Montag: Tollwood-Stimmung

Die Woche starte ich gerne in einem Café mit einem guten Buch. Ganz italienisch: Cornetto und Espresso. Am liebsten mit einem Cameriere (Kellner), mit dem ich ein paar Sätze in seiner Muttersprache plaudern kann. Ich suche bewusst das südliche Flair hier im nördlichsten Teil Italiens – und zum Glück ist es leicht zu finden. Gerade quäle ich mich dazu vergnügt durch italienische Literatur, aktuell „Io non ho paura“. Auch die analytische Seite meines Hirns soll gefordert sein, nicht nur die kreative. Danach geht es ins Atelier, wo ich an neuen Bildern arbeite. Mehr als 20 Jahre war ich als Regisseur und Fotograf in der Werbung tätig. In der Pandemie hat sich mein Leben gedreht. Ich fing wieder an zu malen und Musik zu machen, wie mit Anfang 20. Für mich ist Kunst ein Raum jenseits von Konkurrenz, Ego und Bewertung. Was ganz persönlich beginnt, entwickelt eine tiefe Verbindung zwischen Menschen. Wenn ich male, höre ich Musik und kann die Zeit vergessen. Und weil ich von Live-Musik nicht genug bekommen kann, hoffe ich abends noch auf Karten für das Konzert von Joss Stone auf dem Tollwood. Doch auch ohne Ticket lohnt sich der Weg: Der Blick vom Olympiaberg über Park, Festivalgelände und Stadt gehört für mich zu den schönsten Abendstimmungen Münchens.
Dienstag: Sporteln wie Erol Sander

Dienstage beginnen bei mir meistens sportlich. Entweder geht es ins Fitnessstudio Gym oder ich schwinge mich aufs Rad und fahre den Luitpoldhügel hoch – Denkmal und Aussichtspunkt zugleich. Wo einst die Trümmer des Krieges aufgeschüttet wurden, schweift der Blick heute über ein friedliches München bis zu den Alpen. Mit Weitblick im Hier und Jetzt übe ich mich im Seilspringen. Das mache ich aus reiner Faulheit – wirklich! Erol Sander erzählte mir bei einem Fotoshooting, dass 20 Minuten Seilspringen so effektiv seien wie eine Stunde Joggen. Ich nehme ihn beim Wort. Danach geht es ins Atelier. Im Herbst habe ich eine Einzelausstellung. Trotzdem muss man einmal am Tag unter Leute. Besonders mag ich das bunte Treiben in der Türkenstraße. Ich genieße einen gesunden Lunch in der Orange Box und überfordere die Passanten mit einem typischen Monaco-Franze-Grinsen. Manche antworten vielleicht mit einem Lächeln und tragen es weiter.
Mittwoch: Kunstvolles in der Kunsthalle

Heute steht ein Fototermin an. Ich porträtiere das Team einer Münchner Klinik. Solche Aufträge sind eine willkommene Abwechslung zur isolierten Arbeit im Atelier. Ich mag die Begegnungen mit Menschen und die Herausforderung, in kurzer Zeit Vertrauen aufzubauen. Besonders schön ist es, wenn jemand überzeugt ist, unfotogen zu sein und am Ende glücklich über die Bilder ist. Als Fotograf durfte ich viele spannende Menschen wie Emma Thompson oder Antonio Banderas kennenlernen. Ein besonderes Highlight war, als sechs Werke von mir 2024 in der Kunsthalle München gezeigt wurden. Die Ausstellungen dort sind mit großer Leidenschaft kuratiert und inspirieren immer wieder. Nach einem langen Tag hinter der Kamera freue ich mich auf ein Feierabendbier im Kaisergarten. Im Sommer sitze ich gerne an der Bar im Schanigarten, genieße die letzten Sonnenstrahlen und freue mich auf unerwartete Begegnungen.
Donnerstag: Proben mit der neuen Band

