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SZ-Serie: Meter für Meter:Wo alle landen, die abgeschleppt werden

Die Kleingartenanlage in der Thomas-Hauser-Straße

(Foto: Robert Haas)

Die Thomas-Hauser-Straße kennt wohl jeder Falschparker in München - aber sie hat noch mehr zu bieten. Zu Besuch in einer unterschätzten Gegend.

Von Rudolf Neumaier

Straßen sind die Lebensadern der Stadt. Viele sind bekannt, manche sind berühmt, andere erzählen einfach nur gute Geschichten. Heute: die Marchioninistraße.

Mülleimer sind die Visitenkarte einer Stadt, das ist ein alter Hut. Der Designer Mario Garcia, ein gebürtiger Kubaner, der auf der ganzen Welt unterwegs war und jetzt 83 Jahre alt ist, hat immer auf den Müll vertraut, wenn er in eine neue Stadt kam. Das Dumme ist, dass es in der Thomas-Hauser-Straße keine Abfalleimer gibt. Der Müll liegt dort auf dem Boden. Das ist nicht besonders schön, aber da wird's interessant.

Haribo-Tüten, Kaffeebecher und vor allem Zigarettenkippen. Allein die Kippen und die Häufung an tierischen Exkrementen lassen ahnen, wie belebt die Gegend ist, obwohl einem an einem stinknormalen Montagnachmittag höchstens zehn Passanten pro Stunde begegnen. Für Münchner Verhältnisse ist das extrem wenig. Aber auch wenn die Pferdeäpfel entlang der Thomas-Hauser-Straße an den Rossmist nach den Oktoberfestumzügen auf der Maximilianstraße erinnern und Wiesn-Wehmut erzeugen - man darf die beiden Straßen nicht miteinander vergleichen. München hat nun mal verschiedene Gesichter, und wenn die Maximilianstraße die Vorderseite des Januskopfes ist, dann ist die Thomas-Hauser-Straße die hintere. Morgens und abends muss hier jedenfalls ein reger Betrieb herrschen, wo sollen die Hundehaufen und Kippen sonst herkommen?

Für Michaela Gala, 52, waren die Pferdeäpfel vor neun Jahren ein Grund, aus Waldtrudering herzuziehen. Wenn die Pferde von der Pädagogischen Farm aus Berg am Laim vorbeikommen, die in ihrer Nachbarschaft liegt, gehe ihr das Herz auf, sagt sie. Frau Gala ist in Wien mit dem Hufeklackern der Fiaker-Haflinger aufgewachsen, später ritt sie professionell, heute betreibt sie eine Event-Agentur. Sie bewohnt das alte Bahnwärterhaus am Bahnübergang, ein Traumhaus. Und wenn sie von einer kleinen Radtour nach Hause kommt und ein Journalist allzu neugierig an den Gartenzäunen herumschnüffelt, dann lädt sie ihn auf einen Kaffee ein und erzählt ihm alles, was sie über die Straße weiß.

Wie bestellt, um den Wohnkomfort ins rechte Licht zu rücken, donnert ein Güterzug am Bahnwärterhaus vorbei und der Lokomotivführer hupt, während der Kaffeeautomat von Frau Gala Kaffee kocht. Die Hupe ist eine Höllenfanfare, sie geht durch Mark und Bein. "Und jetzt stellen Sie sich mal vor, wie es ist, wenn nachts um drei ein Güterzug eine Vollbremsung hinlegt", sagt die Gastgeberin. "Da quietschen die Räder, dass Sie im Bett stehen!" Aber es gebe ja auch die schönen Klänge. Die Bäume und Sträucher zwischen dem Bahngleis und ihrem Garten, in dem eine Tischtennisplatte und ein großes Trampolin stehen, sind das reinste Singvogelparadies. Auch der Siebenschläfer, ein selten gewordener Zeitgenosse unter den Schlafmäusen, ist ein Anwohner der Thomas-Hauser-Straße. Er überwintert bei Michaela Gala. Siebenschläfer schlafen monatelang so tief, dass die infernalischste Lokomotivenhupe sie nicht weckt.

Jede Münchner Straße ist ein Biotop, in der Thomas-Hauser-Straße ist die Artenvielfalt besonders groß. Vor einem Betriebsgelände, auf dem mit Heizöl gehandelt wurde, hängen Warnschilder. Hier sei äußerste Vorsicht geboten, denn es sei Rattengift ausgelegt. Auch der Buchsbaumzünsler, ein Schmetterling aus Asien, hat schon Spuren hinterlassen und Buchsbäume kahl gefressen. Und in den Kastanienbäumen haust die Miniermotte. Das Laub müsste verbrannt werden, um diesen Schädling zu bekämpfen, allein es kümmert sich niemand.

Willkommen in der Schmuddelecke? Das wäre ungerecht gegenüber den Hausbesitzern, die sich liebevoll darum kümmern, dass ihre Gärten etwas hermachen, und nichts dafür können, wenn andere Grundstücke verwahrlosen, indem die Besitzer Kastanienbäume verrotten oder einen Heizöl-Tanklastwagen in der Einfahrt eines offenbar aufgegebenen Handelsbetriebes vom Unkraut zuwuchern lassen. Der Lastwagen darf in Würde verrosten.

