Typisch deutsch:Der weite Weg zur Damenwahl

Typisch deutsch: Bei einem Treffen mit Kathrin Habenschaden war Mohamad Alkhalaf erstaunt über ihre ehrliche Begeisterung und ihren starken Überzeugungswillen. In seinem Heimatland seien das Eigenschaften männlicher Politiker.

Bei einem Treffen mit Kathrin Habenschaden war Mohamad Alkhalaf erstaunt über ihre ehrliche Begeisterung und ihren starken Überzeugungswillen. In seinem Heimatland seien das Eigenschaften männlicher Politiker.

(Foto: Robert Haas)

Unser Autor hätte seine Stimme früher nie für eine Frau abgegeben. Erst in Deutschland lernte er, dass es in der Politik mehr geben kann als eine nur symbolische Gleichberechtigung.

Kolumne von Mohamad Alkhalaf

Viele syrische Neuankömmlinge glaubten, dass Deutschlands wahrer Kanzler der Bundespräsident ist und dass er die Politik steuert. Frau Merkel nahmen wir als Dekor in der Männerwelt der Politik wahr. Frauen in der Politik? "Wie können sie nur über so große Themen nachdenken, während sie doch mit den grundlegenden Problemen des Familienalltags beschäftigt sind? Wie kommt das wohl bei ihren Männern an?"

So banal es klingen mag. Nicht wenigen arabisch stämmigen Männer ging es ähnlich. Nie im Leben hätte ich mir vorstellen können, meine Wahlstimme für eine Frau abzugeben.

Vor einigen Jahren saß ich mit Katrin Habenschaden, heute Münchens Zweite Bürgermeisterin, in einer Münchner Werkstatt. Sie reparierte Fahrräder und sprach mit mir über Umweltschutz, das Verhältnis zu den USA und Menschenrechte. Ich war erstaunt über ihre ehrliche Begeisterung und den Überzeugungswillen. In meiner bisherigen Welt waren das Eigenschaften männlicher Politiker.

In Syrien liegt der Frauenanteil in der Politik bei zwei Prozent, keine Frau hat ein höheres Amt. Politikerinnen in Syrien haben sich auf Kultur, Erziehung und Frauenthemen zu beschränken. Es handelt sich wenn überhaupt um eine symbolische Art der Gleichberechtigung.

Je mehr ich Zeitungstexte las und Polit-Sendungen im Fernsehen verfolgte, veränderte sich das Bild von Frau Merkel. Oder besser: Es weitete sich. Die Mutterfigur, die mich umarmend am Bahnsteig begrüßt, hat Eigenschaften hinzugewonnen: Stärke, Kampfgeist, Härte. Die Fähigkeit, sich gegen Feinde, Neider und Konkurrenten durchzusetzen. Zur Zeit spricht Deutschland viel über die Kandidaten der Bundestagswahl. Männer und Frauen sind hier sichtbar gleichberechtigt. Die Auseinandersetzung mit Angela Merkel hat mir dabei geholfen, dass ich ehrlich von mir sagen kann, dass ich das auch so sehe.

Trotz allem kann man sich seine Prägung nie ganz aus den Kleidern schütteln. Noch immer irritiert mich, dass eine Frau in Deutschland Verteidigungsministerin ist. Fallschirmspringen, Panzer fahren, eine Pistole im Gürtel tragen. Wenn ich an meine eigene Frau denke, erschreckt mich dieser Gedanke. Dann wünsche ich ihr und mir, dass ihr der Dienst an der Waffe für immer erspart bleibt. Es mag konservativ erscheinen. Vielleicht aber habe ich auch einfach schon zu viel gesehen, was mit Menschen passiert, wenn Waffen nicht nur getragen - sondern auch benutzt werden.

© SZ vom 23.07.2021/kafe
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