Psychiatrie- und Psychotherapie:LMU-Klinikum eröffnet neue Station für psychisch kranke junge Menschen

Lesezeit: 5 min

Psychiatrie- und Psychotherapie: Fröhliches Entree: die neue Transitionsstation für Jugendliche und junge Erwachsene an der Nußbaumstraße.

Fröhliches Entree: die neue Transitionsstation für Jugendliche und junge Erwachsene an der Nußbaumstraße.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

In der Transitionsstation werden Jugendliche und junge Erwachsene mit psychischen Störungen behandelt. Dort sind die 16- bis 25-Jährigen unter sich - das erhöht die Chancen auf einen Heilungserfolg.

Von Nicole Graner

Der Fußballkicker steht hoch im Kurs an diesem Donnerstagmittag. Drei Jugendliche drehen die Stangen mit viel Kraft, die Kugel knallt nur so an die Holzwände. Ganz schön laut. Dazu noch ein bisschen Heavy-Metal-Musik, ein paar Salzstangen, etwas zu trinken - fertig ist die perfekte Ablenkung.

Der Kickertisch steht nicht in einer Schule, nicht in einer Jugendfreizeitstätte. Er steht in einem Vorraum der neuen Transitionsstation des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). Hier werden Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 16 bis 25 Jahren mit psychischen Störungen behandelt, hier versuchen sich die jungen Patientinnen und Patienten mit ihrer Erkrankung auseinanderzusetzen und stabil zu werden. Für den Alltag. Draußen.

"Es ist leichter, wenn man hier Freunde findet."

Das Draußen ist bald absehbar. Für Sarah zumindest. Nach zehn stationären und zwei teilstationären Wochen kann die 16-Jährige vielleicht Anfang Juli wieder nach Hause. Bei Leonie ist das noch nicht ganz klar. "Ich kann noch keine Bäume ausreißen", sagt sie leise. Ihr Blick - ein wenig traurig, ein wenig unsicher - geht zu Sarah. Und Sarah dreht sich zu ihr. Die beiden jungen Frauen, die in Wirklichkeit anders heißen, haben sich auf der Übergangsstation kennengelernt. Ein Glück, wie beide sagen. "Es ist leichter, wenn man hier Freunde findet", sagt Sarah. "Man fühlt sich nicht so allein", ergänzt Leonie. Beide sprechen ruhig, mit wenig Gestik. Und ganz zaghafter Mimik.

Psychiatrie- und Psychotherapie: Kreativität gehört zur Therapie.

Kreativität gehört zur Therapie.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die hellen Gangwände sind noch sauber, der lichtblaue Boden blitzeblank. An den Wänden hängen gerahmte Linolschnitte. Ein roter Affe schaut da mit leicht nach oben gedrehten Augen mürrisch, skeptisch in die Welt. Eine Katze mit einem ewig langen Schnurrbart trägt einen Zylinder auf dem Kopf. Manche Bilder, wohl im Kreativraum der Station entstanden, spiegeln die Seelensprache der Patienten. Erst seit zwei Monaten gibt es diese Station. Am Freitag ist sie nun offiziell eröffnet worden.

Zum ersten Mal bieten die Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie sowie die Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie ein gemeinsames Behandlungskonzept an. In der aktuellen Versorgungspraxis werden psychisch erkrankte Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr von der Kinder- und Jugendpsychiatrie beziehungsweise -psychotherapie versorgt. Heranwachsende vom 18. Lebensjahr an von der Erwachsenenpsychiatrie.

Psychiatrie- und Psychotherapie: Kämpft für frühzeitige Therapie: Professor Peter Falkai, Direktor der Psychiatrischen Klinik an der Nußbaumstraße 7.

Kämpft für frühzeitige Therapie: Professor Peter Falkai, Direktor der Psychiatrischen Klinik an der Nußbaumstraße 7.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ein Dazwischen gab es bis jetzt nicht. Was für Peter Falkai, Direktor der Psychiatrischen Klinik an der Nußbaumstraße 7, "kein guter Zustand" war. "Ein 18-Jähriger war da plötzlich mit 40- und 50-Jährigen zusammen." Und das in einer Zeit des Heranwachsens, in einer ganz wichtigen Phase des Lebens. 75 Prozent der psychischen Erkrankungen fielen, sagt der 60-jährige Psychiater und Psychotherapeut, in die Phase zwischen dem 16. und 25. Lebensjahr. In dieser Zeit sei es besonders wichtig, gut und intensiv zu behandeln. "Je früher, desto besser" - immer wieder sagt Falkai diesen Satz. Weil er ihm wichtig ist, weil viele Erkrankungen in dieser Zeit so gemildert werden können und "gut behandelbar" sind.

Psychiatrie- und Psychotherapie: Aus der Station für depressiv Erkrankte wurde die PTS/D1.