Im nördlichen Teil der Straße stehen Reihenhäuser, die man in ihrer Bauart als größere Schuhschachteln bezeichnen könnte, aber auch als gewöhnungsbedürftige Ergüsse heutiger Gebrauchsarchitektur. Frau Gala sagt, diese Häuser seien für jeweils 600 000 Euro zu kaufen gewesen. "Muss man mögen. Mir wär's zu eng." Die Vorgärten wirken kaum größer als Handtücher, doch hinter einem dieser Häuschen steht ein Benzinrasenmäher. Eine Tankfüllung dürfte bei der Größe des Rasens im Vorgarten für gut 20 Jahre reichen, wenn alle zehn Tage gemäht wird. Die Bewohner geben sich größte Mühe, sie haben Buddhas und Engel aufgestellt und an einem Zaungitter hängen Blumenkästen über dem Plastikefeu. Keine Frage, man kann Behaglichkeit auch künstlich erzeugen.

Die Straße ist nach einem ehemaligen Truderinger Bürgermeister benannt

Die Thomas-Hauser-Straße erstreckt sich auf zwei Stadtviertel: Die zwei Drittel südlich der Bahnschranken gehören zum Stadtteil Berg am Laim, der kleinere nördliche Abschnitt mit den Schuhschachteln zu Trudering-Riem. Bekannt ist die Straße wegen einer Institution, die für Autos ungefähr das darstellt, was Stadelheim für Menschen ist. In der Hausnummer 19 befindet sich die "Kfz-Verwahrstelle". Hier landen Fahrzeuge, die abgeschleppt wurden. Meistens liegen Parkdelikte zugrunde. Wer auf einem Behindertenparkplatz geparkt hat oder in einer Feuerwehrzufahrt, lernt die Thomas-Hauser-Straße kennen. Der klassische Münchner Luxuswagenfahrer nimmt ein Taxi, die anderen kommen eher mit dem Stadtbus, Linie 185, oder mit einem MVG-Leihrad.

Das Hinweisschild zur Verwahrstelle ist schon etwas ausgebleicht, auch das passt zur Gegend. Irgendwie scheinen sich die Berg am Laimer und die Truderinger in diesem Grenzgebiet nicht zuständig zu fühlen. "Es wäre höchste Zeit, dass die Stadt mal Mülleimer installiert", sagt Michaela Gala und beteuert, sie spreche hier auch für die anderen Anwohner. "Und warum werden hier keine Tütenspender für Hundekot aufgestellt? Im Englischen Garten geht's ja auch." Aber vielleicht soll das so sein, vielleicht will die Stadt den rücksichtslosen Behindertenparkplatz- und Feuerwehrzufahrtszuparkern, die hierher kommen, um ihre Autos auszulösen, ihre kälteste Seite zeigen.

Der Namenspatron der Thomas-Hauser-Straße müsste ein heldenhafter Verkehrsüberwacher gewesen sein oder ein Pionier des Abschleppwesens. Das würde passen. Doch Thomas Hauser wirkte in einer Zeit, die noch keine Halteverbotsschilder kannte. Er war Bürgermeister von Trudering, stammte aus einem Kirchtruderinger Bauernhof und lebte von 1845 bis 1910. Trudering wurde 1818 zur Gemeinde erhoben und am 1. April 1932 in die Stadt München eingemeindet.

Wo zu Thomas Hausers Zeiten Getreide angebaut wurde oder Kühe weideten, wächst heute Schildkrötenfutter. Ein junger Mann, der seine Vespa gegenüber dem Bahnwärterhaus abgestellt hat, streunt an diesem Montagnachmittag über die Wiese am Bahnübergang. Ob er ahnt, dass es sich um einen großflächigen Hundeabtritt handelt? Normalerweise, sagt er, suche er Futter für seine vier Schildkröten drüben an der Josephsburg. Zufällig habe er jetzt diese Wiese entdeckt.

Löwenzahn und Spitzwegerich rupft er sofort aus und steckt sie in seine Tüte, bei anderen Gräsern bemüht er erst eine Handy-App zur Pflanzenbestimmung. "Ah, Hornklee, das müsste passen." Seit 20 Jahren hält er seine Schildkröten, in einer so langen Zeit lernt man, was diese Tiere brauchen: faserreiche Gräser. "Salat ist auf Dauer schlecht, da wird der Panzer weich." Jede Woche pflückt er eine Tüte voll, mehr Platz habe er nicht in seinem Kühlschrank.

Ob dort langfristig Schildkrötenfutter zu holen sein wird, ist nicht sicher. Im Biotop Thomas-Hauser-Straße steht ein großer Umbau an. Die Bahnlinie soll zweigleisig werden, dann muss eine Überführung gebaut werden, wo jetzt noch Schranken ausreichen. Wenn die Wiese weg ist, hat sich das Problem mit den Hundekot-Tütenspendern wohl auch erledigt. Könnte unbehaglich werden.

© SZ vom 27.08.2020/lfr

SZ-Serie: Meter für Meter
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Die Sparkassenstraße verläuft, wo einst der Pfisterbach durch die Altstadt floss - in den die Münchner ihre Abfälle warfen. Heute findet man dort Anleger, Touristen und jede Menge Radler.

Von Thomas Anlauf

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