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TUM:Wie eine Drohne zum Lebensretter werden kann

Horyzn

Fünf von 58 Studierenden, die bei Horyzn mitarbeiten, und ein Prototyp ihrer Flugdrohne Frankenstein.

(Foto: Horyzn/oh)

Studierende entwickeln "Frankenstein": eine spezielle Flugdrohne, die im Notfall einen Defibrillator zu einem Menschen mit Herzstillstand fliegen soll.

Von Sabine Buchwald

Aus Frankenstein soll ein Lebensretter werden. Studierende der Technischen Universität München (TUM) arbeiten derzeit daran. Frankenstein - das ist der fiktive Wissenschaftler aus der Feder der Schriftstellerin Mary Shelley. Und das ist der Name eines Modellflugzeugs, das die Studierenden zum Start ihres Projektes "Horyzn" in die Luft gehen ließen. Menschen erschaffen wie im Roman, das bleibt ein Horrorszenario - der fliegende Frankenstein soll stattdessen Leben retten, indem er einen Defibrillator transportiert. In nur wenigen, lebensentscheidenden Minuten soll die Drohne das Gerät zu einem Menschen mit Herzstillstand fliegen.

Die Idee dazu hatte der Masterstudent Balázs Nagy im Winter 2019. Damals konnten sich Studierende noch physisch in Hörsälen bewegen. Nagy erzählte einigen Kommilitonen am Lehrstuhl für Luft- und Raumfahrttechnik von seinem Einfall und schaffte es, sie dafür zu begeistern. Nicht einmal anderthalb Jahre später gibt es nun einen Prototypen von der neuartigen Drohne, ein Team aus 58 Studierenden aus 21 unterschiedlichen Nationen und verschiedenen Lehrstühlen - und durchaus realistische Aussichten, die Idee praktisch umzusetzen.

An Motivation und Willen fehlt es den Studierenden jedenfalls nicht. Die meisten von ihnen sind bereits im Masterstudium, einige arbeiten noch an ihrem Bachelor, andere schon an ihrer Dissertation. Allein, es mangelt derzeit noch an finanzkräftigen Sponsoren. Einen niedrigen sechsstelligen Betrag brauche man dafür, erklären die Studierenden.

An der TUM lernt man früh, sich gut zu organisieren, wenn man Erfolg haben möchte. Die Universität will zu den führenden Gründer-Hochschulen Europas gehören. Deshalb unterstützt sie die Leute, die innovative Einfälle umsetzen wollen. Es sei ein Herzensprojekt, in das sehr viele Stunden Freizeit fließe, sagt Sonja Dluhosch. Sie ist für die Kommunikation nach außen und die Entwicklung des Projekts zuständig. Sie weiß, um das Interesse möglicher Sponsoren zu gewinnen, muss man sich und seinen Gedanken bestmöglich präsentieren: mit eindrücklichen Bildern, extra kurzen Erklärungstexten - und Zahlen.

Diesen Dienstag um elf Uhr ging wie geplant die neue Webseite horyzn.org online. Dort erfährt man, wer hinter dem Namen steckt und welche Mission die Studierenden verfolgen: Die Zukunft der Raumfahrt mit zu gestalten, Prototypen zu entwickeln, um reale Probleme zu lösen. "Wir entwerfen und simulieren nicht nur visionäre Konzepte, wir bauen und testen sie", versprechen die Studierenden. Und dann folgt ein Satz, der wachrüttelt: "Jede Sekunde zählt." Und das ist tatsächlich so bei Herzstillstand. In Deutschland erlitten jährlich etwa 75 000 Personen einen plötzlichen Herz-Kreislaufstillstand, erklärt Dluhosch, 90 Prozent überlebten ihn nicht.

Im Durchschnitt dauere es in Deutschland etwa neun Minuten, bis ein Krankenwagen mit einem Defibrillator da sein könne. In Städten wohlgemerkt weniger, weshalb die Drohne als Transportmittel wohl am sinnvollsten in weniger besiedelten Gegenden sei. "Sie steht in Konkurrenz mit dem Auto, das günstiger ist, aber manchmal einfach zu lange braucht", erklärt Dluhosch. Vorbild sei der Umgang mit Defibrillatoren in nordischen Ländern, wo auch mehr Laien gewillt seien, sie anzuwenden.

Für die TUM-Studierenden ist es nun vor allem wichtig, alle Voraussetzungen für die Bewilligung des unbemannten Flugzeugs zu erfüllen. Zugute kommen ihnen neue Regularien der EASA (European Aviation Safety Agency). "Wir wissen nun, auf was wir uns einstellen müssen", sagt Nagy.

2020 haben sie einen Prototypen erarbeitet, der nur auf Modellflugzeugplätzen fliegen durfte. Nach dessen Vorbild soll nun eine elaboriertere Drohne entstehen, für die das Team eine Fluggenehmigung bekommen möchte. Nach dem "Projekt Silencio" folgt nun "Mission Pulse".

Optisch hat die Drohne nicht viel mit den Multicoptern gemein, die man etwa über der Theresienwiese fliegen sieht. "Sie ist ein Mix", erklärt Designer Barlas Türkyilmaz. Denn sie habe sowohl zehn Propeller, als auch Tragflächen für die Stabilität. Wie ein Multicopter soll sie dennoch überall senkrecht starten und landen. Betrieben wird die Drohne, die aus leichten Materialien wie Kohle- und Glasfaserstoffen besteht, mit einer aufladbaren Batterie. Geplant ist, einen Defibrillator zu transportieren, der nur 500 Gramm wiegt. Im vergangen Jahr noch versuchte man, ein möglichst lautloses Flugzeug zu fertigen. Nun soll der fliegenden Lebensretter bei Start und Landung Warnsignale aussenden. Denn natürlich kann er nur überwacht von eingewiesenen Helfern fliegen. Das Herzschockgerät wird dann am Notfallort in Empfang genommen - und angewandt.

Geht die Vision der Studierenden auf, könnten die Nachfolger von Frankenstein womöglich bald auch anderes transportieren: Medikamente, Blutkonserven, vergessene Schlüssel.

© SZ vom 14.04.2021/wean
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