Dicht gedrängt huschen an diesem adventlichen Abend die Menschen auf den Gehwegen an der Fürstenrieder Straße aneinander vorbei. An ein schnelles Vorankommen ist aber während der Hochphase der Weihnachtseinkäufe nicht zu denken, auch nicht an der Kreuzung der Fürstenrieder mit der Gotthardstraße, deren Überquerung einem Spießrutenlauf gleicht. Denn den Takt auf Laims belebtester Straße bestimmt seit bald zwei Jahren eines der wichtigsten und größten Infrastrukturprojekte Münchens: der Bau der Tram-Westtangente.
Thomas Fladung sieht von seinem Geschäft an der Kreuzung aus direkt auf die Megabaustelle. Er hört sie seit Mai 2024 nahezu jeden Tag. Und mehr noch: Sie bedroht den Betreiber des Ladens Heidi Foto in seiner Existenz. „Klar, der klassische Fotoeinzelhandel ist rückläufig, und wir hatten auch während Corona massiv zu kämpfen“, sagt der Geschäftsführer. Aber die Baustelle habe das Fass zum Überlaufen gebracht.

Seit mehr als 50 Jahren gibt es das Fachgeschäft Heidi Foto in Laim, seit nunmehr 27 Jahren am Standort der Kreuzung der Gotthard- mit der Fürstenrieder Straße. Aber Ende des Jahres, sagt Fladung, ist mit dem klassischen Verkauf Schluss – die Einbußen seien mittlerweile zu gravierend. Der Ausverkauf läuft schon, auf einer Theke liegen unzählige Fotokameras, Leicas, Canons, Nikons. Alle beklebt mit dem kleinen Schild „Sonderpreis“. Nur noch mit dem Studio wird er dann als Untermieter am traditionsreichen Standort bleiben. Den Rest des Geschäfts wird er in eine „Nebenlage“ umziehen, wie er sagt.
Ist die Baustelle der Westtangente der Todesstoß für den Einzelhandel in Laim? Und das in einer Straße, die getrost als das pulsierende Herz des Stadtviertels bezeichnet werden kann. Zwischen der Gotthard- und der Agnes-Bernauer-Straße findet sich auf nur wenigen Hundert Metern alles, was benötigt wird, um den Alltag bestreiten zu können – und ihn auch zu verschönern und zu versüßen. Von der Metzgerei Franz, einer der wenigen verbliebenen Metzgereien im Viertel, über Supermärkte, Apotheken, ein Ärztezentrum, Drogerien, eine Buchhandlung bis zum Fahrradhändler, Schreibwarengeschäft, Döner-Imbiss, Kiosk und Juwelier.
Im Schaufenster des Geschäfts von Florian Wieser glitzert die exklusive Auslage. Uhren, Ketten, Ohrringe, Armbänder, Ringe – eine fein sortierte Auswahl, die das Potenzial besitzt, es in diesen Tagen zum Weihnachtsgeschenk zu schaffen. „Aber wie Sie sehen: Es ist Vorweihnachtszeit, und der Laden ist leer“, sagt Wieser. Und das Weihnachtsgeschäft? „Das findet kaum statt.“

Seit 1977 gehört seiner Familie das Geschäft an der Fürstenrieder Straße. Und in all den Jahrzehnten hat sich der Traditionsladen behauptet, auch gegen Corona und die Konkurrenz durch den Online-Handel. Aber die Baustelle, so der Juwelier, habe Auswirkungen, die bald bedrohlich werden könnten. „Die Frequenz bei uns im Laden ist vollkommen eingebrochen – um 60 bis 70 Prozent“, sagt er. Kunden, die früher mit dem Auto gekommen seien, mieden die Fürstenrieder wegen der Bauarbeiten komplett. „Aber auch viele andere schreckt die Baustelle ab, die Übergänge, die sich ständig ändern, Bushaltestellen, die andauernd verlegt werden“, klagt Wieser. „Viele unserer Stammkunden sind schon älter. Und für die kann es natürlich beschwerlich sein.“
Eine seiner älteren Stammkundinnen, die kaum mehr etwas sehe, erzählt Wieser, habe mit dem Taxi in den Laden kommen wollen, sei dann aber vom Fahrer irgendwo herausgelassen worden. „Die ist dann gleich wieder mit dem Taxi heim, weil sie sich einfach nicht ausgekannt hat. Wir haben sie dann bei ihr zu Hause besucht.“
Edles in der Auslage gibt es auch ein paar Meter weiter in der Filiale der Confiserie Miksch zu sehen. Und zwei Verkäuferinnen, die einem mit einem Strahlen die mit Eierlikör gefüllte Praline über die Theke reichen, auf der es sich ein paar Nikoläuse aus Schokolade gemütlich gemacht haben. Seit 47 Jahren arbeitet Claudia Emler in dem Pralinenladen, den es bereits seit 1960 an diesem Standort gibt; seit 1990 unter dem Namen Miksch. Christine Riepl gehört seit zwei Jahren zum Team.

