Organisierte Kriminalität:Trickbetrügerinnen ergaunern Vermögen - meist bei Senioren

Lesezeit: 2 min

Durch herzerweichende Geschichten erschlichen sie sich das Vertrauen ihrer Opfer und kassierten insgesamt mehr als 300 000 Euro ab. In München fasst die Polizei zwei junge Frauen, die wohl Teil eines größeren Netzwerks sind.

Von Martin Bernstein

Mit herzerweichenden Geschichten über unverschuldete Not und schlimme Krebserkrankungen erschlichen sie sich das Vertrauen ihrer Opfer: Mehr als 300 000 Euro haben zwei junge Frauen zumeist älteren Männern aus München und dem gesamten süddeutschen Raum abgenommen. Mit Hilfe eines aufmerksamen Sparkassenmitarbeiters und eines misstrauisch gewordenen betagten Münchners ist es der Polizei in der bayerischen Landeshauptstadt jetzt gelungen, zwei aus Österreich operierende junge Frauen in Bogenhausen festzunehmen. Die Ermittlungen gegen mögliche weitere Täterinnen und deren mutmaßlich aus Serbien stammende Hintermänner gehen aber weiter.

Seit März führt das für Trickbetrugsfälle zuständige Münchner Kriminalkommissariat 65 Ermittlungen zu dieser Serie von Betrugsfällen, die hauptsächlich zwei Tatverdächtige begangen haben. Ein Mitarbeiter einer Münchner Stadtsparkassen-Filiale hatte Verdacht geschöpft, als ein ihm bekannter über 60 Jahre alter Mann immer wieder höhere Bargeldbeträge abhob. Mit Zustimmung seines Kunden wandte sich der Bankmitarbeiter an die Münchner Polizei. Eine erfahrene Ermittlerin, die 48 Jahre alte Kriminalhauptkommissarin Angelika S., heftete sich an die Fersen der Betrügerinnen. In kurzer Zeit stieß sie, auch mit Hilfe von Telefondaten, auf zahlreiche Geschädigte. Mehrere der geschröpften Männer - nur einzelne Frauen waren unter den Opfern - leben in München, einer in Planegg, andere in Landshut, Rosenheim, Regensburg, Neustadt an der Donau, im Allgäu, in Ravensburg und in Lübeck. Den Frauen werden nach dem momentanen Ermittlungsstand mehr als 20 Taten zugerechnet, die bis ins Jahr 2015 zurückgehen.

Die Täterinnen täuschen meist Notlage-Situationen vor

Die Masche der Frauen war immer ähnlich. Sie kontaktierten gezielt Passanten, überwiegend Senioren, auf öffentlichen Plätzen, vor oder sogar in Kirchen - manchmal war ein gemeinsames Gebet der Auftakt. Die 21 Jahre alte Serbin und ihre ebenfalls aus dem Balkanland stammende 34 Jahre alte Komplizin, die die österreichische Staatsbürgerschaft hat, fragten zunächst nach Arbeit oder gezielt nach kleineren Geldbeträgen. Dabei täuschten sie individuelle Notlage-Situationen vor: Sie könnten die Miete nicht zahlen, hieß es. Oder ein naher Angehöriger sei plötzlich schwer erkrankt. In mehr als 20 Fällen gelang es den beiden Frauen, den Kontakt zu den angesprochenen Personen aufrechtzuerhalten und über die Zeit deren Vertrauen zu erlangen.

Dabei wurden die Geldforderungen immer unverschämter. Insgesamt entstand ein Schaden von mehr als 300 000 Euro, in einem Fall gab ein Opfer allein mehr als 100 000 Euro her. Immer versprachen die Frauen, das Geld zurückzuzahlen - was nie geschah. Manchmal traten auch drei Frauen auf - nach der Mittäterin und möglichen weiteren Komplizinnen und auch Opfern wird noch gesucht. In einigen Fällen hatten die Frauen Kinder dabei. Die Münchner Kriminalpolizei geht von einem organisierten kriminellen Netzwerk von Hintermännern aus, für die die Frauen arbeiteten.

Mitte Juni 2022 meldete sich ein mehr als 80-jähriger Münchner beim Kommissariat 65 und gab an, erneut Kontakt zu den Tatverdächtigen zu haben. Er hatte bereits seit September 2020 Kontakt zu den tatverdächtigen Frauen und ihnen seither gut 50 000 Euro bei mehreren Treffen übergeben. Er vereinbarte ein weiteres Treffen mit den Tatverdächtigen. Am vergangenen Freitag gegen 14 Uhr konnten daraufhin in Bogenhausen die 21-jährige Serbin und die 34-jährige Österreicherin festgenommen werden. Die beiden Frauen befinden sich derzeit in Untersuchungshaft. Ihre Kinder hatten sie zum Zeitpunkt der Festnahme nicht dabei. Sie sollen in Österreich bei Verwandten sein.

Ob eine spezialisierte kriminelle Bande oder möglicherweise sogar eine Gruppierung der Westbalkan-Mafia hinter den Taten steckt, könnten weitere Ermittlungen ergeben. Gemessen an der Zahl der Tatverdächtigen steht die organisierte Kriminalität serbischer Herkunft in Bayern unter den ausländischen Gruppierungen an vierter Stelle.

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