Leyla Akderi kommt keine fünf Meter weit. Es ist 4.54 Uhr am Samstagmorgen, als ihr Wägelchen umkippt und die ganzen schönen Flohmarktsachen auf dem Beton landen am Eingang zur Theresienwiese. Dabei hat sie eigentlich alles so gut vorbereitet. Aber: Akderi ist entspannt. Ganz anders als die Leute, die den noch im Dunkeln liegenden Platz schon in ein Meer aus hüpfenden Lichtern verwandeln, eine Art morgendliche Glühwürmchen-Party zum Gesang der ersten Vögel, die sich womöglich beim Anblick der Theresienwiese fragen, was das wohl werden soll. Wobei die Antwort im Grunde einfach ist, was man später auch am Beispiel einer unscheinbaren Glasschüssel am Stand von Anja Kurths sehen wird, die vielleicht die ganze Magie dieser Veranstaltung in sich vereint.
Für die einen ist es der Tag mit den irren Schnäppchen, für andere einer für einen Spaziergang samt erhandeltem Souvenir. Und für wieder andere, wie Arzthelferin Leyla Akderi, am Ende auf jeden Fall das gute Gefühl, endlich daheim Platz gemacht zu haben. Sie sagt, als alles wieder auf dem Wägelchen platziert ist und sie zu ihrem reservierten Platz marschiert: „Ich will die Klamotten hier vor allem alle loswerden.“


Beim Rundgang am frühen Morgen erfährt man Tipps und Tricks für Käufer und Verkäufer, und auch manchen Irrtum, der mit dem Flohmarkt-Wesen einhergeht. Zum Beispiel, als Akderi zu ihrem Bruder sagt, der das Auto noch schnell parken soll, das gerade noch mit Warnblinker am Esperantoplatz steht: „Ich gehe zum Platz, dann siehst du mich schon.“ Wenn eines sicher ist, dann das: Etwas wiederzufinden bei Hunderten Ständen und Zehntausenden Besuchern, ist nahezu unmöglich. Also gleich der erste Trick, der schon vor Sonnenaufgang zu sehen ist: Helium-Ballons, idealerweise markante, sind weithin sichtbar und darum sehr hilfreich, um den eigenen Stand zu markieren.
Beim jährlichen sogenannten Riesenflohmarkt des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) wird es zwischen fünf und sechs Uhr zunächst einmal hektisch, die Stimmung ist angespannt. Was auch an den mit Stirnlampen ausgerüsteten Schnäppchenjägern liegt, die bereits auf manchen Tischen ausgelegte Ware im Zeitraffer scannen und versuchen, die besten Stücke zu finden und abzugreifen. Wobei sie am Stand von Anja Kurths Pech haben, weil das beste Stück noch gar nicht ausgepackt ist, als der Himmel hinter der Paulskirche kurz rosa aufleuchtet, bevor das erste Tageslicht auf das wuselige Treiben unterhalb der Bavaria fällt.



Kleingruppen rollen Koffer, Wagen, Anhänger auf zuvor markierte Flächen, es rattert wie am Hauptbahnhof zur Stoßzeit. Die Polizei muss längst die Straßen rund um die Wiesn vor Wildparkern und Wildausladern schützen, während Arzthelferin Akderi ihren Platz gefunden hat, an dem sie tags zuvor bereits Tische und Waren deponiert hat. Nun befreit sie sie nur noch von einer Plane. Das ist Standard bei Flohmarktprofis, manch einer hat sogar die Nacht neben seinem Trödel verbracht. Akderi sagt: „Ich war jahrelang nicht da, denn beim letzten Mal wurde ich geschlagen.“ Es kann schon auch ruppig zugehen. Die 60-Jährige erzählt, dass sie morgens zu ihrem bereits gekennzeichneten Platz kam, der von einem Ehepaar belegt war. Es kam zu einer Diskussion, bei der ihr so heftig ans Schienbein getreten wurde, dass sie behandelt werden musste. Danach reichte es ihr erstmal mit Flohmarkt.
Im Morgenlicht liegt das Riesenrad des Frühlingsfests noch regungslos da, Jonathan Kurths schaut trotzdem schon ab und zu rüber. Der 14-Jährige ist mit seinen Eltern aus Starnberg hergekommen, um drei Uhr sind sie aufgestanden, Jonathan darf später dann noch aufs Frühlingsfest. Seine Familie ist ein klassischer Flohmarktfall, wie Mutter Anja sagt: „Vor einem Jahr ist die Schwiegermutter gestorben, wir haben den Dachboden aufgeräumt und hoffen, dass möglichst viele Sachen noch weiterleben.“ Kreuze, Wanduhr, Messer, Becher und die schon erwähnte Schale. „Ich habe die meisten Sachen im Internet gecheckt“, sagt Kurths. Sie weiß also, was jeder Gegenstand etwa wert ist. Und setzt das dann auch sehr elegant ein. Etwa beim nun folgenden, nahezu für ein Lehrvideo geeigneten Verkaufsgespräch.

Ein Vertreter der Spezies Stirnlampen-Jäger tritt an den Stand, zeigt auf ein Messer und fragt nach dem Preis. „15 Euro“, sagt Kurths. Der Gegenüber: „Gut, ich komme vielleicht wieder.“ Kurths ergänzt: „Das ist ein Messer zum Veredeln von Knospen.“ Profis raten beim Verkauf immer dazu, Geschichten über die Ware zu erzählen, das macht sie interessant. Die Stirnlampe bleibt dann doch stehen, zeigt auf ein weiteres Messer, Kurths bietet an: „Beide für 20?“ Auch das ist Flohmarkt-Einmaleins, mehrere Sachen zusammen kaufen und verkaufen, wenn möglich, das erhöht die Wahrscheinlichkeit, etwas zu verkaufen. Stirnlampe: „15“, Kurths: „18“, „15“, „16“, „Ok!“
„Ich will vor allem nichts mehr mit nach Hause nehmen“, sagt Kurths noch, die als Lehrerin arbeitet. Und dass sie den Käufern rät: „Immer handeln!“ Sie habe das im Studium in Israel auf den Märkten erlebt, da gehöre das dazu. Und dann stellt sie eine Glasschüssel auf den Tisch, die man als bernsteinfarben bezeichnen könnte, oder auch eitergelb. „Murano-Glas, aber ich finde sie – offen gestanden – nicht schön.“ Auch deshalb war sie sehr überrascht, was die Internetrecherche ergab: bis zu 600 Euro wert.


Genau das ist der Traum eines Schnäppchenjägers, idealerweise noch mit einem Ahnungslosen am Stand, der das Stück für ein paar Euro hergibt, um es nicht wieder mitnehmen zu müssen. Und so startet der Tag ins große Geschäft auf der Wiesn. Es wird hell, warm, die Leute flanieren durch die kleinen Gassen zwischen den Ständen, von Lego-Welten zu Klamottenständern, von Profi-Schildverkäufern zu Nachlass-Ständen, von Schallplatten-Profis zu Kinderzimmer-Auflösungen mit Schlumpf- und Playmobil-Sammlungen.
Später werden die Organisatoren von einem guten Flohmarkttag berichten mit insgesamt 3500 Ausstellern und über den Tag verteilt 80 000 Besuchern. Manche davon schlendern am Morgen noch gähnend herum, die Flaneure lassen sich aber ohnehin Zeit bis nach dem ersten Besucher-Peak. Ab neun Uhr wird es dann eine Art Volksfest wie sonst im Herbst an dieser Stelle, nur ohne Bier und überzogene Preise.

