Süddeutsche Zeitung

Start-up:"Es ist besser, den bestehenden Raum doppelt zu nutzen"

  • München platzt aus allen Nähten, es fehlt an freien Flächen. Zum Wohnen - aber auch zum Arbeiten.
  • Das Start-up Twostay will das Problem lösen und vermittelt ungenutzte Plätze an Leute, die einen ruhigen Arbeitsplatz suchen.
  • Das Netz müsste allerdings noch dichter werden: Bisher haben sich rund 500 Leute registriert, und die Zahl der buchbaren Orte ist überschaubar .

Hotels eignen sich zum Beispiel gut für das, was Cecilia Chiolerio, 26, und Dorothea Haider, 35, sich da vorgenommen haben. Es seien ruhige, optisch zumeist sehr ansprechende Orte, sagen die Gründerinnen von Twostay, ausgestattet mit einer ausreichenden Zahl an Steckdosen und stabilem Wlan, oft gebe es noch einen Konferenzraum, eine Tasse Kaffee lässt sich in der Regel auch organisieren. Und mehr braucht man ja nicht zum Arbeiten.

Ein Sommertag in München, am frühen Abend ächzt die Stadt noch immer unter der Hitze. Chiolerio und Haider haben sich ins Halbdunkel des Hotels Krone zurückgezogen. Petrolfarbene Sessel, ein kompakter Glastisch, darauf ein "Reserviert"-Schildchen. Nicht, weil es so voll wäre in der Lobby des Hotels an der Theresienhöhe. Sondern weil man sich über Twostay, einer Internetseite plus App, einen Arbeitsplatz in eben dieser Hotellobby reservieren kann. Denn München platzt aus allen Nähten, es fehlt an freien Flächen. Zum Wohnen - aber auch zum Arbeiten.

Dorothea Haider hat sich einige Gedanken darüber gemacht, wie man dieser Misere beikommen kann. "Es ist besser, den bestehenden Raum doppelt zu nutzen", sagt die Münchnerin. Seit diesem Frühjahr lassen sich nun über Twostay Arbeitsplätze in Bars, Hotels und selbst in einer Galerie anmieten. Stundenweise. Spontan. Und kostenlos. Die Inhaber der Bars und Hotels bezahlen monatlich 30 Euro, um auf der Seite gelistet zu sein - und einen weiteren Euro für jede Reservierung, die über Twostay bei ihnen eingeht.

Noch ist die Zahl der buchbaren Locations überschaubar: Mit einer Hotelkette, die in Memmingen, Neu-Ulm und dem baden-württembergischen Pfullendorf Hotels unterhält, arbeitet das Start-up zusammen, in München kann man sich neben dem Hotel Krone unter anderem in der Kunstgaleriebar KGB, in der Korner-Bar oder im Beach 38° einmieten. Arbeiten mit den Füßen im Sand - "aber an guten Tischen", wie Haider betont. Zwar werden Ladenflächen schon länger geteilt in München, der Stadt der gnadenlosen Mieten. Blumenhändler tun sich mit Friseuren zusammen, an der Müllerstraße gab es eine Weile einen Modeladen, der abends zur Bar wurde. Aber den Laptop dort aufzuklappen, wo andere feiern, ein Date haben oder Kunst betrachten, das ist schon eine ungewöhnliche Form des Arbeitens.

Doch der Zeitgeist, zu dem auch die Vereinbarkeit von Familie und Karriere gehört, erfordert nun einmal andere, flexiblere Modelle. Große Firmen schicken ganze Teams in Co-working-Spaces, weil sie sich von der Umgebung einen Kreativitätsschub erhoffen. Warum also nicht im Hotel arbeiten?

Besonders die Italienerin Cecilia Chiolerio, die zuvor für den Münchner Online-Möbelhändler Westwing tätig war, störte der Anblick der tagsüber oftmals schlecht besuchten Hotellobbys. Geschmackvoll eingerichtete, aber leere Räume - in München die reine Verschwendung. Als sie bei Xpreneurs, dem Inkubator-Programm der UnternehmerTUM, Dorothea Haider kennenlernte, die dort als Gründungsberaterin tätig war, nahm ihre Idee, Arbeitsplätze in Bars oder Hotels zu verlegen, konkretere Formen an.

Von Twostay profitieren sollen im Idealfall alle Beteiligten: Die Nutzer, indem sie sich spontan einen Arbeitsplatz an einem Ort buchen können, der sie im besten Fall auch noch inspiriert. Den Hotels und Bars könnte die Kooperation neue, vielleicht sogar etwas hippere Gäste bringen.

Dabei ist das Angebot weniger als Alternative zu den Co-working-Spaces gedacht, sondern als Ergänzung. Haider und Chiolerio zählen auf, für wen ihr Angebot interessant sein könnte: Für Geschäftsreisende, die sich schlecht auskennen in München, die aber möglichst schnell einen möglichst nahe gelegenen Arbeitsplatz benötigen. Für Freiberufler, denen zu Hause die Decke auf den Kopf fällt. Oder auch für Angestellte von Firmen - als "Extra-Angebot". Aber braucht es dafür wirklich Twostay? Kann man sich nicht einfach so mit seinem Rechner in eine Bar setzen? Die beiden Frauen finden, ihre Idee bietet einen großen Vorteil: Das schlechte Gefühl, wenn das kleine Nachbarschaftscafé über Stunden hinweg zum Büro gemacht wird, das fällt durch die Reservierung weg. Haider: "Ich weiß dann, ich bin hier gern gesehen."

Die Unternehmerinnen wissen, dass ihr Netz noch dichter werden muss. In jedem Münchner Stadtviertel wollen sie Arbeitsplätze anbieten können, ihre Idee soll auch Vororte und Städte erreichen, die den bekannten Anbietern von Co-working-Spaces vielleicht zu abgelegen, zu klein oder nicht sexy genug sind. Rund 500 Leute haben sich bislang registriert, die meisten von ihnen kommen aus München. Auf lange Sicht könnte Twostay aber auch außerhalb Deutschlands funktionieren, europaweit.

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Quelle:
SZ vom 12.08.2019
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