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Nachverdichtung in Trudering:Solitär im Einerlei

Kulturzentrum Trudering, 2020

Das Gebäude hat Charakter, die Straße, an dem es liegt, eher nicht. Vorerst schmückt das Kulturzentrum Trudering eine Wasserburger Landstraße, die nach Meinung der Experten untergenutzt und heterogen ist, gesäumt von Reihenhäusern, Autowerkstätten und Fachmärkten.

(Foto: Catherina Hess)

Das Kulturzentrum ist einer der wenigen markanten Punkte an der gesichtslosen Wasserburger Landstraße. Mit gezielter Nachverdichtung soll sie sich langfristig zum Boulevard wandeln

Mal hoch, mal klein, mal Vorgärten, mal Läden, dazwischen Handwerk, auch kleine Grünflächen: Wer die Wasserburger Landstraße entlangfährt, verliert oft die Orientierung, denn die Randbebauung wirkt wie ein Einheitsbrei. Es gibt wenig markante Punkte wie das Truderinger Kulturzentrum. Die Stadtverwaltung versteigt sich gar zu der lyrischen Formulierung, die Straße kenne keinen Anfang und kein Ende. Heterogen, ohne Rhythmus, untergenutzt, lautet das Urteil. Doch das Planungsreferat hat, angestachelt vom Bezirksausschuss Trudering-Riem, mit einer Rahmenplanung aus einem Guss einen Anfang gemacht für gezielte Nachverdichtung und Aufwertung, die im Stadtrat bereits hohe Anerkennung fand. Am Ende könnte aus der Wabula, wie die Einheimischen sie nennen, ein echter Boulevard werden.

Dieses Ende liegt allerdings in weiter Ferne, denn man hat es hier nicht mit einer städtischen Fläche oder einem bauwilligen Investor zu tun, sondern mit zahlreichen Eigentümern in verschiedenen Lebenssituationen und mit ebenso vielen Interessen. Die Stadt spricht von einem Planungshorizont bis 2040, der inzwischen ausgeschiedene Truderinger CSU-Stadtrat Hans Podiuk rechnet mit noch einmal zehn Jahren mehr. Hier denkt man also strategisch in die Zukunft, auch wenn der Bezirksausschuss einen schnellen Start der Umsetzung fordert. Die Anlieger sollen und müssen dabei so früh wie möglich eingebunden werden.

Trudering ist in weiten Teilen Gartenstadt, Nachverdichtung wird da als Übel betrachtet. Entlang der Wabula aber sah der Bezirksausschuss Potenzial, durchaus auch für Wohnungsbau. "Wo Nachverdichtung sinnvoll ist", nannten die Antragsteller Georg Kronawitter und Magdalena Miehle (beide CSU) im September 2016 ihre Initiative. Die existierenden Bebauungspläne seien längst veraltet, mit Bauen nach Paragraf 34, der die Umgebung zum Maßstab macht, komme man hier nicht weiter.

Die Stadt nahm den Ball auf, sie wählte die Wabula als Vorreiterprojekt für zeitgemäße Entwicklung entlang von Hauptstraßen - die auch für die Freisinger, Dachauer, Ingolstädter oder Landsberger Straße infrage komme. Bestandsaufnahme, Einbinden des örtlichen Gewerbevereins, organisierte Spaziergänge führten zu einem "Entwicklungsgerüst" mit fünf Bereichen. Von West nach Ost wurden sie bezeichnet als Truderinger Park, Truderinger Linse, Ost, Friedenspromenade/Riemer Park, Drosselweg bis Rotkehlchenweg und Quartierzentrum Waldtrudering. Die Strecke ist vier Kilometer lang, das Untersuchungsgebiet umfasst 26 Hektar.

Ein Gerüst für die Entwicklung

Das Konzept der Stadt sieht fünf Teilbereiche vor. Im Einzelnen ist von West nach Ost folgendes vorgesehen:

Der Bereich "Truderinger Park" erstreckt sich zwischen Bajuwaren- und Feldbergstraße. Hier liegen inmitten von Reihenhäusern rechts und links das Kulturzentrum und die Festwiese. Als Leitmotiv gilt daher "Kultur im Park": Das vorhandene Grün bis hin zur Bezirkssportanlage soll aufgewertet werden, man will prüfen, ob Grund- und Mittelschule Erweiterungspotenzial haben, die Fußverbindung zum Straßtruderinger Quartierzentrum soll verbessert werden.

