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Typisch deutsch:In der Waffel liegt die Kraft

Ein gutes Eis kann jeden Herzschmerz zumindest verdrängen.

(Foto: Catherina Hess)

Als unsere Autorin nach der Flucht aus Uganda das erste Eis verzehrte, verdrängte der Geschmack für einen Moment ihren Herzschmerz.

Kolumne von Lillian Ikulumet

Meine erste Kostprobe mit deutschem Eis datiert aus dem Jahr 2013. Es war ein Wintertag, als ich erstmals Deutschland betrat. Die Flucht aus Uganda und das, was dazu führte, die Bedrohungen, die Angriffe - alles war noch so präsent. Ich erinnere mich an dieses bittere Gefühl, das alles in mir vereinnahmte. Ich hatte sogar einen bitteren Geschmack im Mund. Und dann: ein Schokoladeneis aus einer Waffel.

Eigentlich hätte ich mir nie vorstellen können, mitten im Winter in Deutschland zu stehen und Eis zu essen. Aber meine Gastgeberin sagte mir damals, dass die Außentemperatur und der Verzehr von Eis unabhängig voneinander zu betrachten seien. Ihre Empfehlung: Wenn es so richtig kalt ist, schalte die Heizung ein, schließe die Augen und stelle dir vor, du wärst in Uganda, während du unter einer Palme dein Eis isst.

Als ich in Deutschland ankam, war ich von Kinderfreuden und Kindheitsträumen so weit entfernt wie noch nie. Seit Monaten hatte man mich die volle Härte des Erwachsenlebens spüren lassen. Nun stand ich hier: verletzt, vertrieben, heimatlos. Als ich jedoch das Schokoladeneis auf meiner Zunge schmelzen spürte, da drifteten meine Gedanken ab. Das Eis brachte die süßen Erinnerungen zurück. Ich erinnerte mich, wie ich am Wochenende mein kleines Taschengeld für Eis gespart hatte. Wie der Eiswagen in unsere Straße kam und meine Freunde und ich um die Wette rannten, um ein Eis zu holen, weil der erste immer die größte Menge bekam. Der Erste zu sein und das größte Eis zu bekommen, das war himmlisch.

Eis erinnerte mich an das Süße im Leben. An die lieben Menschen. Doch im nächsten Moment waren da auch wieder die Bitterkeit, die zerbrochenen Träume, die Traurigkeit über jene, die ich zurückgelassen hatte. Für einen Moment wollte ich mein Eis wegwerfen. Doch meine Freundin hielt mich davon ab. Sie erklärte mir ihre Theorie: Eiscreme trage nachweislich dazu bei, Trennungen, Herzschmerzen und andere Hauptursachen für Traurigkeit leichter zu überwinden. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Aber ich weiß, dass es meinen Herzschmerz für einen Moment verdrängte.

Über die Jahre bin ich sehr vielen Münchnerinnen begegnet, die mit einer Waffel voll mit Eiskugeln durch die Stadt spaziert sind. Es sind Momente, in denen die Souveränität im Alltag der Begeisterung über das süße Erlebnis weicht. Nach mittlerweile fast sieben Jahren neige ich dazu, die Theorie meiner Freundin zu glauben.

© SZ vom 03.07.2020

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