Seinen Trambahn-Führerschein für München hat Ingo Wortmann, noch Chef der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG), dann doch nicht gemacht, obwohl er es sich fest vorgenommen hatte. Bekanntlich wechselt Wortmann im Sommer nach zehn Jahren in München zu den Verkehrsbetrieben nach Oberhausen in Nordrhein-Westfalen. Und dort wolle er die Fahrerlaubnis für die dortigen Straßenbahnen dann wirklich erwerben, sagt er. Für Wortmann ist die Tram ein unverzichtbares Verkehrsmittel, wie er schon oft betont hat. Und München hat aus seiner Sicht gut daran getan, an der Straßenbahn festzuhalten, anders als zum Beispiel West-Berlin und Hamburg, wo sie in den Sechziger- beziehungsweise Siebzigerjahren abgeschafft wurde.
Dieses Jahr feiert die MVG das 150-jährige Bestehen der Münchner Tram. Am Dienstag hat Wortmann zusammen mit dem Zweiten Bürgermeister Dominik Krause (Grüne) das Jubiläumsjahr eingeläutet, das seinen Höhepunkt dann am 17. Oktober mit einer Parade mit verschiedenen historischen und modernen Fahrzeugen und – tags darauf – mit einem Tag der offenen Tür im Tram-Betriebshof an der Einsteinstraße findet. Weitere Aktionen im Rahmen des Jubiläums sind im Internet auf mvg.de/news/150-jahre-tram zu finden, dazu gehören etwa auch Stadtrundfahrten mit der „München Tram“.
Für das Jubiläumsjahr hat die MVG unter Beteiligung des Vereins „Freunde des Münchner Trambahnmuseums“ alte Fahrzeuge aufwendig restauriert. Am Dienstag präsentierte die Verkehrsgesellschaft einen sogenannten A-Wagen aus dem Jahr 1901 und den nagelneuen Fahrzeugtypen „Avenio“ von 2025, dessen vier Glieder in den Farben unterschiedlicher Tram-Epochen gestaltet sind. Zwei dieser Avenios werden heuer in der Stadt unterwegs sein, wer sie entdeckt und an die E-Mail-Adresse tram150@mvg.de ein Foto davon schickt, nimmt an einer Verlosung für zehn „limitierte Jubiläumsartikel“ teil. Weitere Tram-Oldtimer für die Parade stammen aus den Jahren 1911, 1944, 1957 und 1967. Letztere waren noch bis 2020 im regulären Linienbetrieb.
Am 21. Oktober 1876 nahm die erste noch von Pferden gezogene Straßenbahn Fahrt auf. Sie verkehrte auf 2,8 Kilometern zwischen der Nymphenburger Straße und dem Promenadeplatz. Damals ging es gemächlich mit zwei bis drei Kilometern pro Stunde voran, bei Steigungen mussten die Fahrer zusätzliche Rösser einspannen. Von 1895 an fuhren dann die ersten elektrischen Straßenbahnen, 1900 verschwanden die letzten Pferde-Züge von den Straßen.

Die Tram überlebte zwei Weltkriege und den Siegeszug des Autos, doch die U-Bahn hätte ihr beinahe den Garaus gemacht. Die Stadt stellte Linien ein, die U-Bahn war schneller, zudem galten Busse als flexibler einsetzbar.
Unter CSU-Oberbürgermeister Erich Kiesl, der 1978 ins Amt kam, wäre die Tram beinahe abgeschafft worden, doch Kiesls Vorgänger Georg Kronawitter (SPD), der 1984 erneut als OB-Kandidat antrat, sprach sich für die Tram aus – und gewann die Wahl. Auch sein Nachfolger Christian Ude (SPD) setzte sich in den Neunzigerjahren für die Straßenbahn ein. Danach wurden Strecken reaktiviert und neue Fahrzeuge beschafft, heute gilt die Straßenbahn vielen wieder als Verkehrsmittel der Zukunft.
Das sehen allerdings nicht alle so: Bei Neubauprojekten regt sich immer wieder Widerstand, gerade die CSU im Rathaus und im Landtag zählt bei Weitem nicht zu den Trambahnfreunden. So scheiterte unter anderem die Tram-Nordtangente durch den Englischen Garten am Veto der CSU-Staatsregierung, gegen die Tram zum S-Bahnhof Johanneskirchen stemmen sich die Christsozialen genauso wie gegen die Tram-Westtangente. Die hat die CSU einst zwar mit beschlossen, doch lässt sie wenig Gelegenheit aus, gegen das Projekt zu wettern. Am kommenden Samstag wird der erste Teilabschnitt der Westtangente eröffnet. Und während die Christsozialen diesem kurzen Stück zwischen Agnes‑Bernauer‑Straße und Ammerseestraße jeglichen verkehrlichen Nutzen absprechen, ist die neue Linie 14, die fortan zwischen Pasing und Gondrellplatz über die Neubaustrecke verkehren wird, für MVG-Chef Wortmann ein echter Gewinn.
„Die Münchner lieben ihre Trambahn“, sagte Bürgermeister Krause. „Sie ist ein Stück Münchner Lebensgefühl und verbindet Menschen seit 150 Jahren.“ Die Trambahn sei ein wichtiger Baustein, um schnell und kosteneffizient Verbesserungen im Nahverkehr zu erreichen. Doch bei aller „Effizienz“, wie Krause es nennt, sind die Kosten ein Problem: Außer der Westtangente ist derzeit nur die Tram im Münchner Norden in Bau. Für die Tram in Johanneskirchen läuft noch das Planfeststellungsverfahren, weitere Projekte wie die Tram-Südtangente, die Tram in Ramersdorf-Perlach oder die auf der Wasserburger Landstraße liegen wegen der schwierigen städtischen Haushaltslage derzeit auf Eis.
Anmerkung: In einer früheren Version hieß es, die Linie 14 soll im Fünf-Minuten-Takt fahren. Tatsächlich fährt sie tagsüber nur alle zehn Minuten.


