57 Jahre ist das jetzt her. 1969 ist Tiny Stricker von München aus in den Nahen Osten aufgebrochen. Auf den Hippie-Trail nach Südasien. Kein Abenteuerurlaub, kein Survival-Trip – ein Aufbruch vielmehr als Symbol für Freiheit, Selbstfindung und kulturellen Austausch. Raus aus dem Muff, raus aus der spießigen Welt der Generation seiner Eltern.
Tiny Stricker, Jahrgang 1949, ist längst Rentner – und doch treibt es ihn immer wieder zurück zu seinen Hippie-Abenteuern. In seinen Gedanken. Beim Wandern in den Voralpen, erst vor wenigen Jahren, auf einem einfachen Pfad, am Rand Sträucher, Farne, die Natur üppig blühend – „und plötzlich hatte ich das unmittelbare Gefühl, auf den Windungen eines Pfads oberhalb von Chittagong dahinzuwandeln. Eine Flut von Erinnerungen setzte darauf ein …“ So beschreibt es Tiny Stricker in seinem aktuellen Roman „Hippies in Chittagong“.

Autor Tiny Stricker:Hippie für drei Sommer
München engt ihn ein, deswegen geht Tiny Stricker 1969 "on the road". Sein Roman über diese Zeit, mit dem er zum deutschen Ableger der Beat Generation wird, heißt "Trip Generation". Mittlerweile ist der Beatnik ein Bildungsbürger.
1970 ist Tiny Strickers erster Roman erschienen, „Trip Generation“ – ein Stück anarchistischer Literatur, mit der er zum deutschen Ableger der Beat Generation, zum Kultautor wurde. „Ich wollte nur noch entkommen“, sagte Stricker vor einigen Jahren in einem SZ-Interview. Alle seien damals inspiriert gewesen von Jack Kerouac, von der Idee, „on the road zu gehen“, sich „der Reise überlassen“, sich „treiben lassen“.
Das Ziel seines damaligen Trips: Kathmandu. Zunächst mit dem Orient-Express nach Istanbul, von dort weiter als Anhalter, mit Bussen, mit dem Zug. Mit seinem letzten Geld kaufte er sich ein Schiffsticket nach Ceylon, das heutige Sri Lanka. Da er bei der Ankunft in Colombo keine finanziellen Sicherheiten nachweisen konnte, musste er auf dem Schiff bleiben, das nach Chittagong im heutigen Bangladesch weiterfuhr. Dort ging er von Bord. Die ganze Reise eine einzige Bewusstseinserweiterung, die „Trip Generation“ eben.
Und genau diese Erinnerungen lassen ihn bei Band 14 seiner Werkausgabe, erschienen im Verlag p.machinery, wieder in dieser Hafenstadt stranden.

57 Jahre später. Warum ist Tiny Stricker die Erinnerung an diese Zeit so wichtig? „Es war das intensivere Lebensgefühl dieser Zeit, das ich mit meinen Romanen festhalten will“, sagt er. „In Chittagong, also materiell am absoluten Nullpunkt, war dieses Gefühl wirklich am stärksten.“
Manchmal ist es das Geräusch des Windes, das Tiny Stricker zurück in die Vergangenheit führt. „Gesänge des Windes“, die „die Atmosphäre dieser Stadt heraufbeschwören, denn natürlich war das Delta, das weite, flache, von blinkenden Wasseradern durchzogene Land, eine Wirkungsstätte des Meerwindes, sein Eldorado gewissermaßen.“
Oft verstörend ehrlich ist die Beschreibung der Gebäude und Lebensumstände
Also zurück ins Jahr 1969. Drei Männer, einer der Ich-Erzähler, sind mittellos in Bangladesch gelandet. Sie schlafen in einfachen Unterkünften, oftmals auf dem Boden, halten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, verkaufen auch mal die Uhr, die sie zur Konfirmation geschenkt bekommen haben. Es passiert nicht viel an all den Tagen. Die Männer lassen sich treiben, versuchen letztlich durchzukommen, an Geld zu kommen, um weiterreisen zu können auf ihrem Trail.
„Hippies in Chittagong“ ist bei Weitem nicht mehr so schrill und wild wie Tiny Strickers Debütroman „Trip Generation“ über die gleiche Zeit – damals sofort nach der Reise niedergeschrieben, rau und ungefiltert. Beeindruckend ist aber die fast schon akribische Beschreibung der Gebäude und der Lebensumstände, nicht beschönigend, eher verstörend ehrlich – zumal der Mensch ja gerne in der Erinnerung verklärt und romantisiert.
Den ganzen Tag abhängen, irgendwie überleben, irgendwie zu Geld kommen und weiterziehen – klingt mit der Weltsicht von heute nicht unbedingt verlockend. 1969 war das anders. „Wir wollten damals dem Konsumismus und Materialismus der Nachkriegszeit, in den sich unsere Eltern nach der NS-Erfahrung eigentlich geflüchtet hatten, entgehen. Wir haben deshalb Länder aufgesucht, die unserer Auffassung nach noch vor-materialistisch und von einer anderen Werteordnung geprägt waren“, sagt Tiny Stricker. Er erinnert sich: „Ich glaube, dass ich diese menschlichere Welt in Chittagong gefunden habe. Wir haben uns dieser Welt aber noch anders, direkter ausgesetzt als die späteren Rucksacktouristen, dadurch waren auch die Berührungen intensiver.“
Notizen von der Reise damals, manchmal auf Prospekten zwischen den Zeilen notiert, besitzt Tiny Stricker nicht mehr. Er hatte auch kein Tagebuch geschrieben, Fotos gibt es ebenfalls keine.
Woher kommt dann diese detailreiche Nachbildung? Es sind die Erinnerungen an all die Gedanken, die Stimmungen, die Gespräche, die Eindrücke – „dieses ganze Gemisch kann man doch am besten durch literarisches Schreiben wiedergeben“, sagt Stricker. Eineinhalb Jahre hat er an den „Hippies in Chittagong“ geschrieben. Beeinflusst durch die Beat-Literatur hat er einen Stil entwickelt, der dieses Sich-treiben-Lassen spüren lässt. Dazu hat er Musik gehört aus der damaligen Zeit – zum Stimulieren, wie er es einmal gesagt hat.
Schreiben wie ein Hippie. Mit einer Sprache, die das Erleben möglichst unmittelbar erfasst. Auch 57 Jahre später.
Tiny Stricker, „Hippies in Chittagong“, p.machinery, 99 Seiten

