner Anfangszeit in München vor sieben Jahren. Obwohl ich nach meiner Flucht aus Uganda gerade erst ein Konto eingerichtet hatte, auf dem sich so gut wie kein Geld befand, konnte ich mir die attraktivsten Dinge zulegen. Handtaschen, Abendkleider, Tanzschuhe, Winterschuhe, Sommerschuhe - lauter Dinge, die das Leben einer Frau noch ein bisschen lebenswerter machen. Ich feierte die Ratenzahlung. Sie machte das Leben so einfach. Dachte ich.

Es dauerte nicht lange, bis ich es merkte: Mein Bankkonto blutete langsam aber sicher aus. Ein kleines Sümmchen hier, ein Rätchen da. Zusammen wurde daraus eine riesige Summe Geld. Ich hatte in meinem Anflug an Selbstüberschätzung so viele Kredite angesammelt, dass ich auf eine monatliche Gesamtrate kam, die an den Mietpreis einer Münchner Einzimmerwohnung rankommt. Es war ein finanzielles Fiasko. Und alles nur, weil ich das System unterschätzte. Ich fühlte mich ein bisschen wie ein Kind, das von der Mutter zum Gemüsekaufen geschickt wird und stattdessen mit einem Korb Spielzeug und Süßigkeiten zurückkommt.

Übertreibt man es mit den Schulden, wird man von seinen Gläubigern sehr schnell darauf hingewiesen, dass es beim Ratenzahlen Termine gibt, die einzuhalten sind - mit dem Hinweis, dass es sonst noch teurer wird. Plötzlich erschienen mir die Münchner mit ihren Raten wie die Ausgeburt des Bösen. Wie bei einem Liebhaber, von dem man herausfindet, dass er eigentlich ein Widerling ist.

Ganz blöd läuft es, wenn der Kaufrausch auf Kredit wie zu einer Droge wird, von der man nicht mehr loskommt. Dieses Schicksal blieb mir erspart. Ich hatte Blut geleckt, dann aber schnell den Geschmack verloren. In den kommenden Monaten lebte ich auf sehr schmalem Fuß und stotterte meine Schulden ab. Ich änderte mein System: Ich kaufte die schönen Dinge des Lebens nicht mehr körbeweise auf Pump, sondern häppchenweise und mit Bargeld - eine handfeste Währung, mit der ich seit Jahrzehnten positive Erfahrungen vorweisen kann.

© SZ vom 21.02.2020
Typisch deutsch Wenn die Bleibe zum Zuhause wird

SZ-Kolumnisten

Wenn die Bleibe zum Zuhause wird

Drei geflüchtete Journalisten schreiben in der neuen SZ-Kolumne "Typisch deutsch", wie München sie verändert hat.   Von Korbinian Eisenberger

Zur SZ-Startseite