Winterschläfer:"Igel merken sich, wo sie durchlaufen können"

Winterschläfer: Dem Igel bleibt nicht mehr viel Zeit zur Vorbereitung auf den Winterschlaf.

Dem Igel bleibt nicht mehr viel Zeit zur Vorbereitung auf den Winterschlaf.

(Foto: Andreas Giessler/LBV Bildarchiv)

Man sieht sie oft in diesen Tagen, trotzdem sollte man Igel nicht einfach mit nach Hause nehmen, erklärt die Biologin Marion Dorsch. Eine Freude machen kann man ihnen aber mit einem Loch im Gartenzaun.

Von Sabine Buchwald, München

In diesen Tagen sieht man sie vermehrt durch die Blätter rascheln: große und kleine Igel. Sie scheinen auf der Suche nach Futter zu sein oder nach einem Unterschlupf. Weil sie so putzig aussehen, möchte man sie am liebsten mit nach Hause nehmen. Warum das keine gute Idee ist, erklärt die Biologin Marion Dorsch. Sie ist Igel-Expertin beim Landesbund für Vogelschutz (LBV) in München.

SZ: Frau Dorsch, wie kann man Igeln helfen, durch den Winter zu kommen?

Marion Dorsch: Ganz grundsätzlich, wenn man einen Garten hat, indem man ihn möglichst naturnah gestaltet. Das heißt, heimische Sträucher pflanzen und Wildblumen ansähen. Die sind Lebensgrundlage von Insekten, die dann wiederum vom Igel gefressen werden.

Und sonst?

Es hilft Igeln, Wasser anzubieten und einen Haufen mit Laub, Schnittgut oder Totholz übrig zu lassen, wo sie Winterschlaf halten können. Im Herbst kann noch zugefüttert werden, aber nicht mehr in den Wintermonaten, sonst gehen die Tiere nicht in den Winterschlaf. Sinnvoll ist, ihnen im Gartenzaun eine Möglichkeit zum Durchschlüpfen zu ermöglichen. Igel merken sich, wo sie durchlaufen können. Sie haben eine Art Karte im Kopf mit strategisch wichtigen Punkten. Sie mögen auch gerne dichte Hecken zum Verstecken.

Winterschläfer: Die Biologin Marion Dorsch ist die Igelexpertin beim Landesbund für Vogelschutz in München.

Die Biologin Marion Dorsch ist die Igelexpertin beim Landesbund für Vogelschutz in München.

(Foto: F. Lauer/LBV Bildarchiv)

Wann brauchen Igel zusätzliches Futter?

Das kommt auf ihr Gewicht an. Ein ausgewachsenes Tier wiegt um die 1000 Gramm und ist etwa 30 Zentimeter lang. Um die Wintermonate durchzuschlafen, braucht ein Igel mindestens 500 bis 600 Gramm. Das bringen Jungtiere manchmal noch nicht mit. Vor allem, wenn sie erst Ende August oder im September zur Welt gekommen sind.

Wie erkennt man solche besonders jungen Tiere?

Sie haben dann meistens einen eher birnenförmigen Körper. Abgemagerte Tiere sind hinter dem Köpfchen etwas eingefallen. Es ist auch kein gutes Zeichen, wenn ein Igel auf der Seite liegt. Dann bringt man ihn besser zum Tierarzt oder ins Tierheim.

Darf man Igel hochheben? Oder tut man ihnen dabei weh?

Auf jeden Fall muss man sie behutsam anheben und bitte nie ohne Handschuhe. Igel sind Wildtiere und haben auch Parasiten. Außerdem können die Stacheln piksen. Mit Handschuhen kann man den Igel auch vorsichtig auf eine Waage setzen.

Was ist, wenn das Tier unter 500 Gramm wiegt?

Dann kann man in den nächsten Wochen noch versuchen, es aufzupäppeln. Aber Achtung: Keine Milch geben, denn Igel haben eine Laktoseintoleranz und bekommen davon Durchfall. Auch kein Obst oder Gemüse füttern. Sie brauchen Fett und Proteine, um zuzunehmen. Am liebsten fressen Igel Insekten.

Die hat man aber nicht immer zur Hand.

Aber manchmal im Garten unterm Blumentopf. Da findet man oft Asseln und Ohrwürmer, die sind eine Leckerei für Igel. Sie mögen aber auch Katzenfutter aus der Dose mit ein bisschen Weizenkleie oder Haferflocken gestreckt. Man kann ihnen auch ungewürztes Rührei und angebratenes Hackfleisch anbieten. Ebenfalls ungewürzt. Eier und Fleisch niemals roh geben!

Darf man Igel nach Hause holen?

Sie stehen unter besonderem Artenschutz. Wenn sie gesund und unverletzt sind, darf man sie nicht einfach aus der Natur entnehmen und aus ihrer Umgebung rausreißen. Wenn ein Tier mal auf eine Straße gekommen ist oder unter einem Auto sitzt, dann lieber sachte zurück ins Gebüsch schubsen.

Kann man einen kleinen Igel überhaupt in der Wohnung überwintern?

Höchstens auf einem Balkon, wo es kühl ist, aber das sollte man nicht machen, wenn man sich nicht auskennt. So ein Winter ist lang und man muss sich intensiv und artgerecht um das Tier kümmern, besonders wenn es nicht schläft. Igel zu überwintern, ist ein Fall für professionelle Hände. Wenn man sich nicht sicher ist, ob es einem Igel gut geht und was man spontan tun soll, wenn man einen findet, lieber bei uns oder im Tierheim nachfragen. Ich kann auch die Webseite www.igel-in-Bayern.de empfehlen. Dort und über die gleichnamige App können alle Igel - lebendige wie tote - gemeldet werden. Das liefert wertvolle Daten zum Igelbestand in Bayern.

Sie bieten beim LBV Workshops an, um eine Igelburg zu bauen. Nicht fürs Kinderzimmer, oder?

Nein, für den Garten. So ein Häuschen hat ein kleines Schlupfloch, sollte mit trockenem Laub, Stroh oder Heu ausgelegt sein und möglichst versteckt unter Zweigen im Freien stehen.

Die nächste "Igelwerkstatt" findet am Freitag, 22. Oktober, bei trockenem Wetter statt. Beginn: 15 Uhr. Treffpunkt ist die Grünwerkstatt, Helsinkistraße 57. Eine Anmeldung ist per Mail unter: office@echo-ev.de erforderlich. Die Teilnahme ist kostenlos, die Teilnehmerzahl begrenzt. Bei der Igelwerkstatt gelten die aktuellen Hygiene- und Abstandsregeln. Bitte FFP2-Maske und Arbeitshandschuhe mitbringen.

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