Winterfestival auf der Theresienwiese:Tollwood beginnt - was in diesem Jahr besonders ist

Lesezeit: 3 min

Winterfestival auf der Theresienwiese: "Das soll zum Nachdenken anregen", sagt Andrey von Schlippe über den begehbaren Kunst-Ort am Eingang zum Festival-Gelände.

"Das soll zum Nachdenken anregen", sagt Andrey von Schlippe über den begehbaren Kunst-Ort am Eingang zum Festival-Gelände.

(Foto: Stephan Rumpf)

Mit Kunst und einem speziellen Aktionsort wollen die Tollwood-Organisatoren ihre Besucher dazu bringen, selber beim Klimaschutz aktiv zu werden. An diesem Donnerstag geht es los.

Von Niccolò Schmitter

Die Gretchenfrage dieser Tage ist schnell geklärt. Wie es das Tollwood-Winterfestival mit der Weltmeisterschaft in Katar hält, kann Stefanie Kneer klar beantworten. "Die WM wird bei uns nicht zu sehen sein", so die Pressesprecherin des Festivals. Dazu mussten sich die Organisatoren nicht mal zu einer Entscheidung durchringen, denn das Thema sei gar nicht erst aufgekommen. Public Viewing unter Heizlüftern mit Glühwein? Das passt zum Fußball genauso wenig wie zu einem Winterfestival. Erst recht nicht, wenn es derart unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit gefeiert wird wie in diesem Jahr.

Während mit dem Bau vollklimatisierter Stadien in Katar nicht weniger als Denkmale des Hohns gegenüber jeglichem Umweltschutz gesetzt wurden, lebt das Tollwood heuer geradezu das Gegenteil vor. Unter dem Motto "TAT-Ort Zukunft" fordert das Festival seine Besucherinnen und Besucher dazu auf, selber beim Klimaschutz aktiv zu werden und die Welt von morgen zu gestalten. "Jetzt ist die Zeit zu handeln", sagt Kneer. Dazu haben sie mit einem speziellen Aktionsort der ökologischen Lebensweise ihr eigenes, kleines Denkmal gewidmet.

Zwischen den alljährlichen Essensständen wurde heuer ein weißes Zelt aufgestellt, in dem den Besuchern ein weihnachtlich dekoriertes Festmahl aufgetischt wird. Serviert werden die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung, zu denen sich die Vereinten Nationen schon 2015 verpflichtet haben - als künstlerische Installation, versteht sich. Dazu gehören Themen wie die Agrarwende, der Schutz der Meere, aber auch Geschlechtergleichheit und hochwertige Bildung.

Im Aktionsort wird auch darüber aufgeklärt, was man selber für den Umweltschutz leisten kann. Während die Verschwendung von Lebensmitteln oder die Nutzung von Plastik zu den bekannteren Sünden gehören sollten, symbolisiert ein Fernseher an der Wand unser problematisches Streaming-Verhalten, das mehr Co₂ ausstößt als allgemein bekannt. Der TV ist tatsächlich nicht mehr funktionstüchtig, den haben die Künstlerinnen und Künstler kostenlos über Ebay-Kleinanzeigen bekommen. Genauso wie jedes andere Objekt im Zelt. Sofern es nicht aus dem eigenen Tollwood-Lager stammte, wurde alles, was hier zu sehen ist, gebraucht für wenig oder gar kein Geld erworben - als praktisches Beispiel für Nachhaltigkeit.

Winterfestival auf der Theresienwiese: Die letzten Vorbereitungen zum Winter-Tollwood laufen, am Donnerstag geht's los.

Die letzten Vorbereitungen zum Winter-Tollwood laufen, am Donnerstag geht's los.

(Foto: Stephan Rumpf)
Winterfestival auf der Theresienwiese: Bernd Panknin hängt Schmuck aus altem Besteck an seinem Stand auf.

Bernd Panknin hängt Schmuck aus altem Besteck an seinem Stand auf.

(Foto: Stephan Rumpf)

Einen künstlerischen Ausdruck seines aktivistischen Mottos hat das Tollwood-Festival auch an anderer Stelle platziert. Betritt man das Gelände auf der Theresienwiese von der U-Bahn-Station aus, trifft man auf einen "begehbaren Kunst-Ort", wie Stefanie Kneer erklärt. Auf einer Plattform befinden sich zwölf azurblaue Masten, repräsentativ für die zwölf Monate im Jahr, spielerisch verbunden durch Gummibänder. Das kreisrunde Werk führt schließlich zu einer Pyramide, versehen mit transparenten Spiegeln, darin zwei Globen: einer, der unsere Welt im jetzigen Zustand darstellt, und einer komplett in Weiß.

"Das soll zum Nachdenken anregen", sagt Andrey von Schlippe, der als Leiter Bildende Kunst von Tollwood den Kunst-Ort erschaffen hat. Der weiße Erdball symbolisiert als "Terra inkognita" die Welt der Zukunft, eine Welt, die es noch zu erschaffen gilt. Die gespiegelten Außenwände der Pyramide zeigen dagegen die eigene Rolle im Kampf gegen die Erderwärmung auf.

Alle 34 Essensstände bieten ausschließlich bio an

Auch auf praktischer Ebene geht das Winterfestival einen nachhaltigen Weg. Im Bazar-Zelt wird großer Wert auf Fair Trade und Wiederverwertung gelegt, die Organisatoren des Tollwood prüfen das auch im Einzelfall nach. Ein Stand stellt Taschen aus Teakblättern als Lederersatz her, ein weiterer produziert faire und nachhaltige Kleidung mit eigens gezeichneten schmuckvollen Bäumen als Design. In das Zelt kann man sogar sein altes Besteck bringen, das am Stand von Bernd Panknin zu Schmuckstücken eigener Wahl weiterverwertet wird.

Bei so viel Respekt vor der Umwelt müsste es konsequenterweise auch kein Fleisch auf dem Tollwood geben - so weit ist es aber noch nicht gekommen. Dafür bieten alle 34 Essensstände ausschließlich bio-zertifizierte Lebensmittel an. "Wir fordern das auch aktiv ein", sagt Kneer. Zudem werde überall mindestens eine vegetarische oder vegane Alternative angeboten, etwa die Hälfte der Imbissbuden sei sogar mindestens komplett vegetarisch.

Keine Frage, dieses Winterfestival bietet zumindest bis zum 31. Dezember Anregung zum Nachdenken, also noch über die WM in Katar hinaus. Dann wird die Gretchenfrage hoffentlich anders lauten: Wie hältst du's mit dem Klimaschutz?

Zur SZ-Startseite

SZ PlusSZ-Serie: Nachhaltig leben
:Wie Konsum das Klima belastet

Versandkartons landen im Altpapier, Klamotten bei der Altkleidersammlung: So schlimm kann Shopping also nicht sein für die Umwelt - oder? Weit gefehlt. Ein Überblick.

Lesen Sie mehr zum Thema