Ehrgeiziges Ausbauprogramm:Ohne Hürde in die Tram

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Umbau geglückt: Oswald Utz, städtischer Behindertenbeauftragter, macht an der Tramhaltestelle Klinikum Harlaching die Probe aufs Exempel. Die MVG will nach und nach alle Haltestellen niveaugleich umbauen. (Foto: Leonhard Simon)

Die MVG will allen 172 Straßenbahn-Haltestellen einen niveaugleichen Einstieg verpassen, um auf Hublifte verzichten zu können. Doch bis alle Stationen umgerüstet sind, wird es wohl noch dauern.

Von Andreas Schubert

Menschen mit Mobilitätseinschränkung haben es in den öffentlichen Verkehrsmitteln in München nicht immer leicht. Von den mehr als 1000 Bushaltestellen ist erst die Hälfte barrierefrei ausgebaut. Bei den Trambahnen gab es bis vor Kurzem keinen einzigen barrierefreien Halt. Jetzt hat die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) damit begonnen, die Stationen der Straßenbahn umzurüsten. Am Sonntag hat sie die ersten drei davon vorgestellt. Insgesamt gibt es in München 172 Tramhaltestellen.

Mit der Gleiserneuerung auf der Linie 25 zwischen Authariplatz und Großhesseloher Brücke wurden die Haltestellen Theodolindenplatz, Klinikum Harlaching und Menterschwaige modernisiert. Für die MVG ist das der Anfang eines Systemwechsels. Bisher setzte sie bei ihren Fahrzeugen auf Hublifte. Doch die dürfen einerseits nur für Rollstuhlfahrende ausgefahren werden, nicht aber für Menschen mit Rollator. Andererseits sind diese Hublifte sehr störanfällig. Besonders im Winter, wenn Rollsplit die Mechanik verdreckt, fallen sie oft aus.

"Ich muss immer davon ausgehen, dass der Hublift kaputt ist"

Oswald Utz, Rollstuhlfahrer und Behindertenbeauftragter der Stadt, fährt deshalb auch nicht mit der Tram. Darauf sei kein Verlass, sagt er. "Ich muss immer davon ausgehen, dass der Hublift kaputt ist." Dass die MVG nun die Stationen nach und nach entsprechend umrüstet, begrüßt er - und spricht davon, dass die MVG inzwischen zu einer "Verbündeten" geworden sei. Früher musste der Behindertenbeirat immer wieder Diskussionen führen, wie und ob Barrierefreiheit notwendig ist.

An der Haltestelle Klinikum Harlaching zeigt sich, dass Rollstuhlfahrer nun ohne Hilfe in die Straßenbahn kommen. Um einen niveaugleichen Einstieg zu ermöglichen, wurde der Bahnsteig auf 25 Zentimeter über der Schienenoberkante angehoben. Was zunächst recht einfach klingt, ist das Ergebnis einer aufwändigen Planung. Bei der muss unter anderem der Verschleiß von Schienen und Rädern berücksichtigt werden, ebenso die Tatsache, dass sich ein gefedertes Fahrzeug bei voller Besetzung um etwa zwei Zentimeter senkt.

Und ob eine Haltestelle auf ganzer Länge barrierefrei gestaltet werden kann, hängt stark von den örtlichen Gegebenheiten ab. In vielen Fällen müssen die Planer einen Kompromiss finden - etwa, wenn die Haltestelle nicht vollständig gerade ist. Denn dann ist der Abstand zwischen Bahnsteigkante und Fahrzeug größer als fünf Zentimeter. Um diesen Spalt zu überbrücken, muss der Fahrer oder die Fahrerin dann doch aussteigen und eine sogenannte Faltrampe auslegen.

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Die MVG strebt an, zumindest an den vorderen beiden Türen einen barrierefreien Einstieg zu ermöglichen. Zusätzlich werden die Stationen mit taktilen Leitelementen ausgestattet, um auch Sehbehinderten den Einstieg zu erleichtern. "Aus Einsteigen wird eintreten", sagt Oliver Glaser, bei der MVG Leiter des Bereichs Schiene. Langfristig wolle man auf Hublifte komplett verzichten. Weil das Ein- und Ausfahren der Lifte immer eine Weile dauert, verzögert sich auch die Weiterfahrt entsprechend. Die neuen Haltestellen, so Glaser, trügen deshalb auch zu einem stabileren Betrieb bei. MVG-Chef Ingo Wortmann betont zudem, dass alle Fahrgäste davon profitierten. "Früher hätte man gesagt, die Haltestellen werden behindertengerecht, heute spricht man von nutzerfreundlich."

Bis alle Haltestellen umgebaut sind, könnte es noch 50 Jahre dauern

Die neuen Haltestellen Carl-Amery-Platz der Linie 25 und Scheidplatz Süd (Linie 12), die nächstes Jahr neu eröffnet werden, sind ebenso barrierefrei. Zum Umbau stehen die Stationen Isartor, Deutsches Museum und Olympiapark West an. Bei den geplanten Neubaustrecken wie West- und Nordtangente ist die Barrierefreiheit von Anfang an vorgesehen. Bis irgendwann alle bestehenden Haltestellen umgebaut sind, werden noch 30 bis 50 Jahre vergehen. Und der Umbau wird teuer. Die Kosten liegen, je nach den Gegebenheiten, zwischen 300 000 und zwei Millionen Euro pro Haltestelle.

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