Montag: Stand-up-Paddling

Es ist Sommer, also geht es um 8.15 Uhr zum Feringasee. Es ist höchste Zeit, hier an dieser Stelle Abbitte zu tun: Jahrelang habe ich auf der Bühne Witze gerissen über Menschen, die im Stehen auf einem Brett über den See paddeln. Sorry dafür! Inzwischen ist es so: Ich liebe Stand-up-Paddling. Es ist perfekt für Rücken, Schulter, Waden, Oberkörper und hilft gegen Bauch und Stress. Also Aufpumpen und ins Wasser damit, und dann nach Westen paddeln. Für alle Weltumsegler: Richtung New York. Also circa 250 Meter. Und dabei die Hymne der Spiders summen: „I renn’ nackert durch’n Englischen Garten … es ist Sommer in der Stadt.“ An diesem Tag liebe ich München sehr und habe das Eiskaffee-Gefühl von Berg am Laim.
Dienstag: Auf die Bühne

Nach dem heißen Montag schaut’s nach Regen aus. Hoffentlich. Denn ich spiele mein Solo-Programm „Leider“ im Theater im Schlachthof. Das Ziel: Ausverkauft. Da hilft jede Temperatur unter 28 Grad. Ich denke immer wieder daran, wie gerne ich auf der Bühne stehe. Die spannenden Sekunden hinterm Bühnenvorhang, bevor die Scheinwerfer angehen, und ich auf die Bühne marschiere. Jeder Abend ist anders. Doch mein Publikum liebt die Sprünge im Programm: vom Lachen ins Dramatische, vom Aktuellen zum Quatsch. So bin ich. Und ich habe das große Glück, davon leben zu dürfen.
Mittwoch: Ins Jüdische Museum

Seit Monaten schiebe ich den Besuch vor mir her: „Yalla“. Eine Ausstellung im Jüdischen Museum über die „arabisch-jüdischen Berührungen“. Ein Blick in die jüdische Welt von Nordafrika und Westasien. Eine Welt, die vergessen ist und zum Teil verleugnet wird. Fast eine Million Juden, arabische Juden, lebten dort seit Jahrhunderten. Nie mit den gleichen Rechten und immer wieder blutigst verfolgt. Dennoch präsent. In Algerien lebten bis 1948 ungefähr 150 000 Juden. Heute? Null. Rommel hatte bei seinem Afrika-Feldzug schon die KZ-Pläne in seiner Tasche, wie man die Juden von Nordafrika vernichten könnte. Jüdisch-arabische Künstlerinnen und Künstler haben ihre Geschichte in Kunst verwandelt. Darauf bin ich neugierig. Und anschließend heißt es am Sankt-Jakobs-Platz dreimal umfallen, dann steht man nämlich schon im Nash. Die beste Hühnersuppe, gegen Kater, Grippe und Hunger. Dazu salzige und süße Köstlichkeiten ohne Ende. Und vielleicht ist der Betreiber da, Daniel. Der Erfinder des genialen Projekts „Coffee with a Jew“. Rund um seine Kaffee-Maschine, irgendwo in der Stadt, kann man das machen, was inzwischen viel zu viele verweigern: miteinander reden.
Donnerstag: Stadtvierteltour
Tja, dieser Tag, ob Sonne oder Gewitter, ist dem Teil meines Berufs gewidmet, der der anstrengendste Teil ist: Proben, Korrekturen, Interviews, Texte schreiben, Texte lernen, Verträge ausfüllen und unterschreiben. Es steht ein neues Buch an, es gilt ein Exposé vorzulegen, alles noch SEHR geheim. Doch irgendwann muss ich raus. Mit ein paar Freunden mache ich regelmäßig Stadtvierteltouren, mit oder ohne Führung. Gesucht wird immer das Stadtviertel, das man am allerwenigsten kennt. Das unbekannte München. Und dann fahren wir dahin: Sendling, Milbertshofen und so weiter. Und dann schauen wir, was es da so gibt, Ausstellungen, Museen, Kaffeehäuser, auch Friedhöfe sind manchmal dabei, aber natürlich am Ende ein feines Gasthaus. Eine Reise ins Ungewisse in der eigenen Stadt – und es ist immer wunderschön.
Freitag: Zum Filmfest