Und der Job mache „wahnsinnig viel Spaß“, sagen beide. Auch wenn seit der Einrichtung der Baustelle im Frühjahr 2024 deutlich weniger los sei. Sie berichten, dass vor allem ältere Stammkunden gar nicht mehr oder deutlich seltener in den Laden kämen. „Und jeder Zweite, der reinkommt, jammert über die Baustelle“, sagt Emler. „Momentan ist es aber schon etwas besser, bis vor zwei Monaten hatten wir noch einen Graben vor der Haustür, da kamen Rollstuhlfahrer oder Eltern mit dem Kinderwagen gar nicht mehr durch.“ Aber nun ziehe das Weihnachtsgeschäft, sagt Riepl, derzeit etwas an. „Und wir haben schon die Hoffnung, dass es im Februar etwas besser wird“, ergänzt Emler.
Mit diesem Datum sind im ganzen Stadtviertel große Hoffnungen verbunden. Denn dann soll der erste Teilabschnitt der Tram-Westtangente von der Ammersee- bis zur Agnes-Bernauer-Straße in Betrieb gehen. Allerdings werden die Bauarbeiten an den weiteren Abschnitten noch länger andauern: Im zweiten Halbjahr 2028 soll der Abschnitt von der Ammerseestraße bis zum Ratzingerplatz eröffnet werden, Ende desselben Jahres die Trasse vom Romanplatz bis zur Agnes-Bernauer-Straße in Betrieb gehen.


Für die Menschen in der so belebten Fürstenrieder Straße aber dürfte die Inbetriebnahme des ersten Abschnitts gerade zwischen Agnes-Bernauer- und Gotthardstraße einem Aufatmen gleichkommen. Immer wieder klagten Menschen über die Belastungen durch die Baustelle, Anwohner berichteten von Rissen in ihren Wohnungen, die sie auf die Erschütterungen durch die Bauarbeiten zurückführten, ärgerten sich über gesperrte Seitenstraßen oder die ständig wechselnden Führungen über die Baustelle.
Ähnliche, wenngleich nicht so gravierende Einschränkungen erlebte Erhan Tezel vor mehr als 40 Jahren, wie er berichtet – beim Bau der U-Bahn nach Laim. „Als ich damals nach Laim kam, ist das letzte Stück gemacht worden“, sagt der Betreiber des Ladens Foto-Sofort. „Aber so schlimm wie jetzt bei der Westtangente war es nie.“

Mit der neuen Tram-Linie kann der Ladenbesitzer grundsätzlich nicht viel anfangen, sondern bezeichnet sie als „Attacke gegen die Autofahrer“. Und genau die kämen auch nicht mehr in seinen Laden, auch Freunde mieden die Fürstenrieder bewusst. Und sein Geschäft leide unter der Baustelle. „An guten Tagen sind es 30 Prozent weniger Umsatz, an schlechten 50“, sagt Tezel. Ans Aufgeben kann und will er aber nicht denken. „Dafür macht mir die Arbeit zu viel Spaß. Und außerdem könnte ich momentan nicht einmal einen Lkw vor den Laden stellen, um auszuräumen“, sagt er und lacht.
Zum Lachen ist weiter nördlich an der Agnes-Bernauer-Straße Richard Großelfinger eher nicht zumute. Der Betreiber des Schreibwarenladens Skribo sagt, die Menschen seien von der Baustelle „furchtbar genervt“ – er selbst auch. „Wir waren immer wieder fast komplett abgeschnitten, und das wirkt sich dann auf die Kunden aus“, sagt er. „Die suchen sich dann andere Wege und kommen auch nicht wieder, sondern kaufen woanders ein. Zum Beispiel in Pasing.“ Ampelschaltungen seien auf der Fürstenrieder zudem teilweise so knapp gewesen, dass ältere Menschen mit Rollator nicht über die Straße gekommen seien, berichtet Großelfinger.

Auch sein Umsatz habe sich deutlich reduziert, um etwa 20 Prozent. Und dies, so der Schreibwarenhändler, im zweiten Jahr nacheinander. „Wir leben vor allem vom Schulanfang. Da verdienen wir normalerweise das Geld, aber das war schon wieder nicht gut.“ Was ihn richtig ärgert, ist aber die Informationspolitik durch die Landeshauptstadt. Die sei „saumäßig schlecht“ sagt er, während hingegen die Münchner Verkehrsgesellschaft regelmäßig an Ort und Stelle sei. „Die kommen nach wie vor, nehmen auch Vorschläge von uns an und setzen sie manchmal auch um“, sagt Großelfinger.
Für Thomas Fladung geht es an der Kreuzung der Fürstenrieder mit der Gotthardstraße zumindest mit seinem Fotostudio weiter. Ob ihm eventuell finanzielle Entschädigungen wegen der Umsatzeinbußen aufgrund der Baustelle durch die Stadt geholfen hätten? Diese Angebote habe es bisher nicht gegeben, sagt der Ladenbesitzer ernüchtert. Von den Stadtwerken München (SWM) heißt es auf SZ-Anfrage lediglich, es hätten bereits Gespräche mit den Gewerbetreibenden stattgefunden, „um gemeinsam umsetzbare Lösungen zu finden“.
Aber auch für andere wie das Modehaus Schreiner, berichtet Fladung, komme Hilfe zu spät – es habe zusperren müssen. Im Juli dieses Jahres. „Das hat es auch 50, 60 Jahre gegeben“, sagt Fladung mit etwas Wehmut in der Stimme. Denn auch für ihn endet an der Tram-Westtangente ein Teil seiner eigenen Geschichte.

