Deutschlands Indie-Pop-Hoffnung auf dem TollwoodWarum das Konzert von „Berq“ viel über die Gen Z verrät

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Berq war schon des Öfteren in München zu Gast – so wie hier auf dem Superbloom Festival im September 2024.
Berq war schon des Öfteren in München zu Gast – so wie hier auf dem Superbloom Festival im September 2024. IMAGO/Michaela Merk

Verlust und Trauer, Wut und Schmerz: Der 21-jährige Felix Dautzenberg alias „Berq“ beweist auf dem Tollwood, dass sich seine Generation für so viel mehr interessiert als nur für Körperoptimierung und alberne Tanzvideos.

Kritik von Linus Freymark

Wie – das war’s schon? „Tschüss, München“, ruft Berq. Und ist weg. Eine knappe Stunde ist Deutschlands neue Indie-Pop-Hoffnung da erst auf der Bühne. Die Lichter gehen aus. Feierabend. Wie heißt es doch gleich in Berqs Song „Rote Flaggen“? „Irgendwann kam viel zu schnell.“ Dieses Ende, das irgendwann kommen musste, kommt wirklich viel zu schnell.

Aber nichts da: Auf einmal ist Berq wieder zurück. Und er hat eine Überraschung im Gepäck: Ennio. Der Gast sei so geheim gewesen, dass sie sogar den Soundcheck nicht wie üblich absolviert hätten, verrät Berq. „Freut mich voll, dass es geklappt hat“, sagt er nach der Performance von „Drachenfrucht“. Danach ist Ennio wieder weg. Und Berq macht weiter damit, sein Publikum auf dem Tollwood aus der üblichen Sonntagsmelancholie in eine angenehme Traurigkeit zu versetzen – mit seinen Texten über Verlust und Liebe, Sehnsucht und Schmerz.

Felix Dautzenberg, so der bürgerliche Name des gebürtigen Hamburgers, ist seit drei Jahren einer dieser Künstler, die zeigen, dass die Gen Z sich nicht nur für Körperoptimierung und alberne Tanzvideos interessiert. Jugend ist schließlich auch heute noch viel mehr, als in Selfiekameras zu sprechen oder die Jagd nach Likes.

Berq, 21, mittlerweile ins Künstlerparadies Berlin umgezogen, bringt das wie kaum ein anderer rüber. In „Tourettes“ berichtet er in Klavierbegleitung von seinem Großvater Ingo, der seine Rente so gerne unter Olivenbäumen im Süden Frankreichs verbracht hätte und stattdessen seine kranke Frau pflegt. Das bringt ihm die Bewunderung seines Enkels ein, der sowieso mit Augen durch die Welt geht, die Dinge sehen, die anderen verborgen bleiben.

Blaue Ballons zum Beispiel. An solch einem Flugobjekt hat Berq mal den Brief eines kleinen Jungen gefunden, der an seine verstorbene Mama geschrieben hat. Der Ballon sollte die Botschaft an die Mutter im Himmel bringen. Berq hat aus den Worten des Jungen einen Song über Trauer und Verlust gemacht. Solche Texte live zu spielen, braucht Mut. Berq aber hat eine so raum- oder besser hallenfüllende Stimme, dass sein Publikum von Anfang an mitsingt, als ginge es für jeden einzelnen Zuschauer um einen Plattenvertrag. Irgendwann hat Berq die Arme voller Blumensträuße und Geschenke, es sind so viele, dass er gar nicht weiß, wohin damit. Und natürlich tanzt bei „Blauer Ballon“ ein blauer Ballon über die Köpfe.

Mal steht Berq dabei vor einer überdimensionalen Glühbirne, die ihn so anstrahlt, dass nur sein Schatten zu sehen ist, mal sitzt er auf einem Hochstuhl zwischen den Zuschauern. Das alles passiert nicht Schlag auf Schlag, zwischendrin erzählt Berq ein paar Geschichten, fragt, ob es allen gut geht. Ein wunderbar entschleunigter Gegensatz zum sonst gängigen Höher, Schneller, Weiter.

So arbeitet sich Berq durch sein Programm, spielt „Heimweg“, „Still“, „Achilles“. Und dann, nach der Einlage mit Ennio, „Rote Flaggen“. Das ist dann wirklich das Ende. Und wie das nun mal so ist mit den schönen Dingen im Leben: Es kommt viel zu schnell.

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