Der Bereich "Truderinger Linse" bis hin zur Reiserstraße ist geprägt durch Reihenhäuser. Er steht unter dem Leitmotiv "Flatiron": Am Ostende der Truderinger Straße böte sich ein Eck an für ein markantes dreieckiges Gebäude, neun Stockwerke hoch. Auch drumrum sieht die Stadt Nachverdichtungspotenzial, will aber auch Quartiersplätze und "Pocket-Parks" als "Auftakt zur Gartenstadt". Der Bereich "Riemer Park/Friedenspromenade" bis hin zur Friedenspromenade ist geprägt von Autohäusern und Fachmärkten. Hier sind zwei Dinge vorstellbar, entweder das Leitmotiv "Arbeiten im Quartier" oder "Urbanes Gebiet". Für beides wichtig wäre der neue S-Bahnhalt. Die vorhandenen Hochhaus-Ideen müssten mit der Münchner Hochhausstudie abgestimmt werden.

Der Bereich "Gartenstadt Waldtrudering" bis hin zum Rotkehlchenweg weist Ein- und Mehrfamilienhäuser auf. Unter dem Leitmotiv "Wohnen im Quartier" wird es hier um "verdichtetes Wohnen in offener Bauweise" gehen. Ausnahme: ein zweites "Flatiron" am Drosselweg für Büros oder ein Hotel mit bis zu zwölf Geschossen.

Der Bereich "Quartierzentrum Waldtrudering" bis zur Ortsgrenze Haar hat in den Erdgeschossen viele Läden vorzuweisen. Hier liegt auch das Areal des TSV Waldtrudering. Unter dem Leitmotiv "Leben im Quartier" strebt die Stadt hier nach einem "lebendigen Stadtraum für Leben, Arbeiten, Versorgung und Erholen". Die Planer sprechen von einer "Flaniermeile mit Arcaden", aber auch von Quartiersparks und einer besseren Verbindung vom Haarer Stadtteil Gronsdorf zum Schulcampus und zur S-Bahn. re

Allen Bereichen gemeinsam ist, dass Nachverdichtung auf der heute schon mit 30 000 Fahrten belasteten Route zwischen Haar und Ostbahnhof den Verkehr weiter anschwellen ließe. Noch gibt es dazu keine detaillierte Untersuchung, jedoch Vorschläge wie einen neuen S-Bahn-Halt Friedenspromenade/Riemer Park, die Prüfung einer Verlängerung der U4 bis an die S-Bahn-Achse S4/S6, die Verlängerung des Rappenwegs und natürlich mehr Busse, mehr Radwege, mehr Mobilitätskonzepte. Die Wabula selbst soll ihre Breite behalten, mehr Bäume sollen sie säumen oder teilen.

Eine Herausforderung für die Stadt wird die Schaffung von Baurecht sein, wenn bei den Eigentümern nur vereinzelt Mitwirkungsbereitschaft besteht. Rechtlich unklar ist die Frage, wie die Baurechtsmehrung zur Finanzierung der sozialen Folgekosten wie etwa des Kitabedarfs beitragen kann, Stichwort Sobon. Man müsse da flexibel sein, ohne ungerecht zu werden, eine "Lex Wasserburger Landstraße" komme jedenfalls nicht infrage. Herbert Danner (Grüne) regte an, die Wabula förmlich zum Sanierungsgebiet zu erklären, das könne manches erleichtern.

Interessant wird die Höhenentwicklung: Die Stadt spricht von einer durchgehenden Saumhöhe von 19 Metern, was vier bis fünf Stockwerken entspräche. Markante Hochpunkte aber könnten viel weiter gen Himmel streben, vielleicht sogar an der magischen 100-Meter-Grenze kratzen. Für solche Wagnisse werden planerische Wettbewerbe unerlässlich sein.

© SZ vom 19.05.2020

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