Verkehrswende in MünchenStraße für zehn Millionen Euro umgebaut – und die Radfahrer einfach vergessen

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Die Truderinger Straße wurde verkehrsberuhigt, bleibt aber ein Politikum: Denn Radfahrer müssen sich die Fahrbahn weiter mit Autos teilen und weichen immer wieder auf die Gehwege aus.
Die Truderinger Straße wurde verkehrsberuhigt, bleibt aber ein Politikum: Denn Radfahrer müssen sich die Fahrbahn weiter mit Autos teilen und weichen immer wieder auf die Gehwege aus. Johannes Simon
  • Die Truderinger Straße wurde für zehn Millionen Euro umgebaut, aber Radfahrer müssen sich weiterhin die Fahrbahn mit Autos teilen.
  • Obwohl geschützte Radstreifen geplant waren, teilte die Stadtverwaltung 2021 mit, dass diese wegen der Straßenverschmälerung nicht möglich seien.
  • Viele Radfahrer weichen aus Unsicherheit auf die Gehwege aus, wodurch das jahrzehntelange Dilemma trotz Umbau bestehen bleibt.
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Weil ihnen die Fahrbahn immer noch zu gefährlich erscheint, weichen viele Radler auf den Gehweg aus. Ein Streckenabschnitt im Münchner Osten zeigt, wie um die Stadt von morgen gerungen wird – und was dabei schiefgehen kann.

Von Martin Mühlfenzl

Herbert Danner kommt an diesem kalten Februarnachmittag natürlich mit dem Fahrrad in die Truderinger Ortsmitte. Sein Radl sperrt er direkt neben dem Brunnen aus Granit ab, den es auch seinetwegen an dieser Stelle gibt. Dann lässt der ehemalige Stadtrat der Grünen den Blick Richtung Westen in die Truderinger Straße schweifen und schüttelt kaum merklich den Kopf. „Es ist so ärgerlich. Wir haben etwas richtig Gutes geplant – aber richtig gut ist es nicht geworden“, sagt das Mitglied im Bezirksausschuss (BA) Trudering-Riem.

Die Truderinger Straße in Straßtrudering, genau genommen der nur wenige Hundert Meter lange Abschnitt vom Schmuckerweg bis zur Bajuwarenstraße, ist seit Jahrzehnten ein Politikum. Ein Beispiel dafür, wie hart, zäh und ausdauernd darum gerungen werden kann, wie die Städte von morgen aussehen müssen. Und was dabei schiefgehen kann.

Im Jahr 2008 hat der Truderinger BA die Stadtverwaltung erstmals darum gebeten, sich für ein Städtebauförderungsprogramm zu bewerben. Das Ziel: ein Umbau der Truderinger Straße in Straßtrudering. Daraufhin gründete sich 2011 eine Projektgruppe unter Beteiligung von BA-Mitgliedern, Eigentümern, Gewerbetreibenden, der Stadtverwaltung, die beinahe ein Jahrzehnt lang darüber beriet, wie sich die Straße verändern könnte. Es ging immer um dieselben Punkte: mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer, den Wegfall von Parkplätzen, um Verkehrsberuhigung, weniger Durchgangsverkehr, mehr Bäume und später sogar einen Brunnen.

Herbert Danner von den Truderinger Grünen hat den Umbau maßgeblich mitgestaltet. Zufrieden aber ist er damit nicht ganz.
Herbert Danner von den Truderinger Grünen hat den Umbau maßgeblich mitgestaltet. Zufrieden aber ist er damit nicht ganz. Martin Mühlfenzl

Klar sei allen Beteiligten gewesen, so Danner: „Schöner soll es werden.“ Und sicherer – hauptsächlich für die Fahrradfahrer auf einer Straße, in der stets Tempo 50 galt und die von etwa 15 000 Autos am Tag befahren wurde. Aus der Projektgruppe entstand ein Ideenwettbewerb, dann eine Jury, die einen Siegerentwurf kürte. Im August 2020 begannen die Umbauarbeiten.

Mehr als fünf Jahre später steht Danner am Brunnen. Er hat sich mit vielem durchgesetzt, was er damals gefordert hatte: Fußgänger flanieren mittlerweile auf breiten Gehwegen, es gilt Tempo 20 und Parkplätze wurden reduziert. Und doch schüttelt er den Kopf. „Wir haben eine echte Aufwertung erreicht. Für Radfahrer ist es aber nicht besser geworden.“ Weil diese sich die Straße immer noch mit dem Autoverkehr teilen müssten wie vor dem Umbau. Kleine Piktogramme auf der Straße weisen darauf hin, dass sie dort fahren müssen. „Aber viele fühlen sich einfach unsicher und weichen auf die Gehsteige aus. Und das Dilemma hatten wir ja jahrzehntelang.“

