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Typisch deutsch:Der süße Duft des Grases

Haar, Gronsdorf, Krautgarten am Riemer Park, ein selten buntes Exemplar einen Gemüsegartens,

Wie schön doch der eigene Garten sein kann - wenn man ihn nur genügend pflegt.

(Foto: Angelika Bardehle)

Um einen grünen Daumen zu bekommen, muss man nicht unbedingt einen Farbeimer kaufen - es reicht ein herkömmlicher Garten, stellt unser Autor fest.

Kolumne von Mohamad Alkhalaf

Es gab eine Zeit, da stellte ich mit fast schon neidvollem Blick fest, wie wunderschön die Gärten meiner Nachbarn doch aussehen. Über meinen eigenen Garten am Ortsrand von Kirchseeon konnte ich dies so nicht sagen. So kam ich zu dem Entschluss, meinen Garten zu kultivieren und in ein Stück Paradies zu verwandeln. Meine Freunde standen mir wie so oft mit Rat zur Seite: Dafür brauchst du einen grünen Daumen, hieß es. Ich war kurz davor, einen Farbeimer zu kaufen.

In Syrien sagen wir: Wer gut mit Pflanzen umgehen kann, der hat ein grünes Auge. Meine Mutter ist so ein Mensch. Alles, was sie anfasst, wächst und gedeiht. Als ich noch in Rakka lebte, pflanzte sie allerlei Gemüsearten und Heilkräuter, Rosmarin, Thymian, Pfefferminze, Salbei, Melisse. Sie bescherte uns dadurch eine kleine Haus-Apotheke. Meine eigenen Pflanzaktionen im heimischen Garten scheiterten hingegen meist kläglich. Mit Ausnahme eines Dattelbaums, den ich vor neun Jahren gepflanzt habe.

Damals hatte ich nur einfache Garteninstrumente zur Verfügung, es gab nicht viel mehr als Schaufel und Harke. Hier in Deutschland steht einem ein regelrechtes Arsenal an Möglichkeiten zu Verfügung. Das macht es einfacher, vermeintlich.

Meine erste Begegnung mit einem Rasenmäher endete damit, dass ich ihn über meine Wiese dirigierte wie einen Streitwagen in der Arena. Es war ein Vergnügen, das Gras im Stile eines Rowdys auf englische Verhältnisse zu stutzen. Bei der Ergebnisanalyse stellte ich dann allerdings fest: Das Ganze sah etwas langweilig aus.

Zwei Jahre ist es nun her, dass ich mein erstes Loch in besagtem Rasen gegraben habe. Wobei mir die Nachbarshündin Rosi half und mit den Pfoten so lange buddelte, bis wir beide vor lauter Staub kaum mehr aus den Augen schauen konnten. Es reichte aber, um dort etwas zu vergraben. Ich legte wie geplant Blumensamen hinein, Rosi einen Knochen. Jeden Tag schaute ich zu dieser Stelle und wartete darauf, ob etwas passiert. Rosi schnüffelte daran. Doch als nach zehn Tagen immer noch nichts sprießte, war klar, das meine Premiere gescheitert war. Immerhin: Rosi fand ihren Knochen wieder.

Mein zweiter Versuch: Diesmal kaufte ich mir eine schon als Rose erkennbare Pflanze vom Markt. Ich stellte sie abwechselnd in den Schatten und in die Sonne, goss sie behutsam und legte Erde darauf. Jeden Tag ging es der Pflanze schlechter, solange, bis sie einging.

Es folgte der Schlüsselmoment: Ich betrat das Gartenhäuschen meiner Nachbarin und bemerkte, wie ordentlich die Garteninstrumente dort hingen. Für jede Pflanze und Tätigkeit ein anderes Instrument. So wie es in einer Apotheke für jede Krankheit eine bestimmte Medizin gibt.

Der Dattelbaum in Rakka würde dieses Jahr wohl das erste Mal Früchte tragen. Doch mein Baum ist wie die Haus-Apotheke meiner Mutter von IS-Kämpfern zerstört worden.

Ich glaube, dass ich mittlerweile ein ziemlich brauchbarer Gartler geworden bin. Ich kann mit der Schere Bilder ins Gras schneiden, wie ein Künstler Bilder auf eine Leinwand malt. Beim Rasenmähen fühle ich mich auch nicht mehr wie Ben Hur. Vielmehr lasse ich heute viele Pflanzen stehen und sauge den süßen Geruch des Grases auf. Meinen verlorenen Garten habe ich in Kirchseeon wiedergefunden.

© SZ vom 25.04.2020/lfr

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