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Neuhausen/Westend:Clownerie als Therapie

Das innere Kind, das Quatsch machen darf, wird in der Ausbildung wiederentdeckt.

(Foto: Catherina Hess)

In der Ausbildung zum Therapeutischen Clown lernen Gesundheitsmitarbeiter nicht nur, wie sie als Clowns mit Patienten umgehen: Die Ausbildung weckt auch das Kind im Erwachsenen.

"Bitte mehr!" ruft ein Junge aus dem Publikum. Gerade hat Alexander Radinger als aufgeregter Clown die letzte Nummer angekündigt. Was heißt angekündigt, er hat bescheiden angefragt, ob noch eine geht. Überhaupt ist Alexander, der Clown, sehr unsicher. Mit nach innen eingeknickten Beinen steht er bei all seinen Ansagen auf der Bühne und gibt auch noch zu: "Ich bin total nervös." Jetzt also fragt er das junge Publikum im "Waisenhaus", einer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung der Landeshauptstadt, in der Kinder mit oft schmerzlichen Erfahrungen in ihren Familien leben, sogar, ob die Clowns noch erwünscht sind.

Und wie sie das sind! Kein Wunder, denn gerade ist die Stimmung auf einem Höhepunkt. Bei der Nummer der Clowninnen Gitta und Gaby, assistiert von Clown Peter, bei der es im wahrsten Sinne des Wortes drunter und drüber geht, Gitta vergeblich versucht, einen Vorhang auf eine Stange zu hängen, hinter der Gaby beginnt, sich aus- beziehungsweise dann doch nur umzuziehen, bis sie schließlich auch ihre Stepptanzschuhe anhat, springen die Kinder fast alle von ihren gemütlichen großen Liegekissen auf und steppen gemeinsam mit Gaby. Ja, so darf man es ruhig nennen, denn ob richtig oder falsch ist gerade vollkommen schnuppe, es ist laut, es ist bunt, es ist lustig, es ist einfach wunderbarer Quatsch, den die Clowns vorgemacht haben und der die Kinder innerhalb kürzester Zeit angesteckt hat. Es ist ein Spiel, es ist verrückt, es hat keinen tieferen Sinn und keine Botschaft, was da auf der Bühne passiert. Außer der einen natürlich: Es ist okay, komisch und nicht ganz normal zu sein.

Die zwölf Clowns, die an diesem Nachmittag mit ihren Dozenten Jutta Tomandl und Alexander Radinger, beide Ärzte und ausgebildete Clowns, im Waisenhaus agieren, sind die Teilnehmer des ersten Weiterbildungkurses der Döpfer-Akademie mit dem Titel "Therapeutische Clownerie", der sich vor allem an Mitarbeiter aus dem Gesundheitswesen richtet, aber auch offen für jedermann sonst ist. Alle haben knapp ein Jahr lang jeden Monat ein Modul mit unterschiedlichen Inhalten hinter sich gebracht, drei mit Dozent Stefan Weixelbaumer, Psychotherapeut und Theaterpädagoge.

Darin geht es unter anderem um Körperarbeit und darum, den eigenen Clown in sich zu entdecken. Weitere Themen der Emotionsarbeit sind etwa "Die Welt der großen und kleinen Gefühle entdecken" oder "Mein inneres Kind". Auch szenische Dramaturgie steht auf dem Stundenplan. In weiteren Modulen mit Radinger und Tomandl ging es um Improvisationen kleiner Szenen, vieles gestisch und nonverbal, aber auch Sprachwitz wird geübt. "Wir vermitteln, dass der Clown keine Rolle ist, die wir mühsam erlernen müssen. Der Clown ist ein Anteil in uns, ähnlich dem inneren Kind, das in uns lebt", sagt Radinger. "Unsere Aufgabe ist es, über Übungen, Improvisation, Achtsamkeit und gelebte Praxis den Teilnehmern Türen zum inneren Clown zu öffnen, den viele verdrängt oder in sich vergraben haben. Das Clown-Sein ist bei jedem individuell, anders ausgeprägt- was hervorkommt ist immer wieder ein Wunder." Wichtig sei auch der Praxisbezug. Daher werden auch Situationen nachgestellt, wie man sie später erleben wird, etwa im Altenheim, auf einer Kinderstation oder im Krankenhaus. Denn die therapeutischen Clowns haben weniger Auftritte auf der Bühne, wie im Waisenhaus, sondern es geht meist um direkte Interaktion mit Patienten oder Klienten in diversen Einrichtungen. Carolin Göppel, Leiterin der Weiterbildung der Döpfer-Akademie, ist stolz darauf, dass dieser Kurs bayernweit einmalig ist. Es gebe in München zwar die Klinikclowns, diese hätten jedoch einen eher künstlerischen Ansatz und längerfristige Ausbildungen. Die Weiterbildung dauert zehn Monate.

Für ihre gute Laune brauchen die Teilnehmer des Kurses keinen Grund, die ist einfach da.

