bedeckt München 11°
vgwortpixel

Giesing:Streit ums Getrommel

Sechziger-Stadion

Nur die Ecken bleiben frei: Die aktuelle Planung für das Sechzger-Stadion geht von einer weitgehenden Überdachung aus. Simulation: Albert Speer + Partner GmbH

Bei einem schlecht besuchten Informationsabend bleibt offen, ob die geplante Überdachung des Sechzger-Stadions die akustische Begleitung der Spiele durch die Fans ausreichend dämpfen kann

Die Genehmigung für ein zweitligataugliches Sechzger-Stadion mit mehr als 18 000 Plätzen ist politisch gewollt und wohl reine Formsache. Trotzdem, oder gerade deshalb warfen Giesinger Bürger Sportreferentin Beatrix Zurek (SPD) vor- und während der jüngsten Informationsveranstaltung zum Thema mangelhafte Kommunikation vor. Der Verdacht, Zureks Referat für Bildung und Sport (RBS) habe den Bürgerabend sogar bewusst unzureichend angekündigt, um die Einwände gegen das Projekt herunterspielen zu können, blieb hängen in der Sporthalle an der Säbener Straße, wo sich 80 Besucher inmitten von 970 Stühlen verloren.

Kritik an der Informationspolitik

Nach eigener Auskunft hatte das RBS am 7. und 8. Januar 9000 Haushalte rund ums Stadion angeschrieben und eine private Firma mit der Verteilung der Postwurfsendungen beauftragt. Demgegenüber meldeten sich, wie schon vor dem Abend, viele Anwohner aus der nächsten Umgebung zu Wort, die angaben, sie hätten keine Einladung erhalten und nur per Presse oder Mundpropaganda von der Veranstaltung erfahren. Dass dies womöglich kein Zufall sei, mutmaßten unter anderem Robert Motschenbach, Anwohner aus der nahen Martin-Luther-Straße, weitere Nachbarn aus der Reichenhaller Straße und dem sonstigen Postwurf-Gebiet, sowie die Stadtteilaktivistin Melanie Kieweg. Zurek konnte vorerst nur auf einen eventuellen Fehler des privaten Zustellers verweisen, was sie natürlich überprüfen werde. Gegen Vorsatz-Vermutungen spricht aus ihrer Sicht schon der Aufwand, den das RBS getrieben hatte, sowohl mit der maximalen Bestuhlung der Halle, als auch mit einem Sicherheitsdienst, dessen Taschenkontrollen sich selbst Offizielle wie Clemens Baumgärtner (CSU), Wirtschaftsreferent und örtlicher BA-Chef, unter Protest gefallen lassen mussten. Falls man geahnt und gewollt hätte, "dass keiner kommt", so Zurek, "hätten wir auch ins Stüberl einladen können". Ein Indiz, dass der Stadionausbau, Postwurf-Panne hin oder her, am Ende vielleicht doch nur wenige Giesinger stark bewegt, liefert die schwache Beteiligung an einer ersten Bürgerrunde im Juli 2017: Das RBS hatte damals 12000 Einladungen versandt und nur 120 Giesinger in die Säbener-Halle gelockt.

Die Planung im Detail

Gelohnt hätte sich der Abend allemal, auch für Besucher, die sich nur über den Ausbau informieren wollen. Planer Matthias Schöner vom Büro Albert Speer und Partner stellte seine Arbeit erstmals detailliert vor: Eine Punktlandung auf der symbolträchtigen Kapazität von 18 060 Zuschauern ist dabei planerisch nicht möglich. Stattdessen gilt die Marke von 18 105 Plätzen, wobei sich die Schwerpunkte im Rund leicht verlagern: Das Spielfeld rückt nach Norden, was zusammen mit der Neuordnung der Stehhalle unter anderem ermöglicht, dass Rollstuhlfahrer künftig überdachte Plätze mit freier Sicht bekommen. Die derzeit rund 8800 Fans fassende Westkurve gibt etwa 900 Plätze ab. Die Stehhalle im Norden wird um logenartige, bewirtete "Hospitality"-Bereiche ergänzt und schrumpft so um 1200 auf 3300 Plätze. Die Ostseite bekommt einen oberen Rang, gewinnt sechs Meter an Höhe und verdoppelt sich auf knapp 3000 Plätze. Die Südtribüne wächst um mehr als das Dreifache auf gut 4100 Plätze. Dennoch sollen die Fans künftig nicht mehr über die stark belastete Volckmerstraße in den Südteil der Arena einströmen, sondern über neue Südwest- und Südosteingänge. Das größte Interesse galt der geplanten Komplettüberdachung. Sie ist Bedingung für die zweite Liga, Wetter- und Schallschutz. Schöners Planung für den Vorbescheid sieht vier separate Dächer vor, die Lärmemissionen um fünf- bis sieben Dezibel dämpfen sollen. Eine Schließung der vier Ecken zwecks Schall-Optimierung kann er sich vorstellen.

Fans gegen Nachbarn

Fraglich blieb aus Anwohner-Sicht, ob die Dächer das schalltechnische Hauptproblem, die Trommelbegleitung, lösen können. Im Gegensatz zu den Anwohnern glaubt TSV-Geschäftsführer Michael Scharold, das Getrommel werde bei Vollbesetzung akustisch "aufgefressen". Außerdem stifte es "Zusammengehörigkeitsgefühl" und sei aus keinem Stadion wegzudenken. Zurek stellte sich hinter diese Aussagen - und gegen einen Anwohner, der in den Trommeln einen Verstoß gegen die Stadionordnung sah. Denn diese, so die Referentin, fielen nicht unter die verbotenen "mechanischen Lärminstrumente", da von Hand bedient. Auch sonst gingen die Ansichten über die Grenzen der Fankultur erneut auseinander: Ein Anwohner verwies darauf, dass die Wildbiesler vom Kinderspielplatz am Paula-Herzog-Weg zu sehen seien, von vorne "mit Gesicht und dem Rest". Die Verantwortung sieht er bei der Stadt, die am Candidplatz nur ein Klo aufstelle. Insgesamt zeigte sich Harald Schertler von der örtlichen Polizeiinspektion dennoch "sehr zufrieden mit der vorherrschenden Lage", natürlich sei es "kein rosa Ponyland". Nicht nur einem Nachbarn aus der Reichenhaller Straße erschien das Bild "zu reingewaschen", angesichts nicht nur pinkelnder und lauter, sondern, wie er mit üblen Zitaten belegte, auch Hass- und Gewalt-Parolen grölender Fangruppen.

© SZ vom 18.01.2020
Zur SZ-Startseite