Coronavirus:Münchner Kliniken bereiten sich auf Triage vor

Bereits die Hälfte der planbaren Operationen ist abgesagt. Die städtischen Krankenhäuser appellieren an Studierende, auf Station oder im Labor mitzuhelfen, um die Versorgung zu sichern.

Von Nicole Graner und Lea Kramer

Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus steigt rasant. Immer mehr Menschen müssen auf Intensivstationen behandelt werden. Auch in München werden die Betten knapp. Die vierte Welle der Corona-Infektionen ist in der Stadt mit voller Wucht eingetroffen. Am Donnerstag meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) für München eine Inzidenz von 694,8.

Einen Tag zuvor hatte die Regierung von Oberbayern angesichts der düsteren Prognosen die Schwerpunktkliniken im Regierungsbezirk angewiesen, nicht dringend medizinisch notwendige Operationen bis Mitte Januar abzusagen oder zu verschieben. Davon ist auch das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Neuhausen betroffen. Nur noch Eingriffe, die nicht aufschiebbar sind, wie zum Beispiel die Operation eines schnell wachsenden Tumors, werden dort noch vorgenommen.

Von den 26 Intensivbetten sind zehn mit Covid-Patienten belegt, zwölf weitere Infizierte liegen auf der Normalstation. Mehr als die Hälfte der Intensivbetten ist also theoretisch noch frei, doch diese Momentaufnahme ist trügerisch. "Es füllt sich", sagt Christine Beenken, Sprecherin des Krankenhauses, "am Abend sind die Betten immer voll." Die Lage sei sehr angespannt, deshalb berichtet auch die Pressesprecherin und keiner der leitenden Ärzte oder Ärztinnen.

"Bei denen ist Land unter", sagt Beenken. Da die notfallmedizinische Abteilung der Klinik unter anderem jahrelange Erfahrung in der Behandlung von akutem Lungenversagen hat, sind ihre künstlichen Lungenmaschinen - sogenannte Ecmo-Systeme - seit der Pandemie gefragt. "Manchmal müssen wir nein sagen und Patienten ablehnen", sagt Beenken.

22 freie Intensivbetten in München, keins mehr im Landkreis

Ähnlich eng sieht es bei den anderen Münchner Kliniken aus. Dem Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) zufolge waren am Donnerstagmittag von 455 Intensivbetten in der Landeshauptstadt gerade noch 22 frei. Das entspricht einer Auslastung von mehr als 95 Prozent. Demnach werden 117 Covid-19-Fälle auf der Intensivstation behandelt, 62 von ihnen werden über einen Luftröhrenschnitt beatmet oder sind intubiert. Im Landkreis war keines der Intensivbetten mehr frei.

In den vergangenen Tagen hatte die München Klinik in den sozialen Netzwerken einen Aufruf an alle Studierenden der Medizin oder der Naturwissenschaften gestartet. "Student*innen gegen die 4. Welle - helft mit auf Normal- und Intensivstation oder im Labor!", schreibt die städtische Gesellschaft dort. Es gehe darum, in den kommenden Wochen, über die Feiertage und in der Zeit bis Ende März "die Versorgung der Münchner Bürgerinnen und Bürger aufrecht zu erhalten".

Laut München Klinik liegen in ihren vier großen Krankenhäusern - Bogenhausen, Harlaching, Neuperlach, Schwabing - derzeit 100 Covid-19-Patienten. Davon werden 67 auf Normal- und 33 auf Intensivstationen behandelt. Neun weitere Patienten gelten noch als Verdachtspatienten. Intensivbetten sind, so sagt Axel Fischer, Geschäftsführer der München Klinik, "per se nicht mehr frei". Und er spricht von einer "sehr angespannten Lage" in den Krankenhäusern. Vor allem weil man absehe, dass "die Situation noch schwerer" werde.