(Foto: Catherina Hess)

Ganz wichtig sind aber nicht nur die Techniken oder Methoden, die in dem Kurs vermittelt werden, sondern vor allem die innere Haltung. "Die Clownerie ist eine Lebenshaltung", sagt Göppel. Ein Clown darf Fehler machen. Fehler sind sogar etwas Gutes, denn man lernt aus ihnen. Und die Angewohnheit des Verletztseins, des Sich-Schämens? Die wird in diesem Kurs ganz schnell weggezaubert. Zum Beispiel durch die "Waschstraße": Bevor jemand etwas vorführt, geht er durch ein Spalier der anderen Teilnehmer, die ihm alle etwas Positives zuflüstern und ihn oder sie streicheln und aufmuntern. Oder bei Spielen wie dem, das in den Unterrichtsstunden vor dem kleinen Auftritt im Waisenhaus gemacht wird. Eine Art Schnick-Schnack-Schnuck mit Rollen.

Und das geht so: Burgfräulein schlägt Prinz, Prinz schlägt Drache, Drache schlägt Burgfräulein. Zwei Gruppen spielen gegeneinander, sie besprechen, was sie darstellen werden. Die eine entscheidet sich für Burgfräulein, die andere für Prinz. Jutta Tomandl zählt bis zum Einsatz: Die Burgfräuleins verdrehen jetzt alle kokett die Hüften und heben die Zipfel eines eingebildeten Röckchens, die Prinzen machen einen Ausfallschritt und halten ein imaginiertes Schwert hoch. Die Burgfräuleins haben gewonnen. Zweite Runde. Die anderen sind jetzt Burgfräuleins, die Gegner aber machen gar nichts, stattdessen rufen sie fröhlich: "Fehler! Fehler! Fehler!"

"Noch jemand eine rote Nase?" wird kurz vor dem Auftritt gefragt. Die gibt's als Farbtupfe.

(Foto: Catherina Hess)

Wann immer in diesem Kurs jemand einen Fehler macht, jubeln alle. Denn ein Clown will gar nicht perfekt sein. Ein Clown macht, was er will. Ein Clown darf auch ängstlich sein und schüchtern und tollpatschig und alles andere, was "man" im sonstigen Alltag lieber nicht ist, weil man Angst vor dem Urteil der anderen hat. "Der Clown ist ein Sinnbild dafür, liebevoll mit den eigenen Schwächen umzugehen", sagt Jutta Tomandl. "Er verkörpert das Paradoxon des Fehlers: Durch einen Fehler gehen neue Türen auf." Und Radinger ergänzt: "Auf dem Gipfel des Scherbenhaufens entwickelt der Clown seine größte Kraft."

Dieser Freiraum tut nicht nur denjenigen gut, denen die Teilnehmer einmal in der neuen Rolle als therapeutische Clowns begegnen werden, sondern auch ihnen selbst. Katrin Schönfeld, 41, ist Ärztin in Ruhpolding. Sie hat in dem Kurs zahlreiche erhellende Erlebnisse gehabt. So hat sie "den gesunden Kontakt, den der Clown zu sich selbst braucht" kennengelernt ebenso wie die Möglichkeit, "Menschen innerhalb sehr kurzer Zeit auf einer tiefen Ebene berühren zu können." In der Gruppe hat sie den wertschätzenden Umgang genossen, der ihr ermöglicht hat, sich "zu zeigen". Geliebt hat sie "das Fehler-machen-dürfen", und dass dies sogar zelebriert wurde. Auch für den Sozialtherapeuten Peter Dengler, 44, war der Kurs ein Meilenstein. "Vorher war ich fast ein bisschen depressiv", sagt er. "Durch den Kurs habe ich meine Mitte gefunden, ich habe hier so viel Liebe bekommen, die kann ich jetzt als Clown weitergeben."

Beim entspannten Quatschmachen hilft natürlich auch die bunte und verrückte Kleidung, die sich jeder Teilnehmer selbst aussuchen kann.

(Foto: Catherina Hess)

Erwähnt werden muss natürlich auch die verrückte Kleidung, mit der man sich einfach in jemand anders verwandelt. Mit der man quasi all das ausschalten kann, was einen vorher daran gehindert hat, einfach entspannt Spaß zu haben. Mit der man jeden Quatsch machen darf. Quatsch, der nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Senioren oder Kranken und überhaupt bei jedem Menschen etwas zum Leben erweckt, das vielleicht viel zu lange geschlummert hat. Als die Clowns mit Gesang aus dem Saal des Waisenhauses ausziehen, schauen einige Kinder traurig. Doch vielleicht sagen sie ja bald zu ihren Betreuern: "Bitte mehr."

Die nächste Ausbildung zum therapeutischen Clown in der Döpfer-Akademie beginnt im Mai. Anmeldung bis Anfang Mai. Telefon: 54 71 79 38. An diesem Sonntag findet im Rationaltheater die Abschluss-Vorführung statt. Sie ist ausverkauft.

© SZ vom 08.02.2020/wean
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