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Streckenausbau in Trudering:"Wenn die Käufer das vorher gewusst hätten"

Zugdurchfahrt in München, 2019

Schon jetzt donnern die Güterzüge an den Häusern an der Xaver-Weismor-Straße sehr nah vorbei. Die Ausbaupläne der Bahn für die Truderinger und Daglfinger Kurve sehen dort ein zweites Gleis vor.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der Güterverkehrsknoten München Ost soll ausgebaut werden, die ersten Aufträge sind schon ausgeschrieben. Aber die Anwohner wissen immer noch nicht, wie stark der Zugverkehr zunimmt - teils könnten die Gleise sehr nahe rücken.

Von Nicole Graner, Trudering

"Ach", sagt Peter Brück und lacht. "Das ist ein Zug mit Holzfracht." Der 64-Jährige kann den Zug noch gar nicht sehen, nur hören: ein gleichmäßiges "Rattaram, Rattaram", das immer lauter wird und den Boden vibrieren lässt. Peter Brück hat recht. Der Güterzug, der da vorbeirattert, ist voll beladen mit dicken Baumstämmen. Dass der in Trudering lebende Rentner Brück alle Züge kennt, die 35 Meter von seinem Haus entfernt vorbeifahren, ist kein Wunder. Alle 20 Minuten kommt ein Güterzug. Manche sind 500 Meter lang, erlaubt sind mittlerweile sogar 740 Meter. "Am lautesten sind", sagt Peter Brück von der Anwohnergemeinschaft Truderinger und Daglfinger Kurve und Spange (TDKS), "die Autozüge."

Tempo 50 fahren sie jetzt, später - falls sich die Deutsche Bahn mit dem Ausbau ihrer Trasse für die Daglfinger Kurve durchsetzt - werden es 100 Stundenkilometer sein. "Man kann sich vorstellen, was das dann für eine Lärmbelästigung für die Anwohner ist", sagt Brück.

800 Zugverbindungen am Tag sind es laut Brück im Truderinger Dreieck mit der S-Bahn und dem Güterverkehr vom Ostbahnhof nach Rosenheim und Mühldorf schon jetzt zu Spitzenzeiten. Nun will die Bahn den Güterverkehrsknoten München Ost ausbauen. Wenn die neue Bahn-Trasse käme, wären es 100 Züge mehr. Nimmt man die Zahlen der Trimode Studie dazu, die das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) in Auftrag gegeben hat, kämen noch einmal 150 hinzu. Und das, wenn es nach der Bahn geht, bei einigen Anwohnern nur zwölf Meter vom Gartenzaun entfernt.

Noch immer hat die Deutsche Bahn Netz AG aber keine Zahlen aufgelegt, die das Zugaufkommen vom Inntal beziehungsweise vom Brenner-Basistunnel mit einrechnen, beklagt Brück. "Nach Berechnungen der Bahn verschwinden die Züge im Inntal einfach, lösen sich in Luft auf." Das heißt: Die Planungen der Bahn beruhen ausschließlich auf den Berechnungen des Bundesverkehrswegeplans (BVWP) 2030, in dem der Brenner-Basistunnel und der Zugverkehr, den er generiert, keine Rolle spielen. Die Trimode Studie dagegen, die vier Szenarien bis 2050 entwirft, Brenner-Basistunnel inklusive, wird nicht als ernst zu nehmende Prognose in die Umbaupläne einbezogen, wie es in einem Schreiben von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) an Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) vom 6. April heißt: "Die Studie zeigt Potenziale des Wirtschaftswachstums, der Verkehre und Warenströme auf, sie stellt jedoch keine Prognose dar und kann dementsprechend nicht als Planungsgrundlage für das Vorhaben verwendet werden."