Am frühen Morgen gehört die Zeit erst einmal mir selbst. Ich mag Rituale – habe aber so viele, dass ich kaum eines täglich praktiziere. Stattdessen suche ich mir je nach Laune eines aus. Wim Hoffs Geschichte zeigte mir, wie schön bewusstes Atmen sein kann – auch ohne anschließend ins Eisbad zu steigen. Mit reichlich Sauerstoff im Tank starte ich in den Tag. Mittags bin ich bei Radio Arabella zu Gast und kündige mein Konzert im Lustspielhaus am 20. Juli an. Das Lustspielhaus gehört für mich zu den besonderen Bühnen Münchens. Ein wunderbares Kulturhaus, das seit Jahrzehnten Künstler unterschiedlichster Genres auf die Bühne bringt. Für mich schließt sich dort ein Kreis, denn ich stand bereits vor rund 25 Jahren dort auf der Bühne. Am Abend folgt die Generalprobe mit neuen Songs und einer siebenköpfigen Band. Cello, Bratsche und Violine erfüllen einen lang gehegten musikalischen Traum. Sie geben den Songs eine Tiefe und Emotionalität, die mich jedes Mal berührt.
Freitag: Italienischer Abend
Nach einer Probe versuche ich meist auszuschlafen – was meistens nicht klappt. Es war viel los in den letzten Tagen und ich ziehe mich heute gerne wieder ins Atelier zurück. Abends möchte ich bewusst einmal nicht an das bevorstehende Konzert denken. Dafür gibt es einen festen Anlaufpunkt: das Pepe e Sale in der Wilhelmstraße. Einmal im Monat findet dort ein italienischer Abend mit Live-Musik statt. Die Atmosphäre ist familiär, herzlich und ungezwungen. Jeder singt mit und tanzt. Schließt man kurz die Augen, könnte man sich auf einer Piazza irgendwo in Italien wähnen.
Samstag: Stöbern in Schwabing

Heute ist Hofflohmarkt in Schwabing – vor allem für unsere Tochter ein großes Ereignis. Schon morgens wird dann geschäftiges Treiben herrschen. Cupcakes und hausgemachte Limonade werden zubereitet, aussortiertes Spielzeug zusammengetragen. An diesem Tag rückt das Viertel zusammen. Irgendwann werden die Preise großzügiger und man denkt: Hauptsache, ich muss die Sachen später nicht wieder nach oben tragen. Spätestens dann wird es bei einem Gläschen Rosé oder Bier gemütlich. Am Abend radeln wir ins Technikum zum Konzert von Kevin Morby. Die Strecke von Schwabing nach Haidhausen entlang der Isar gehört für mich zu den schönsten Radwegen, die eine Großstadt zu bieten hat. Vor der Musik kehren wir noch im Hofbräukeller am Wiener Platz ein und genießen Münchner Biergartenflair.
Sonntag: Paradiesisches München

Ausschlafen gehört nicht gerade zu meinen größten Talenten – vermutlich nicht ganz dem klassischen Künstlerklischee entsprechend. So bin ich auch sonntags um sieben Uhr auf den Beinen. Wenn es ein heißer Tag wird, fahre ich in Badehose und mit Handtuch über der Schulter Richtung Englischer Garten. Mein Ziel ist der Eisbach mit Blick auf den Monopteros. Dort springe ich ins kalte Wasser. Herrlich! Danach sitze ich am Ufer, halte mein Gesicht in die Morgensonne und genieße die Ruhe. Später werden sich die Wiesen wieder füllen: Menschen baden, picknicken, musizieren und spielen Volleyball. Dieses bunte Treiben mag ich sehr – lebendig, friedlich und voller Miteinander. Vor Kurzem habe ich Freunden aus San Francisco diesen Ort gezeigt. Sie waren begeistert von dieser Mischung aus Lebensfreude und Gemeinschaft und meinten, so etwas hätten sie noch nirgendwo erlebt. Man schimpft gerne über den Ort, den man am besten kennt – auch der Münchner macht da keine Ausnahme. Doch in Wahrheit wäre die Welt ein Paradies – wäre sie nur überall so wie hier.

Nach dem Studium der Fotografie und Filmgeschichte in Florenz studierte Mike Kraus am Columbia College in Chicago und absolvierte dort 1996 seinen Bachelor of Arts mit dem Schwerpunkt Regie und Kamera. Seither arbeitet er erfolgreich als Kameramann, Regisseur von Werbefilmen und Dokumentation und als Fotograf. Nationale und internationale Persönlichkeiten wie Antonio Banderas, Sir Michael Caine oder Emma Thompson wurden von ihm fotografisch in Szene gesetzt. Diese Porträts waren unter anderem 2024 in der Ausstellung „Unverblümt“ aus Anlass des Flower-Power-Festivals in der Münchner Kunsthalle ausgestellt. Seit 2022 legt er seinen Fokus komplett auf die Kunst, vor allem auf die Malerei. Und wie sein Vater, der Sänger Peter Kraus, ist er auch musikalisch aktiv. Am 20. Juli kommt er mit neuer Band und neuen Songs ins Lustspielhaus.