Heute steht München kopf: Das Filmfest startet. Seit mehr als 40 Jahren rasten Münchens Kinogeher, Schauspieler, Regisseure komplett aus, wenn das Filmfest beginnt. Es ist weder das größte, noch das bedeutendste Filmfest des Universums, aber es tummeln sich doch unzählige Götter der Filmbranche in Bayerns Hauptstadt. Selbst am schönsten Biergartenabend gibt es Stau vor den dunklen Kinosälen, kein Klappstuhl bleibt drinnen frei.
Und vielleicht bekomme ich doch noch eine Karte für den Eröffnungsfilm, hochgelobt in Cannes: „Vaterland“ von Pawel Pawlikowski. Es geht um die Rückkehr von Thomas Mann in das zerstörte Deutschland im Jahr 1949. Rastlos kämpfte Thomas Mann aus dem Exil mit seinen Radioansprachen gegen die Nazis. Bei seiner Rückkehr wurde er zwar von einigen bejubelt, für die anderen war er ein Verräter. Ich muss diesen Film sehen, der so viel erzählt über die Ursprünge der Nachkriegsdemokratie. Über das sinnlose Morden und über den Schmerz des Überlebens, und über die Verlorenheit, wenn man Haus, Hof und Heimat vernichtet sieht. Hat jemand eine Karte übrig?
Samstag: Einsatz für die Eismaschine

Ich stehe wieder selbst auf der Bühne. In einem Zelt bei der „Stadtteilwoche“ in Berg am Laim. Es ist der Auftritt, zu dem ich die kürzeste Anreise habe. Von meinem Bürofenster sehe ich die bunten Wimpel über dem Zeltdach zum Greifen nah. Die Grillschwaden von meinem Catering ziehen durchs gekippte Fenster herein. Den Tag verbringe ich gemütlich zu Hause, in der Küche. Es ist höchste Zeit, meine Eismaschine heißlaufen zu lassen: Erdbeereis, Zitroneneis und das gaggerlgrüne Basilikum-Eis. (Übersetzung: „gaggerlgrün“: hellgrüngelblich). Ich glaube, es wird ein perfekter Sommertag. Werden Sie ihr eigener Gelati-Mann – es lohnt sich.
Sonntag: Operette am Gärtnerplatz

Mehrmals im Jahr wechselt meine Stimmung, was gerade mein Münchner Lieblingstheater ist. Gerade steht das Gärtnerplatztheater an erster Stelle. Um 18 Uhr geht es schon los: „Der Graf von Luxemburg“. Eine Erfolgs-Operette von Franz Lehár. Die Kritiken waren grandios, und das Gärtnerplatztheater fährt auf, was es hat: großartiges Orchester, seine wundervollen Sängerinnen und Sänger und natürlich die große Drehbühne. Die Operette spielt in Paris um 1909, es geht um Hochstapelei und Scheinhochzeit – ist also immer aktuell. Ich verlasse das Theater mit einem der vielen Ohrwürmer Lehárs: „Bist Du’s, lachendes Glück“, und schlendere damit in die Reichenbachstraße. Und hoffe, dass ich mit viel Glück auf Münchens Top-Dach-Terrasse der „Deutschen Eiche“ ein Plätzchen ergattern kann. Dann werde ich wieder allen, auch die, die es nicht hören wollen, nach einem Glaserl Rotwein erzählen, dass es mich in München als Künstler gar nicht gäbe ohne Oper und Musik. Denn meine ersten Bühnenschritte habe ich im Kinder-Chor der Oper gemacht. Diese Leidenschaft für die „Bretter“ ist geblieben. Wie schön!
Der waschechte Münchner Christian Springer gehört seit vier Jahrzehnten zu den beliebtesten und bekanntesten Kabarettisten Bayerns. Er begann im Duo „Kabarett Fernrohr“ mit Helmut Schleich und ist seit 1998 mit bislang zehn Solo-Programmen unterwegs. Seit 2013 moderiert er gemeinsam mit Michael Altinger in der Nachfolge von Ottfried Fischer die BR-Sendung „Schlachthof“. Vielbeschäftigt ist Springer auch als Autor, ob für Kollegen, für den Nockherberg oder von acht eigenen, größtenteils nicht-kabarettistischen Büchern. Nach dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs hat der Semitistik-Student und Nahost-Kenner den Verein „Orienthelfer“ gegründet und sich mit seiner inzwischen vielfach preisgekrönten Organisation ebenso unermüdlich für Not leidende Menschen in Syrien, Jordanien und dem Libanon eingesetzt wie bei vielen Gelegenheiten gegen Geschichtsvergessenheit und Antisemitismus. Mit seinem aktuellen Programm „Leider“ ist er am 23. Juni im Schlachthof zu sehen, und am 27. Juni bei der Stadtteilwoche Berg am Laim, wo er zu Hause ist.