Warum hat das Verkehrsministerium dann überhaupt eine Studie in Auftrag gegeben? Das werden sich die Anwohner fragen. Wie sie auch die Frage umtreibt, warum die DB Netz AG bereits eine europaweite Ausschreibung "von Planungsleistungen für Schallschutzwände und Tragbauwerke" gestartet hat, obwohl noch nicht klar ist, welche Trasse am Ende geplant und gebaut wird. Denn die Anwohnergemeinschaft hat längst einen Alternativvorschlag gemacht. Die Alternativtrasse 2 würde auf Höhe des Bahnübergangs Xaver-Weismor-Straße über die Skate-Anlage führen, die Kfz-Verwahrstelle in Richtung Riem unterqueren und sich danach mit der Verbindung nach Zamdorf und der Daglfinger Kurve auf dem Areal der Hüllgrabenwiese verbinden. Ein Grund, warum die Bahn diese Trasse ablehnt, liegt darin, dass sie, wie Brück sagt, über "ein hoch biodiverses" Gebiet führe. Einen Teil davon allerdings haben Motocrosser zu einer Übungsstrecke umfunktioniert. "Zerpflügt", sagt Brück.

Die Bahn begründet in ihrer Antwort an die Anwohnergemeinschaft TDKS Ende April, dass die Ausschreibung für Schallschutzwände auf der gesetzlichen Verpflichtung beruhe, ein Projekt mit diesen Ausmaßen, "das aus öffentlichen Mitteln finanziert wird, "europaweit und frühzeitig auszuschreiben und dabei genaue Regularien und Fristen einzuhalten". Auch sei die Ausschreibung so gestaltet, dass sie für "alle Varianten geeignet" sei.

Blick auf geplante Bahntrasse in München, 2019

Links die Lärmschutzwand, rechts die Häuserzeile an der Thomas-Hauser-Straße: Wenn es nach der Bahn geht, schrumpft der Abstand dazwischen auf sechs Meter.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

2016 wurden an der Thomas-Hauser-Straße neue, kleine Einfamilienhäuser verkauft. Für viel Geld. Alles sieht noch neu aus. Wenn die Gleistrasse so verläuft, wie es sich die Bahn wünscht, dann würde sie direkt neben dieser Häuserzeile liegen. Die bestehende Lärmschutzwand würde dann verschoben und bis zu sechs Meter an die Häuserkante herangerückt. Ob denn überhaupt noch an erholsamen Schlaf zu denken ist? Ein Blick vom Gartenzaun auf die bestehende Wand lässt diese schon jetzt mächtig und beengend wirken. "Ich glaube", sagt Peter Brück, "wenn die Käufer das vorher gewusst hätten, dass so nah an ihren Häusern eine neue Bahntrasse verlaufen würde, hätten sie die Finger vom Kauf gelassen."

Im Schreiben des Verkehrsministeriums an OB Reiter wird auch die Öffentlichkeitsarbeit zum viergleisigen Ausbau der Strecke von Daglfing nach Johanneskirchen angesprochen, die im Norden an die Daglfinger Kurve anschließt. Man habe ja bereits begonnen, mit dem Bezirksausschuss Bogenhausen und den Bürgern vor Ort Gespräche zu führen. Die "derzeitige Ausgangslage" erlaube aber keine "intensivere Außenkommunikation". Erst sollen die "Ergebnisse der Bewertung der Grobtrassenvarianten vorliegen". Brück sieht das kritisch: "Scheinbar wird das die neue Strategie der Öffentlichkeitsbeteiligung." Man habe den Anwohnern vor einem Jahr erklärt, dass man eine Aussage zu den Alternativtrassen im Juni machen könne. Dann war vom Sommer die Rede. "Bis heute hat es hierzu allerdings keine Info mehr gegeben", sagt Brück.

4 Gleise

zwischen Daglfing und Johanneskirchen sind in einem weiteren Ausbau-Schritt für den Münchner Nordring vorgesehen, zwei für Güterzüge, zwei für die S-Bahn zum Flughafen. Seit gut einem Jahr prüft die Bahn drei Grobvarianten für die vier Kilometer: eine oberirdische Trasse, eine im Trog und - von Bürgern und Kommunalpolitikern favorisiert - eine im Tunnel.

© SZ vom 10.06.2020

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