Natürlich, die Themen sind lange da: Antisemitismus, Faschismus, NS-Diktatur. Die Auseinandersetzung damit zu führen, gehört seit Jahrzehnten zur DNA der deutschen Theater. Blickt man derzeit in die Spielpläne, so gewinnt man jedoch den Eindruck, dass die Frequenz zunimmt, dass die Warnungen lauter werden in der politisch wachen und wachsamen Szene. Wer hinschauen und verstehen will, der hat im Theater gerade genug Möglichkeiten.
Da ist nicht nur Intendant Christian Stückl, der sich mit der Uraufführung von Lichtspiel nach dem Roman von Daniel Kehlmann am Münchner Volkstheater mit dem Nationalsozialismus und Künstlersein in einem Regime auseinandersetzt. Die Premiere wurde krankheitsbedingt auf den 31. Oktober verschoben. Das ganze Haus widmet sich zudem am 13. November mit dem Tag der Quellen und Gesprächen gegen das Vergessen jüdischen Zeugnissen aus der Zeit der NS-Diktatur. „Es ist an uns allen für eine freie und offene Gesellschaft einzustehen und junge Menschen für diese Themen zu sensibilisieren und aufzuklären“, teilt das Volkstheater mit.
Auch Regisseurin Elsa-Sophie Jach setzt sich am Bayerischen Staatsschauspiel mit dem Milieu auseinander, in dem der Faschismus gedeihen konnte. Sie holt Marieluise Fleißers Roman Eine Zierde für den Verein am 16. November auf die Bühne im Marstall. Die Inszenierung von Fleißers „Roman vom Rauchen, Sporteln, Lieben und Verkaufen“ um den Schwimmer und Tabakwarenhändler Gustl Gillich und dessen Unterdrückung seiner Frau Frieda, die ihm davonläuft, kündigt das Haus so an: „In diesem Sinn mag man Fleißers Prosa in Zeiten, in denen es erneut zu antisemitischen Übergriffen kommt, toxische Männlichkeit floriert und Frauenrechte wieder neu zu verteidigen sind, als Aufruf zur Wachsamkeit verstehen.“
Die Politik wirkt sich auf die Beziehungen im Kleinen aus – und umgekehrt. Auf die Mikrokosmen unserer Gesellschaft zu blicken, weitet den Blick fürs Ganze, zeigt auch hier die Unruhe unserer Zeit. Im Cuvilliéstheater inszeniert etwa Miloš Lolić Die Ärztin von Robert Icke, eine sehr freie Bearbeitung von „Professor Bernhardi“ von Arthur Schnitzler, Premiere ist am 21. November. Bei Icke gerät die Ärztin Dr. Ruth Wolff in einen medialen Shitstorm, gespickt mit antisemitischen und frauenfeindlichen Ressentiments, der ihre Existenz gefährdet. Zuvor hat sie in ihrer Klinik einem Priester verweigert, die Sterbesakramente zu erteilen.
Und die Klassiker?
Auf kleinere Beziehungsstrukturen blicken zwei Premieren an den Kammerspielen und im Residenztheater. In beiden Stücken geht es um pflegende Angehörige und die Konflikte, die daraus erwachsen. Im Werkraum wird das Gewinnerstück des Münchner Förderpreises für neue Dramatik gezeigt, Drinnen von Matthias van den Höfel (Premiere am 23.11.), unter anderem mit Annette Paulmann und Sebastian Brandes. Hier pflegt eine Mutter ein behindertes Kind. Im Residenztheater treten Manfred Zapatka und Juliane Köhler in dem Zwei-Personen-Stück um Vater und Tochter Blind von Lot Vekemans auf.
Und die Klassikerpflege? Die fehlt auch nicht. Das Volkstheater übt sich dabei allerdings in einer Klassiker-Zerlegung. Autorin Arna Aley hat sich Lessing vorgenommen, am 15. November bringt Hausregisseur Philipp Arnold Unsterblichkeit oder: Die letzten sieben Worte Emilia Galottis zur Uraufführung. Und in den Kammerspielen inszeniert Felicitas Brucker – die mit ihrer „Nora“ dem Haus eine Einladung zum Theatertreffen bescherte – nun Henrik Ibsens Baumeister Solness in einer Fassung mit Texten von Gerhild Steinbuch (Premiere am 22.11.).