In allen Planungen, so Danner, sei aber immer ein geschützter Bereich für Fahrradfahrer vorgesehen gewesen – mit Markierungen oder einem Schutzstreifen. Doch 2021, als der Umbau schon angelaufen war, habe die Stadtverwaltung mitgeteilt, dass eine solche Einrichtung wegen der Verschmälerung der Truderinger Straße nicht mehr möglich sei. „Wenn uns das zwei Jahre vorher gesagt worden wäre, hätten wir noch reagieren können“, sagt Danner. „Aber jetzt haben wir genau dieselbe Situation wie vor dem Umbau.“

Stefan Ziegler, BA-Vorsitzender von der CSU, ist auf die Stadt ebenfalls nicht gut zu sprechen. Auch, weil er immer wieder Zuschriften von Bürgern bekomme, die ihren Unmut über die Zustände in der Truderinger Straße äußerten. Im Januar hat der BA-Chef daher auf ein Treffen mit Vertretern des Mobilitätsreferats gedrungen, dass dann an Ort und Stelle auch stattgefunden habe, wie Ziegler berichtet. Vom Ausgang des Treffens aber ist der BA-Vorsitzende nach wie vor enttäuscht. „Ich war und bin stinksauer. Uns wurde immer nur gesagt, was nicht geht. Aber es wurden keinerlei Vorschläge gemacht, wie die Situation für Radfahrer verbessert werden kann.“

Nördlich der Truderinger Straße ist ein Gewerbegebiet entstanden, das Unmengen an Verkehr anzieht.
Nördlich der Truderinger Straße ist ein Gewerbegebiet entstanden, das Unmengen an Verkehr anzieht. Martin Mühlfenzl

Danach gefragt, ob sich durch den Umbau die Verkehrssituation in der Truderinger Straße verbessert habe, antwortet das Mobilitätsreferat auf SZ-Nachfrage: „Eindeutig ja.“ Die Verkehrsbelastung sei deutlich zurückgegangen, teilt das Referat mit: von etwa 13 000 Fahrzeugen am Tag auf etwa 7000 zwischen Schmuckerweg und Bajuwarenstraße im Jahr 2022. Eine erneute Verkehrszählung im vergangenen Jahr habe den Trend bestätigt. Auch habe der Umbau zu mehr Verkehrssicherheit beigetragen. In den drei Jahren vor der Umgestaltung habe es insgesamt 49 Unfälle gegeben, in den Jahren 2023 bis 2025 nur noch 28.

Danner widerspricht dieser Darstellung und gesteht einen eigenen Irrtum ein. Der Verkehr habe aus seiner Sicht nur geringfügig abgenommen – und nicht um nahezu die Hälfte. Weil ein „anderer Player“ dazugekommen sei. Eine Entwicklung, die er – und viele andere, wie er sagt – falsch eingeschätzt hätten. Direkt nördlich der Truderinger Straße ist in den vergangenen Jahren ein Gewerbegebiet entstanden, das einen deutlichen Kontrast zur mit kleinen Geschäften belebten Truderinger Straße bildet: Mehrere große Supermärkte, Discounter, Drogeriemärkte und andere Geschäfte haben sich dort angesiedelt – und ziehen, so Danner, Unmengen von Verkehr an. „Und der belastet die Truderinger Straße. Das habe ich so nicht kommen sehen.“

Warum aber ist es genau dort nicht möglich, gesonderte Fahrradstreifen einzurichten? Dies hänge immer von der Gefahrenlage sowie weiteren Faktoren ab, so das Mobilitätsreferat. Vereinfacht lasse sich sagen: „Je niedriger die vorgegebene Geschwindigkeit ist, desto geringer ist die bestehende Gefahrenlage.“ Zudem sei „in geschäftsberuhigten Bereichen im Sinne von Tempo-20-Zonen wie der Truderinger Straße“ die Einrichtung von Schutzstreifen und Radstreifen „rechtlich ausgeschlossen“, so das Mobilitätsreferat. Und die Radfahrer müssten sich an die Piktogramme halten. Radverkehr finde zwischen Bajuwarenstraße und Schmuckerweg auf der Fahrbahn statt, heißt es, unerlaubtes Fahren auf den Gehwegen stelle indes einen Verkehrsverstoß dar und könne durch die Polizei geahndet werden.

Dem BA-Vorsitzenden Ziegler reicht das nicht. Er will Lösungsvorschläge seitens der Stadtverwaltung und bringt selbst einen ins Spiel. „Dann muss die Straße eben wieder um einen Meter erweitert werden, dann könnte man Streifen für die Radler einrichten.“ Dass es so kommen wird, zweifelt er aber selbst an – auch weil der Umbau mit Kosten von etwa zehn Millionen Euro nicht ganz billig war. „Es ist total absurd. Überall in der Stadt baut man neue Radwege“, sagt Ziegler. „Und in Trudering baut man eine ganze Straße neu und vergisst die Radfahrer.“

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