Aus der Station für depressiv Erkrankte wurde die PTS/D1.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Vier Jahre Planungs-, ein Jahr Umbauzeit. Aus einer Station für depressiv Erkrankte wurde die PTS/D1. Nun gibt es 16 stationäre Behandlungsplätze: acht kinder- und jugendpsychiatrische, dazu acht erwachsenpsychiatrische Betten. Zwei Oberärzte, drei Ärzte, Psychologen, Sozialpädagogen, ein Ergo- und Kunsttherapeut. Ein "interdisziplinäres Team", wie Stationsarzt Mike Rüb, 30, sagt, kümmere sich um die jungen Menschen. Bald soll es noch einen Psychologen mehr geben. Er wird auch dringend gebraucht. Denn die jungen Menschen suchen die Ansprache, die Gespräche. Ständig sitzt jemand vor den Therapie- oder Ärzteräumen. Wartet geduldig, bis einer im Team Zeit hat. Trotz festgelegter Therapiestunden und -pläne. Zwei Jahre ist Rüb schon in der Klinik an der Nußbaumstraße. Aber "ganz bewusst" habe er genau auf die PTS/D1 wollen. "Ich liebe die Arbeit mit den Jugendlichen", sagt er.

Es gibt eine Wartezeit von drei Monaten

Schon jetzt gibt es für die Station eine Wartezeit von drei Monaten. Haben die psychischen Erkrankungen bei Heranwachsenden also so zugenommen? "In den letzten zehn Jahren nicht", sagt Falkai. Aber: Viel mehr Menschen nähmen jetzt Behandlungen in Anspruch. Und Corona habe in den vergangenen beiden Jahren natürlich etwas mit den jungen Menschen gemacht. Die Zunahme von "stressassoziierten Erkrankungen" wie Angst- oder Essstörungen sei, so der Direktor, "sehr deutlich". Auch Depressionen und Borderline-Störungen wie das Ritzen, also das Selbstverletzen, gehörten dazu. Auslöser für all jene Erkrankungen seien unter anderem die in Corona reduzierten sozialen Kontakte. Angsterkrankungen, Depressionen, Suchterkrankungen - die häufigsten Diagnosen in der Klinik. Und wieder wirbt Falkai für eine frühe Behandlung. Mantraartig.

Eine frühe Behandlung setzt das Erkennen einer möglichen Erkrankung voraus. Die wichtigsten Fragen in der Familie seien, wenn Eltern spürten, dass sich Kinder zurückzögen: "Wie geht es Dir? Du bist so still geworden. Kannst Du nicht schlafen?" Das Verhalten "wertschätzend spiegeln" sei ein wichtiger Anfang, erklärt Falkai. "Die Menschen haben einen Leidensweg, weil sie nicht funktionieren. Das stört sie selbst am meisten." Dann müsse man ihnen eine Hand reichen. Tue man das nicht, dächten die Betroffenen, ihr Verhalten sei normal. Über die Aufnahme in die Klinik entscheiden dann die Ärzte, die Familie und vor allem der Betroffene selbst.

Welche Erkrankung, welche Diagnose Leonie und Sarah haben? Darüber wollen sie nicht sprechen. Das tun sie höchstens untereinander. Auch auf der Station erzählten sie nicht jedem alles, wie sie sagen. Beide sind "froh", einen Platz bekommen zu haben. Beide haben lange darauf gewartet. Doch diesen Schritt zu gehen, sei nicht leicht gewesen, sagt Leonie. Für sie nicht und nicht für ihre Familie.

Autonomie ist wichtig für den Therapie-Erfolg

Kein Lärm, keine Musik, kein krachender Torschuss. Die drei Jugendlichen haben keine Lust mehr auf Kickern. Sie schlendern durch den Gang zurück in ihre Zimmer. Ein paar Minuten später machen sie einen kleinen Ausflug nach draußen. Autonomie sei für den Erfolg der Therapie ganz wichtig, sagt Rüb. Und so melden sich die Jugendlichen ab, wenn sie gehen, und wieder an, wenn sie zurückkommen. Auch Leonie und Sarah sind viel draußen, gehen spazieren, hören im Garten Musik. Mal kommen Eltern zu Besuch. Die 18-Jährige kann, weil sie gerade teilstationär behandelt wird, abends sogar nach Hause zu ihrer Familie. Und sie dächten viel nach, sagen beide. Über sich, über das Krankheitsbild, über die Zukunft. Sie hinterfragen sich. "Kümmern" sich um sich selbst. Lernen, sich wieder zu lieben.

Draußen. Das erste, was Leonie machen wird, wenn sie ihre Therapie beendet hat, ist: einen Ausflug mit ihrer Familie und ein "Hendl essen". Sie lacht. Das erste Mal während des Gesprächs. Das Essen sei "nicht gut" hier. Sarah nickt. "Typisches Krankenhaus-Essen eben", sagt die 16-Jährige. Sie freut sich, wenn sie nach Hause kann, auf ihre Freundin und möchte "gerne Urlaub machen". Ob sie das Gefühl hat, dass es ihr besser geht? Sie lässt sich Zeit mit einer Antwort. "Doch. Besser als davor", sagt sie langsam und sehr nachdenklich. Sehr leise fügt sie noch hinzu. "Es muss wieder werden!"

Transitionsstation des LMU-Klinikums, Nußbaumstraße 7. Anmeldung für 18- bis 26-Jährige: Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie | Allgemeine Informationen (lmu-klinikum.de).

Für 16- bis 17-Jährige, Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie | Anmeldung (lmu-klinikum.de)

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