Schon seit vergangener Woche hat die München Klinik die Hälfte der elektiven, also planbaren Operationen, zurückgefahren. Dazu gehören zum Beispiel Fußoperationen oder Eingriffe für den Gelenkersatz. Semielektive Fälle sind zum Beispiel bestimmte Tumoroperationen, die noch ein bisschen warten können. Absolut dringliche Eingriffe, dazu gehören Krebsoperationen, die durchgeführt werden müssen, weil die Prognosen sonst schlechter stehen, werden, so betont Fischer, nach wie vor vorgenommen. Natürlich werden auch Notfälle wie Herzinfarkte und Schlaganfälle behandelt und Unfallpatienten versorgt. "Wir hangeln uns von Dringlichkeit zu Dringlichkeit", sagt der Geschäftsführer. Der Frust und auch das Leid der Patienten werden steigen, je mehr man Operationen verschieben müsse.

"Noch ist Luft im System. Aber nur wenn sich alle Kliniken an der Corona-Versorgung beteiligen"

Dass es seit Mittwoch nun eine Ansage durch die Regierung von Oberbayern gebe, dass Corona-Schwerpunktkliniken alle nicht medizinisch notwendigen OPs bis 10. Januar auszusetzen haben, sei "sicherlich richtig" betont Fischer. Denn manchmal brauche es dies, damit alle mitmachten. Aber nur die Covid-Schwerpunktversorger stünden dann in der Pflicht. Und das seien wenige große Häuser, so Fischer. Die Kliniken in München müssten jedoch alle zusammenhalten. "Noch ist Luft im System. Aber nur, wenn sich alle Kliniken an der Corona-Versorgung beteiligen."

Je weniger Platz auf den Intensivstationen ist, desto häufiger stehen Mediziner vor einem Problem: Welcher Patient bekommt ein Bett: der Herzinfarkt oder ein Unfallopfer? Eine latente Triage, also die Priorisierung medizinischer Notfälle wegen mangelnder Kapazitäten, habe bereits begonnen, schreibt das Ärzteblatt über die Lage im Süden und Osten von Deutschland. In der München Klinik bereite man sich, sagt Geschäftsführer Fischer, auf die Triage vor, damit man "rechtlich und ethisch richtig handeln könne", wenn es sein müsse. Doch im Moment, sagt Fischer, "wenden wir die Triage noch nicht an."

Im Klinikum der Barmherzigen Brüder gibt es ein Papier zur Triage, das im Rahmen des Pandemieplans im vergangenen Jahr ausgearbeitet worden ist. Es stützt sich auf die Empfehlungen des Deutschen Ethikrats, der vor einem Jahr aktualisierte Leitlinien veröffentlicht hat. Zuletzt wurden diese im Juli aktualisiert. Darin heißt es, dass die Priorisierung der Patienten nach Erfolgsaussicht der Behandlung erfolgen solle. Differenzierungen etwa aufgrund des Alters oder der Herkunft sind untersagt.

In den Münchner Universitätskliniken sind die Mitarbeitenden ebenfalls am Limit. "Weil wir täglich mehr Intensivbetten für Patienten mit Covid-Infektionen benötigen, müssen wir immer mehr Operationssäle schließen und können die Behandlung anderer Schwerstkranker nur noch mit Mühe gewährleisten", sagt Philipp Kreßirer, Sprecher des LMU Klinikum.

Die verantwortlichen Ärzte und Ärztinnen seien täglich mehre Stunden beschäftigt, neue Intensivbetten zu organisieren. In andere Bundesländer oder gar ins Ausland habe man aber noch keine Patienten verlegen müssen. "Die Versorgung der ungeimpften Covid-Patienten auf unseren Intensivstationen findet auf Kosten und zu Lasten vieler geimpfter Patienten mit anderen schweren Erkrankungen statt", sagt Kreßirer.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, der Ehtikrat empfehle, dass Alter oder Herkunft im Fall einer Triage nur eine "untergeordnete Rolle" spielen sollten. Das ist falsch. Den Leitlinien zufolge ist eine Differenzierung nach derlei Kriterien im Fall einer Triage untersagt.

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